Zeitreisen

Jahr in G.: 2021

Ich wachte erst auf, als es draußen knallte. Irgendwer hatte also doch Feuerwerk besorgt. Mir war das egal. Neben mir lag meine dreijährige Tochter, die sich unruhig fiebernd hin und her wälzte. Nichts Schlimmes, zum Glück, vor allem nichts mit “C.”. Trotzdem unschön – und archetypisch insbesondere für die letzten Monate des Jahres 2021. Ein Infekt war hier gefühlt nahtlos vom nächsten abgelöst worden. Wie Kettenrauchen, nur ohne Zigaretten.

Nicht untypisch, wie mir der Kinderarzt bei der U-Untersuchung einige Wochen vorher schon prophezeit hatte. “Derzeit sind alle ständig krank, gerade Kita-Kinder.” Doof ist es trotzdem. Man ja nur wenig tun, außer eben da sein und Fiebermittel verabreichen und immer mal wieder in den Arm nehmen, wenn sie aus dem Schlaf hochschreckt.

Mit diesem Silvester starte ich in mein viertes Jahr als Vater, seit dem vergangenen Jahr sogar als doppelter Vater. Den Rückblicken merkt man das natürlich an und es wird sich wohl auch in diesem Jahresrückblick nicht ganz ausblenden lassen. Wenig verändert ein Leben so sehr, wie das Elternwerden. Auf mehrfachen Wunsch schreibe ich ihn natürlich trotzdem, meinen Jahresrückblick  – natürlich wie immer: in G..

Geboren: Klar, dieser Punkt muss nach ganz oben. 2021 kam meine zweite Tochter zur Welt. Anders als meine Erstgeborene, die sich arbeitgeber- und schlaf-schonend sonntagmittags ankündigte und sonntagabends auf der Welt war, ging es dieses Mal morgens um vier los. Aufregend. Vor dem Krankenhaus musste ich erstmal warten. Corona-Sicherheitsregeln. Rein durfte ich erst mit einiger Verzögerung und nach einem negativen Test. So oder so: die Geburt eines Kindes, noch dazu des eigenen, ist auch für mich als Mann sicher eine der unglaublichsten Erfahrungen, die man im Leben machen kann.

Gefeiert: Wenig. Da war der Jahreswechsel also durchaus typisch 2021. Dabei hätte es durchaus Anlässe gegeben, wie gerade oben beschrieben. Vielleicht werde ich aber auch einfach nur alt. Oder wie sonst kann es sein, dass der Abendausklang der diesjährigen Managementtagung meines Arbeitgebers die wohl wildeste “Party” war, die ich im vergangenen Jahr erlebt habe?

Gereist: Wenig, aber schön. Fast schon traditionell ging es im Sommer für ein paar Tage nach Ostfriesland, was sich immer auch ein wenig wie ein Nach-Hause-Kommen anfühlt. Außerdem war ich das erste Mal alleine mit einem geliehenen Van unterwegs und habe ein wenig Wohnmobil-Feeling im Ruhrgebiet genossen. Für zwei Nächte nur, aber schön war es trotzdem. Ebenfalls für zwei Nächte ging es nach München. Endlich mal wieder eine Augustiner-Maß im gleichnamigen Biergarten.

Gelesen: 30 Bücher, wobei ich gelesen an dieser Stelle mit gehört gleichsetzen würde. Gerade auf langen Autofahrten oder beim Joggen gibt es für mich nichts besseres als ein gutes Hörbuch. 2021 war das Verhältnis von gelesenen Büchern zu gehörten etwa 2:1. Im Gedächtnis geblieben sind mir unter anderem:

  • Joel Dicker, Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert
  • Hugh Howeys Silo-Trilogie
  • Felicitas Korn, Drei Leben lang
  • Andreas Eschbach, NSA
  • Stephen King, Billy Summers
  • Benedict Wells, Die Wahrheit über das Leben
  • Sven Regener, Glitterschnitter

Gehört: Irgendwo habe ich gelesen, dass der Musikgeschmack sich nach der Pubertät eigentlich nicht mehr viel verändert. Bei mir stimmt das auf jeden Fall. Zumindest auf meinen Playlists tummeln sich seit Jahren die immer gleichen Künstler. Wenn ich dem Streamingdienst meines Vertrauens glauben darf, waren das im vergangenen Jahr vor allem: Billy Joel, Bruce Springsteen, Brandon Flowers und Frank Turner. Dazu kamen – das ist tatsächlich neu – einige amerikanische Country Songs, die sich in diesem Zusammenhang beinahe schon ironisch anfühlen. Sie erinnern mich aber tatsächlich am ehesten an den einen oder anderen Roadtrip durch die USA und sind deshalb hin und wieder nostalgisch-schön.

Gebloggt: Gerade mal zwölf mal. Ein Tropfen in dem See von immerhin 1190 Beiträgen, die ich in den vergangenen 14 1/2 Jahren geschrieben habe. Erwähnte ich schon, dass ich nun doppelt Papa bin?

Geatmet: Man sagt ja, dass man mit einem Hund automatisch viel Zeit an der frischen Luft verbringt. Ich brauche keinen Hund. Ich habe eine spielplatz-verrückte Tochter. Dabei ist relativ egal, ob es Sommer oder Winter, kalt oder warm, hell oder dunkel ist. Stundenlang geht es an den Wochenenden von einem Spielplatz zum nächsten. Und so wie es derzeit aussieht, steht meine zweite Tochter meiner Erstgeborenen hier nicht viel nach. Manchmal frage ich mich, was ich eigentlich früher an so einem normalen Samstag alles gemacht habe. So viel Zeit! Doch je länger ich darüber nachdenke, desto schneller beschließe ich dann, nicht mehr darüber nachzudenken.

Gekündigt: Netflix, da keine Zeit. Dann nach einem halben Jahr wieder abgeschlossen, um auf dem Crosstrainer im Fitnessstudio Friends und “Don’t look up” zu schauen. Und jetzt weiß ich auch nicht.

Gekauft: Eine Jeans. Vier Mal. Nennt mich langweilig, aber ich tue mich derart schwer, eine passende Alltagshose zu finden, dass ich eigentlich und mit wenigen Ausnahmen immer die gleiche Hose kaufe. Eine, in die meine Beine reinpassen und die trotzdem am Bund nicht zehn Zentimeter zu weit ist. Mit Schrecken musste ich Anfang des Jahres dann feststellen, dass es ausgerechnet diese Hose nicht mehr gab. Gar nicht mehr, nirgendwo. Also habe ich eine Alternative gesucht und nach etwas Hin- und Herschickerei auch gefunden. Die wiederum gefiel mir dann so gut, dass ich gleich drei Ersatzhosen des gleichen Typs geordert habe. Größere Anschaffungen ansonsten? Ein neues Handy und nach langem inneren Ringen passend dazu ein Airpods Pro, von denen ich ehrlicherweise immer noch begeistert bin. Es gibt einfach Dinge, für die es sich am Ende doch auszahlt, einmal mehr Geld auszugeben.

Gegossen: Als ich nach meiner Elternzeit vor zwei Jahren ins Büro zurückkam, stand dort ein Willkommensgeschenk: eine Pflanze. Was soll ich sagen? Sie lebt noch! Seit zwei Jahren! Ob ich wohl doch einen grünen Daumen habe?

Geträumt: Vom Reisen. Wieder mal auf große Tour gehen, das wärs. Mit dem Wohnmobil für ein paar Wochen quer durch die USA oder durch Kanada fahren.  Endlich mal wieder nach Südamerika. Oder endlich mal wieder für ein paar Tage nach London. Oder oder oder. Aber mit diesen Träumen bin ich wohl gerade aktuell nicht allein.

In diesem Sinne, allen ein frohes neues Jahr 2022!

PS: Hier geht es zu den älteren Jahresrückblicken in G. von 20122014201520162017, 2018 und 2020. (2019 gab es keinen Rückblick, da wir gleich zum 1. Januar 2020 in das Abenteuer Elternzeit in den USA gestartet sind.)

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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