Appin lukin

Die Erste war tatsächlich noch aus Vinyl: David Hasselhoff, „Crazy for You“. So hieß meine erste Musiksingle. Vermutlich lagert sie heute irgendwo im Keller meiner Eltern. Die hatten mir die Schallplatte damals zum Geburtstag geschenkt. Dabei hatte ich mir doch eigentlich  „I’ve been looking for freedom“ („Appin lukin for fridum“) gewünscht. Mit dem Lied hatte der Knight-Rider-Schauspieler Hasselhoff ein Jahr zuvor die Hitparaden gestürmt und mich, der sonst mit Hörspielen eigentlich ganz glücklich gewesen war, über Nacht zum Musikfan gemacht.

„Crazy for You“ war Hasselhoffs neuester Hit. Ich nehme an, dass der Plattenverkäufer meinen Eltern deshalb diese Single empfohlen hatte. Unmöglich, wird er gedacht haben, dass ich „Looking for freedom“ nicht ohnehin schon im Schrank stehen hatte.

Wenn ich heute an die Anfänge meiner Pubertät zurückdenke, sehe ich mich im Wohnzimmer auf dem Boden liegen. Auf den Ohren habe ich die Kopfhörer, die mein Vater zusammen mit seiner nagelneuen Pioneer-Musikanlage gekauft hatte. Sündhaft teure Dinger, die mit einem dicken 6,35 Millimeter-Klinkenstecker mit dem Verstärker verbunden wurden und mit großer Vorsicht behandelt werden mussten.

David Hasselhoff war zu dieser Zeit musikalisch kein Thema mehr. Statt dessen joggte er mit einer roten Rettungsboje den Strand Malibus entlang. „Baywatch“ war noch viel erfolgreicher als es „Knight Rider“ je gewesen war.

Auch Schallplatten gab es eigentlich keine mehr. Statt dessen hatte die CD ihren Siegeszug angetreten und war gerade dabei, die Kassette als Tonträger zu verdrängen. Und weil der einzige CD-Player der Familie nun einmal meinem Vater gehörte, blieb mir nichts anderes übrig, als meine Musik im Wohnzimmer zu hören. Denn Musik musste sein – kein Weltschmerz ohne passenden Soundtrack!

Das war wohl der Grund, warum nicht nur ich, sondern auch alle meine Freunde sich zur Konfirmation sehnsüchtig vor allem eines wünschten: eine eigene Stereo-Anlage. Die hatte im Idealfall nicht nur einen eigenen CD-Player, sondern auch ein Doppel-Kassettendeck. Dann nämlich konnte man nicht nur alle seine Lieblings-CDs in eine Walkman-kompatible Form überführen. Außerdem konnte man endlich eins-zu-eins-Kopien von den Lieblingstapes seiner Freunde machen. Oder Mix-Tapes für für das hübsche Mädchen aus der Parallelklasse aufnehmen, die man am Ende doch nie verschenken würde, weil man dafür ja miteinander sprechen müsste.

Musik war für ich in dieser Zeit viel mehr als nur ein Hintergrundrauschen. Der richtige Song zum richtigen Zeitpunkt war wie ein gutes Gespräch, das einem neues Selbstbewusstsein geben konnte. Ich erinnere mich daran, wie ich abends eine Musikkassette zu einem bestimmten Lied vorgespult habe, nur um es morgens vor dem aus-dem-Haus-Gehen hören zu können. Zu wissen, was gerade in den Bravo-Charts auf Platz 1 stand, war genauso wichtig, wie die richtige Turnschuhmarke zu tragen. Zu ahnen, wer erst in ein paar Wochen auf Platz 1 landen würde, war sogar noch besser.

Ich erinnere mich daran, wie ich an manchen Nachmittagen nur deshalb 20 Minuten mit dem Bus in die Stadt gefahren bin, um mir der gefühlt riesigen Saturn-CD-Abteilung die Neuerscheinungen anzuhören und zu schauen. Ein Album kostete damals typischerweise 32,99 DM, Singles waren für um die 10 DM zu haben.

Heute kauft kaum jemand mehr ganze Alben. Musik kommt aus der Cloud, und auch Stereo-Anlagen wie ich sie damals kannte, sind eher selten. Schon der Begriff „Stereo“ wirkt wie ein Anachronismus, weil kaum jemand sich Gedanken darüber macht, dass Musik auch „mono“ sein kann. Das Handy hat nicht nur den Walkman längst abgelöst, sondern inzwischen sogar Apples einstigem Nummer-1-Zugpferd, dem iPod, den Todesstoß versetzt. Schon 2014 hat der Konzern die Produktion des mobilen Musikspielers eingestellt, im Sommer dieses Jahres folgten die kleinen Geschwister iPod nano und iPod shuffle.

Ich höre trotzdem noch gerne Musik. Dass ich dafür nicht mehr auf dem Wohnzimmerboden meiner Eltern liegen muss, ist recht praktisch. Allerdings ist Musik längst nicht mehr so omnipräsent, wie sie während meiner Pubertät war. Meine Stereoanlage allerdings habe ich noch. Nur steht die wie die Hasselhoff-Single – irgendwo im Keller meiner Eltern.

In diesem Sinne, was ich heute so höre poste ich übrigens mehr oder minder regelmäßig in der Rubrik Kopfkonzert …

Bahnhof Cronenberg

Handyschnappschuss vom alten Bahnhof in Wuppertal-Cronenberg. Den Zaun gab es früher nicht, als ich hier noch regelmäßig auf dem Weg zum Schwimmtraining vorbeigekommen bin. Ist manchmal komisch, wie schnell die Zeit vergeht. In diesem Sinne …

Fünf Sekunden

Oft sind es nur fünf Sekunden, von denen man sich wünscht, dass man sie nur geträumt hat. Der eine kurze Moment, in dem man unachtsam war, und der dann zur Katastrophe geführt hat. Zu einem Unfall zum Beispiel, der das ganze Leben verändert hat. Oder schlimmer: nicht nur das eigene Leben. Alles, weil man eine falsche Bewegung gemacht hat, eine falsche Entscheidung getroffen hat oder einfach unachtsam gewesen ist.

Als ich noch regelmäßig an den Wochenenden mit dem Auto zwischen Karlsruhe und Ulm gependelt bin, hatte ich hin und wieder Momente, wo ich im Nachhinein gedacht habe: verdammt, da habe ich Glück gehabt. Ich nehme an, so geht es jedem irgendwann, der regelmäßig und viel Auto fährt. Als Mensch ist man bei allen guten Vorsätzen eben nicht unfehlbar. Trotzdem habe ich manches Mal gedacht: wenn jetzt etwas passiert wäre, ich hätte mich mein Leben lang über die fünf Sekunden geärgert, die ich abgelenkt war. Etwa weil ich wider besseren Wissens nach der Wasserflasche auf dem Beifahrersitz geangelt habe. Könnte ich jetzt in die Vergangenheit reisen, ich müsste nur diese fünf Sekunden ändern, und alles wäre anders. Geht aber leider nicht.

Es muss allerdings gar nicht immer gleich ein Unfall oder ähnliches sein, um dieses Gefühl zu haben. Oft reichen viel banalere Situationen, die zwar lange nicht so dramatisch sind, sich aber in dem einen Moment trotzdem fies anfühlen.

Ich erinnere mich an eine Situation in Mendoza in Argentinien. Ich saß am Fernbusbahnhof auf einer Bank und packte gerade Dinge aus meinem großen Rucksack in meinen Tagesrucksack. In einer Stunde würde ich nach Salta im Norden des Landes weiterreisen. Plötzlich ging dieser Mann an mir vorbei. Als er gerade an mir vorbei war, fiel ihm ein Schlüsselbund aus der Tasche. Mehr aus einem Reflex heraus bückte ich mich, um den Schlüssel aufzuheben. Im gleichen Moment rannte ein zweiter Mann hinter mir vorbei, griff sich meinen Tagesrucksack und verschwand in einer Unterführung.

Glück im Unglück: meinen Reisepass hatte ich noch nicht umgepackt. Ansonsten hätte ich die geplante Weiterreise nach Neuseeland wohl knicken können. Ärgerlich war das Ganze trotzdem. Vor allem, weil ich mir immer wieder selbst die Frage stellte: was wäre gewesen, wenn ich mich einfach nicht nach dem Schlüsselbund gebückt hätte. Wobei: vermutlich hätte ich dann nicht einmal gemerkt, was mir erspart geblieben wäre. Das ist ja das Gemeine an eben diesen fünf Sekunden. Bewusst werden sie einem meist nur dann, wenn man die falsche Entscheidung getroffen hat.

Eine andere Geschichte ist mir gestern passiert. Mit einer Kollegin zusammen war ich in einem großen Einkaufszentrum hier in der Nähe. Einkaufen für ein kleines Sommerfest in der Firma. Wir standen gerade vor dem Pfandautomaten des Getränkemarktes, als mir auffiel, dass die Innentasche meiner Jacke offen war. Mein Handy war noch darin, nicht allerdings mein Portemonnaie, von dem ich eigentlich sicher gewesen war, dass ich es ebenfalls dort hinein gesteckt hatte. Oder hatte ich mich geirrt?

Ein Anruf im Büro brachte Sicherheit. Hier war der Geldbeutel nicht. Aber wo hatte ich ihn verloren? Im Geist ging ich den Weg vom Auto zum Einkaufszentrum noch einmal durch. War mir irgendwer zu nahe gekommen, so dass er, entsprechende Fingerfertigkeit vorausgesetzt, unauffällig an meine Innentasche rangekommen wäre? Eigentlich nicht. Auch auf dem Weg zurück zum Auto lag nirgendwo ein Portemonnaie auf dem Boden. Was freilich nichts hieß: wenn jemand gesehen hatte, wie mir der Geldbeutel aus der Tasche gerutscht war, hätte er oder sie sich einfach nur bücken müssen.

An der Infotheke des Einkaufszentrums war kein Geldbeutel abgegeben worden. War er vielleicht in eine der Getränkekisten gefallen, als ich diese in den Pfandautomaten geschoben hatte? Zwar suchten die freundlichen Mitarbeiter des Getränkemarktes extra für mich die Fließbänder ab, fanden jedoch nichts.

Das war es dann also. Fünf Sekunden unaufmerksam gewesen, und nun würde ich Tage brauchen, um alle Karten und Ausweise neu zu beantragen. Schlimmer noch: mein Führerschein war in dem Portemonnaie gewesen, und den würde ich bei der geplanten USA-Reise brauchen, um den Mietwagen zu mieten und zu fahren. Unwahrscheinlich, dass der neue Führerschein rechtzeitig fertig ist. Selbst wenn ich sofort einen Termin im Bürgerbüro bekäme, würde es wohl nicht klappen. Erkennen sie in den USA deutsche Ersatzbescheinigungen an? Vermutlich nicht.

Allerdings hatte ich in diesem Fall Glück im Unglück. Per Slack schrieb mir kurz darauf ein Kollege, dass jemand für mich angerufen habe. Worum es geht, habe er nicht gesagt, nur, dass er mich sprechen wollte.

Der Name, nennen wir ihn hier einfach X, sagte mir nichts, als ich die angegebene Nummer gewählt hatte, begrüßte mich allerdings eine freundliche Männerstimme mit den Worten: „Kann es sein, dass Ihnen etwas fehlt?“

X hatte meinen Geldbeutel neben meinem Auto auf dem Boden liegen gesehen und eingesteckt. Dann hatte er noch einen Moment gewartet und überlegt, ob er das Portemonnaie einfach irgendwo im Einkaufszentrum abgeben sollte, was ihm aber zu unsicher erschienen war. Der Presseausweis im Portemonnaie hatte ihn dann auf die Spur meiner Firma gebracht.

Als ich den Geldbeutel wenig später bei ihm abholte, war ich so dankbar, dass die fünf Sekunden Unachtsamkeit nun auf so praktische Weise und ganz ohne Zeitreisen nivelliert worden waren, dass ich X spontan den Inhalt meines Scheinfachs als Finderlohn überreichte. Ein gutes Geschäft für uns beide, denn alle Karten neu zu beantragen wäre definitiv teurer geworden.

In diesem Sinne, passt gut auf Euch auf – und auf Eure Geldbeutel!

10 G.

„Ich glaube, manchmal weigern sich die Worte absichtlich, aus meinem Kopf in meine Finger und anschließend in die Tastatur meines Laptops zu fließen.“

Mit diesen Worten habe ich den ersten Post begonnen, den ich auf Felix‘ Welt veröffentlicht habe. Heute ist das auf den Tag genau 10 Jahre her. Da Online-Jahre mindestens wie Hundejahre gezählt werden müssen, könnte man also sagen, dass mein Blog heute mindestens 70. Geburtstag feiert, je nachdem, wie man Hundejahre rechnet. Zeit für einen Rückblick – natürlich in G..

Gestartet: Als ich mit Felix‘ Welt begonnen habe, waren Blogs noch eine Randerscheinung. Die meisten meiner Freunde konnten noch nicht einmal mit dem Begriff etwas anfangen. Eine Bekannte einer Bekannten gehörte allerdings damals zu den Exoten, die bereits regelmäßig Gedanken ins Internet stellten. Veröffentlicht hat sie diese auf ihrem Myspace-Profil. Das habe ich immer gerne gelesen. Der Auslöser, es selbst mit einem Blog zu versuchen, war meine Masterarbeit. Weil ich hier partout nicht weiterkam und es satt hatte, stundenlang gar nichts zu Papier zu bringen, habe ich eben mit dem Bloggen angefangen

Gehosted wurde Felix‘ Welt seitdem auf drei verschiedenen Servern. Anfangs lautete die Adresse noch felix-welt.blogspot.com, ein Angebot von google. 2008 zog ich die Seite auf den ersten eigenen Webspace und auf wordpress um. Nachdem dieser irgendwann zu klein zu werden drohte, folgte vor zwei oder drei Jahren ein weiterer Wechsel.

Gemailt: In erster Linie schreibe ich für mich. Trotzdem wäre es natürlich nett, wenn auch andere lesen, was ich so ins Internet schreibe, dachte ich mir damals. Die ersten, die von Felix‘ Welt erfuhren, waren die Menschen, die ich schon einige Jahre zuvor regelmäßig per Mailverteiler mit den Erfahrungen meiner Weltreise belästigt oder belustigt hatte. Wieder per Rundmail verkündete ich, dass ich nun auch unabhängig von etwaigen Reiseaktivitäten schreiben würde, und dass sie herzlich eingeladen wären, ebendies zu lesen.

Gesucht: Es dauerte nicht lange, bis auch andere Menschen auf meinen damals noch sehr jungen Blog aufmerksam wurden. Ob die allerdings immer fanden, was sie suchten, wage ich zu bezweifeln. Einer der beliebtesten Suchbegriffe, über die Menschen Felix‘ Welt damals fanden, lautete „Sex im Flugzeug“. Verstärkt wurde dieser Trend dadurch, dass ich die kuriosesten Suchbegriffe unter eben dieser Überschrift zu sammeln begann, und sie unregelmäßig veröffentlichte. Weitere beliebte Suchen waren oder sind übrigens „nackt bügeln“, „nackt duschen“ und „Initiativbewerbung-Online.de“.

Gezählt: Während anfangs noch alle ein bis zwei Tage ein neuer Beitrag online ging, schaffe ich es inzwischen nur noch alle ein bis zwei Wochen etwas zu veröffentlichen. Einmal gingen wegen eines Server-Fehlers (oder weil ich mich blöd anstellte?) drei oder vier Einträge verloren, ansonsten ist das Felix‘ Welt Archiv vollständig. Der 1000. Post ging im vergangenen Jahr online, inzwischen sind es, desen Eintrag mitgerechnet, 1092 Posts.

Geändert hat sich in den vergangenen zehn Jahren nicht nur die Optik von Felix‘ Welt immer mal wieder. Auch inhaltlich hat sich einiges getan. Schrieb ich anfangs noch regelmäßig über Kuriositäten, die ich während meiner Hostel-Nachtschichten erlebte (ich habe mir mein Master-Studium als Nachtportier in einem Berliner Hostel finanziert), kamen nach und nach weitere Themen dazu, die ich grob unter der Überschrift „Gedankengänge“ zusammenfasste. Nachdem ich anfing, mich stärker mit dem Thema Fotografie auseinanderzusetzen, wurde auch Felix‘ Welt bildlastiger. Geblieben ist allerdings stets eine Grenze: auch wenn Felix‘ Welt ein persönliches Blog ist, gibt es Dinge, die hier niemals stattfinden werden. Auch hüte ich mich davor, hier Dinge auszubreiten, die die Privatsphäre anderer Menschen tangieren.

Gedankt: Die erste E-Mail kam wohl sechs oder sieben Monate, nachdem Felix‘ Welt online gegangen war. Sie habe einfach einmal danke sagen wollen, schrieb die Autorin damals. Sie kenne mich nicht, aber sie würde sich immer freuen, wenn sie einen neuen Post entdecken würde. Ich war baff. Bis dato war ich davon ausgegangen, dass sich meine Leserschaft eigentlich nur aus zwei Gruppen Menschen zusammensetzen würde: 1. Freunde, Bekannte und Familie und 2. Menschen, die „Sex im Flugzeug“ googelten. Dass jemand meinen Blog liest, einfach weil er oder sie mag, was ich schreibe, war neu. Kommt aber offenbar vor. Selten, aber immer mal wieder, bekomme ich Mails von Leutem, die sich zu einem bestimmten Post äußern oder mir einfach nur so mitteilen, dass sie gerne lesen, was ich schreibe.

Geoutet: Ich gehe nicht damit hausieren, dass ich blogge. Andererseits schreibe ich unter meinem vollen Namen. Ich sollte also damit rechnen, dass man mich auf Felix‘ Welt anspricht. Trotzdem hat es mich irritiert, als der Chefredakteur der Zeitung, bei der ich damals volontierte, einmal in den Newsroom rief: „Wusstet Ihr eigentlich, dass der Herr Neubüser Hotelzimmer mag? Hat er gestern in seinem Blog geschrieben, solltet ihr mal nachlesen“. Irritiert hat mich auch, als sich die Angestellte meines Fitnessstudios bei mir erkundigte, ob die Duschenrenovierung denn zu meiner Zufriedenheit wäre. Ich hatte mich via Blog mehrfach über die etwas seltsamen Vorgänge in diesem Zusammenhang mit den Duschen ausgelassen – Stichwort: „nackt duschen„. Das war dann doch etwas peinlich.

Genannt habe ich den Blog übrigens mehr oder weniger aus einem Impuls heraus – Felix‘ Welt schien mir irgendwie passend. Ich wusste damals weder, wohin ich damit möchte noch, dass ich zehn Jahre später immer noch unter diesem Namen Beiträge veröffentlichen würde. Wenn ich ehrlich bin, würde ich mich wohl heute für einen anderen Namen entscheiden. Irgendetwas mit mehr Pfiff, wozu ich an dieser Stelle vielleicht sogar eine tolle Geschichte erzählen könnte. Tja, Chance verpasst.

Geklaut ist übrigens die Formulierung, mit der ich seit zehn Jahren jeden Post beende – „in diesem Sinne“. Mein Vater benutzt diese Worte gerne. Ich fand sie passend. In diesem Sinne – das war G. Nummer 10.

Kinderfrage mit Zucker

Früher, als ich noch klein war, gab es bei meinen Eltern regelmäßig „Kinderfrage mit Zucker bestreut“. Zumindest sagten sie das. Probieren durfte ich dieses besondere Gericht freilich nie. Denn „Kinderfrage mit Zucker bestreut“ war die Standardantwort meines Vaters, wenn ich ihn zum fünften Mal hintereinander mit der Frage nervte, was es heute zum Mittagessen geben würde.

Natürlich war auch dem vier- oder fünfjährigen Stöpsel, der ich damals war, schnell klar, dass „Kinderfrage mit Zucker bestreut“ gar kein echtes Essen war. Und doch klang es so lecker! In meinem Kopf formten sich sofort Bilder von einem warmen Kuchen mit einer ganz besonderen Zuckerglasur oder eine Art süßes Brot. Sofort lief mir das Wasser im Mund zusammen, und ich bettelte meinen Vater an, mir doch bitte diese Scherzantwort wirklich zu kochen.

Inzwischen bin ich etwas älter geworden. Süßes esse ich nur noch selten. Den Effekt von damals kenne ich aber weiterhin. Manchmal reicht ein Wort und schon startet das entsprechende Kopfkino. „Mekong“ ist so ein Wort. Bei der Erwähnung des Flusses in Südostasien muss ich sofort an Filme wie „Hotel very welcome“ oder „A Map for Saturday“ denken. Die Bilder aus dem Film mischen sich dann mit meinen eigenen Erinnerungen. Ich mit einem kalten Beer Lao auf einer hölzernen Restaurant-Plattform über dem Fluss. Oder ich in einem klapprigen Tuk Tuk auf dem Weg von Nong Khai  in Richtung laotische Grenze.

Erwischt mich so ein Wort wie „Mekong“ im richtigen Moment, würde ich am liebsten sofort  den nächsten Flieger nach Bangkok nehmen. Oder nach Buenos Aires. Oder nach Sydney. Oder, oder, oder. Gleichzeitig ist mir allerdings auch klar, dass ich hier in die gleiche Falle tappe wie als Fünfjähriger. Was sich bei der Erwähnung des Wortes Mekong in meinem Kopf abspielt hat mit dem, wie eine solche Reise tatsächlich ablaufen würde, in etwa so viel zu tun wie damals das tatsächliche Mittagessen mit „Kinderfrage mit Zucker bestreut“.

Als ich damals in Südostasien unterwegs war, war ich gerade mit meinem ersten Studium fertig. Ich hatte nur eine vage Ahnung davon, was ich auf dieser Reise erleben würde. Noch weniger konkret waren meine Pläne für die Zeit danach. Ich wusste ja noch nicht einmal genau, wann ich nach Deutschland zurückkehren würde. Was abzuschließen war, hatte ich abgeschlossen. Alles danach würde ich komplett neu anfangen müssen. Ich war jung und anspruchslos, was Transport, Hotels und Hostels anging. Vielleicht war ich auch ein bisschen naiv, was ich rückblickend als durchaus vorteilhaft für die Reise bewerten würde.

Heute wäre das anders. Würde ich versuchen, genau die gleiche Reise noch einmal zu machen und das gleiche Gefühl von Freiheit noch einmal zu empfinden, würde ich binnen kürzester Zeit gnadenlos scheitern – so wie mein Vater scheiterte, mir etwas zu kochen, was auch nur annähernd an meine Vorstellung von „Kinderfrage mit Zucker bestreut“ heranreichte. Ständig würde ich Phantasie und Wirklichkeit vergleichen, wobei letztere fast immer den kürzeren ziehen würde.

Trotzdem würde ich nicht sagen, dass es unmöglich ist, eine tolle Erfahrung wie diese erste richtig große Reise zu wiederholen. Ich war seitdem immer wieder unterwegs und jedes Mal war es eine tolle Erfahrung. Die Kunst besteht einfach darin, sich vorab nicht all zu sehr darauf zu konzentrieren, was man sich vorgestellt hat oder wie es beim letzten Mal gewesen ist. Eine Regel, die man übrigens auch auf viele alltägliche Erlebnisse anwenden kann. Meist hat man dann mehr davon.

In diesem Sinne: Das Bild zeigt übrigens mich auf dem Boot bei der Überfahrt von Surat Thani nach Ko Samui in Thailand. Als das Foto gemacht wurde war ich 25 Jahre alt.

PS: Gleiches Foto, ähnlicher Gedanke: The Beach.

(M)ein Lied?

Anfangs habe ich noch danach gesucht. Ich habe mir online die verschiedenen Billboard-Charts von Argentinien und Chile aus der Zeit rausgesucht. Dann habe ich einen Titel nach dem anderen bei youtube und Co. eingegeben. Stunden habe ich damit zugebracht, Lied für Lied aufzustöbern und anzuhören. Eines davon musste es doch sein!

Als ich im November und Dezember 2004 in Argentinien und Chile unterwegs gewesen war, hatten sie das Lied gefühlt mindestens einmal pro Stunde im Radio gespielt. Keine der Busfahrten, von denen die längste immerhin 37 Stunden gedauert hatte, war ohne dieses eine Lied ausgekommen. Die Melodie war eingängig, der Text spanisch. Ich mochte es und freute mich jedes Mal, wenn es lief. Er wurde schnell zu einer Art Hymne für mich, ein Soundtrack des südamerikanischen Teils meiner Weltreise.

Das galt insbesondere deswegen, weil mir in der dritten Woche meiner Weltreise mein Tagesrucksack samt MP3-Player gestohlen worden war. Wollte ich Musik hören, war ich auf Musik von außen angewiesen – ein Radio in einem Café oder die Musikauswahl in einer Kneipe, zum Beispiel. Oder eben das Radio im Bus.

In den südamerikanischen Bussen lief die meiste Zeit ein Fernseher. Manchmal hatte ich Glück und es gab einen amerikanischen Film mit spanischen Untertiteln. Manchmal wurden aber auch synchronisierte Fassungen gezeigt oder es liefen gleich originär spanische oder südamerikanische Filme. Hier verstand ich dann wenig bis gar nicht. Kurz nach der Abfahrt und kurz vor der Abfahrt allerdings schaltete der Busfahrer oft das Radio ein. Dieses eine Lied war dabei so präsent, dass ich mir nie die Mühe machte, den Titel oder den Namen der Band oder des Interpreten rauszusuchen. Bis das Lied plötzlich weg war.

Von Santiago de Chile flog ich weiter nach Auckland, Neuseeland. Wie ungewohnt, plötzlich Englisch sprechen zu können und von allen verstanden zu werden! Überhaupt fühlte sich Neuseeland, obwohl am anderen Ende der Welt gelegen, viel näher an Europa gelegen an als Argentinien oder Chile. Fast ein bisschen wie England, nur weniger dicht besiedelt und und etwas weiter abseits gelegen halt. Dass etwas fehlte, fiel mir erst später auf – und ich vergaß es auch schnell wieder.

Erst als ich einige Monate später wieder zurück in Deutschland war – nach Neuseeland hatte ich noch in Australien, Thailand und Laos Station gemacht und war herumgereist – und ich anfing, die Reise und meine Erinnerungen nach und nach gedanklich zu sortieren, fiel mir dieses eine Lied wieder ein. Ich begann zu suchen. Das tue ich bis heute, wenn auch inzwischen deutlich seltener als damals.

Dummerweise bin ich nicht einmal sicher, ob ich das Lied nicht längst gefunden habe. Inzwischen ist die Reise so lange her, dass ich mich praktisch gar nicht mehr an das Lied erinnern kann. Anfangs dachte ich noch, ich würde es schon merken, wenn ich es erst einmal gefunden habe. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr sicher. Selbst wenn mein Gedächtnis mich selbst immer mal wieder überrascht, woran es sich noch erinnern kann, wenn man es nur mit den richtigen Attributen füttert, würde ich dafür inzwischen nicht mehr die Hand ins Feuer legen.

Ich habe das Lied in einem für mich sehr besonderen Moment entdeckt. In diesem Moment hat es mir viel bedeutet. Aber vielleicht ist es wie mit einem Wein, der einem am Urlaubsort unglaublich gut schmeckt, sich aber nach der Rückkehr zuhause, wo es kein Meer und keinen romantischen Sonnenuntergang am Strand gibt, schnell als saure, pelzig schmeckende Plörre herausstellt. Vielleicht suche ich etwas, das ich, ohne es zu merken, längst gefunden habe; das mich zwar in einem bestimmten Moment sehr berührt hat, ohne diesen Moment aber völlig wirkungslos ist, und das ich deswegen gar nicht wiederfinden kann.

In diesem Sinne, gute Reise und so!

Kopfkonzert XV

Was wohl der Anzugträger hört? Komisch, dass ich mir diese Frage stelle, denn oft genug bin ich selbst einer davon. Trotzdem finde ich es immer wieder faszinierend, wenn ich einen Mann im Anzug mit Kopfhörern durch die Gegend laufen sehe.

Als ich 13 oder 14 Jahre alt war, habe ich zum Geburtstag meinen ersten ernstzunehmenden Walkman geschenkt bekommen. Dabei ist Walkman eigentlich nicht die richtige Bezeichnung, juristisch gesehen zumindest. Denn Walkman als Name für einen tragbaren Kassettenspieler hatte sich Sony in weiser Voraussicht schon Jahre vorher patentieren lassen. Mein Gerät dagegen war von Aiwa.

Trotzdem war ich stolz wie Bolle, denn das Gerät passte nicht nur passgenau in die Brusttasche meiner Jeansjacke, es konnte sogar vollautomatisch die Lücken zwischen zwei Liedern erkennen. Ein Knopfdruck genügte, und das Gerät spulte automatisch zum nächsten Lied vor oder zum Beginn des aktuellen Liedes zurück.

Allerdings waren mobile Kassettenrekorder damals, Anfang der 1990er Jahre, etwas, das eigentlich nur junge Leute benutzten. So habe ich es in Erinnerung. Mit Kopfhörern in einen Bus einzusteigen, das hatte damals fast etwas von Rebellion gegen das System – wiesen doch in jedem Bus Schilder darauf hin, dass eben dies verboten ist. Andererseits ist gut möglich, dass ich nur deshalb nie Anzugträger mit Kopfhörern sah, weil diese so selten Bus fuhren.

Wie dem auch sei. Hier ist jedenfalls das, was ich derzeit gerne durch meine Kopfhörer höre, völlig unabhängig davon, ob ich einen Anzug trage oder nicht:

Clouseau feat. Sara Hartman – Anders Sein. Großartig, schon wegen der Songzeile: „Alle wollen ins Netz – oder ans Meer.“ Sorry wegen der schlechten Tonqualität im Video, gibt sicher noch bessere Versionen, die ich gerade nicht finde.

 

Wieder ein Klassiker, der es nie richtig unter die Klassiker geschafft hat. Trotzdem großer Spaß. Bruce Springsteen – „From small things (big things one day come)“. Gut auf den Text hören!

 

Gehört habe ich den Song das erste Mal im Auto – ausgerechnet, kurz bevor ich in einen Tunnel gefahren bin. Kaum angekommen, habe ich mir auf der Homepage des Senders das Lied rausgesucht. Direkt gepackt hat mich dieses „No roots“, das Alice Merton so schön ins Mikro drückt.

 

Kein Überraschung, sorry. Ich hab Bosse schon vor vier Jahren beim Fest in Karlsruhe gut gefunden. Seitdem landet er immer mal wieder in meiner Playlist. Aktuell: Bosse – Konfetti.

 

Ha! Dafür haben sich sieben Jahre Spanisch an der VHS dann doch gelohnt. Máno – No ha parado de llover, übersetzt: Es hat nicht aufgehört zu regnen. Traurig, aber trotzdem ein schönes Lied.

In diesem Sinne, mehr Kopfkonzert gefällig? Hier entlang!