Sommer(ende)

Habe ich nicht vergangene Woche noch in Shorts auf dem Balkon gesessen? Wieso brauche ich jetzt sogar einen Sweater, damit ich nicht friere (und ich friere normalerweise nicht so schnell)?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als es noch mehr Jahreszeiten zwischen Sommer und (gefühltem) Winter gab. Aber das ist – gefühlt – lange her. Hier ein Handyschnappschuss, den ich vor gar nicht so langer Zeit im Citypark der Südoststadt in Karlsruhe gemacht habe. Sonnenuntergang und so.

In diesem Sinne, einen guten Start in den September!

Nicht minderjährig

Ob das Absicht war? Muss wohl, denn diese Bildunterschrift wurde inzwischen diverse Male bei Twitter und Co. kommentiert, ohne dass Heise etwas daran geändert hätte. Mir hat sie den Morgen gerettet – das erste Mal schallend gelacht heute. Danke an die Kollegen von heise.de (Link führt zum Artikel in voller Länge).

Wobei ich lügen würde, wenn ich behaupten würde, das schallende Lachen sei nicht mit einem Wermutstropfen einhergegangen. Denn auch wenn ich einerseits nachvollziehen kann, dass der eine oder andere Redakteur über das Phänomen Youtube-Star den Kopf schüttelt, wer es einfach als Kinderei abtut, denkt zu kurz – was dann in dem Artikel ja auch relativ ausführlich behandelt wird. Die Industrie dahinter ist längst zu groß und zu einflussreich, um sie als bloße Lächerlichkeit abzutun.

Andererseits: Jugendkulturen hat es immer gegeben. Dass ich und die Kollegen von heise.de hier schlicht nicht mehr hinterherkommen, ist Teil der Definition. Was allerdings nicht heißt, dass wir uns in unseren Berufen nicht mehr damit auseinandersetzen sollten.

In diesem Sinne, youtube – was?

Kopfkino

Lest Ihr eigentlich noch oder hört ihr schon? Ich habe gerade mal meine Buchkäufe der vergangenen Monate durchgeklickt und festgestellt: ich kaufe inzwischen mehr Hörbücher als gedruckte Bücher oder eBooks. Der Grund dafür ist einfach: Hörbücher kann ich auch beim Autofahren hören. Oder beim Sport. Oder beim Putzen. Tatsächlich sind das sogar die drei Haupttätigkeiten, bei denen ich Hörbücher höre. Allein bei drei Mal Sport pro Woche kommt da einiges zusammen.

Im Gedächtnis geblieben sind in den vergangenen zwei, drei Monaten vor allem zwei Werke: American War von Omar El Akkad und Die unerwartete Gabe des Joseph Bridgeman. Beide Bücher könnten nicht unterschiedlicher sein. Trotzdem wüsste ich gerade nicht, welches der beiden ich Euch zuerst ans Herz legen soll. Lest einfach beide.

American War

Es herrscht Bürgerkrieg. In Nordamerika kämpfen Nordstaaten gegen Südstaaten. Allerdings schreiben wir nicht das Jahr 1861, sondern 2075. Als die Bundesregierung in den USA als Reaktion auf den Klimawandel fossile Brennstoffe verbietet, rebellieren die Südstaaten. Es kommt zur Abspaltung. Reguläre Armeen kämpfen gegen Rebellen und Selbstmordattentäter. Ein ganzer Bundesstaat wurde zum Quarantänegebiet erklärt, nachdem dort ein biologischer Kampfstoff eingesetzt wurde. Riesige Flüchtlingslager entstehen, betrieben vom Roten Halbmond, in denen die Menschen von Hilfslieferungen unter anderem aus China und aus den Ländern Nordafrikas abhängig sind, die sich nach einem fünften und dieses mal erfolgreichen arabischen Frühling zum „Bouazizireich“ zusammengeschlossen haben.

All das erfährt der Leser erst nach und nach und zum Teil auch nur Bruchstückhaft. Wiedergegeben wird die Geschichte als Rückschau eines anfangs namenloses Geschichtswissenschaftlers. Erzählt wird sie allerdings aus der Perspektive der sechsjährigen Sara T. Chestnut, genannt Sarat, die mit ihrer Familie am Ufer des Mississippimeers in Louisiana lebt. Der steigende Meeresspiegel hat die Küstenlinie zurückweichen lassen. Florida ist vollständig im Meer versunken, Kalifornien teils wüstes Ödland, teils mexikanisches Protektorat. Kurz nachdem Sarats Vater als Kollateralschaden bei einem Selbstmordattentat der Südstaaten ums Leben kommt, flieht das Mädchen zusammen mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihrer Schwester vor der nahen Front in das Flüchtlingslager „Patience“, wo sie die nächsten Jahre verbringen wird.

Hier erlebt sie, wie ihre Mutter bei einem Massaker der Nordstaatenarmee ums Leben kommt, und später, wie ihre Schwester bei einem Drohnenangriff stirbt. Sarat überlebt, doch sie möchte nur noch eines: Kämpfen und Töten. Das tut sie und sorgt mit einem geschickten Attentat für einen Wendepunkt des Krieges, der sich allerdings in der Rückschau als Anfang vom Ende der Niederlage der Südstaaten herausstellen wird. Später wird Sarat von den Nordstaaten gefangen genommen und in ein Lager gebracht wird, das wohl nicht nur zufällig an Guantanamo erinnert.

Überhaupt gelingt es dem Autor immer wieder, Parallelen herzustellen, die allerdings nie platt wirken. Vielmehr verlegt er im Grunde genommen einfach nur den Ort heutiger Ereignisse und geht der Frage nach: Was wäre eigentlich, wenn das nicht in Afghanistan oder in Syrien passieren würde, sondern vor unserer eigenen Haustür, hier in Amerika.

So macht er die Radikalisierung Sarats ist für den Leser nicht nur nachvollziehbar, sie scheint der einzig mögliche Weg zu sein. Selbst sagte er  in einem Interview, dass er vom Leser gar nicht erwarten würde, dass er Sarat mag: „Ich möchte keine Sympathie für Sarat, denn das hat sie nicht verdient. Aber der Leser soll sich fragen: Hätte ich unter solchen Umständen anders handeln können?“ Besonders tragisch dabei ist, dass die Strippenzieher im Hintergrund sich dabei ausgerechnet der Eigenschaften bedienen, die Sarat am Anfang im positiven Sinne ausgezeichnet haben, ihre Neugierde und ihren Lebensmut.

Überraschend ist das Ende, auch wenn das am Anfang eigentlich vorweggenommen wird. Trotzdem möchte ich nicht zu viel verraten. Persönlich hat das Buch mich noch mehrere Tage, nachdem ich es durch hatte, festgehalten. Das liegt wohl auch daran, dass es inzwischen noch ein Stück aktueller geworden ist als es zum Zeitpunkt seines Entstehens war.

Ein weiterer Grund ist, dass Omar El Akkad weiß, wovon er schreibt. Der ägyptische Auswanderer hat für eine kanadische Zeitung aus Flüchtlingslagern und Krisengebieten berichtet. In der FAZ wird beschrieben, wie er auf die Idee zu dem Buch gekommen sei: Bei einem CNN-Interview sei einem vermeintlichen Experten die Frage gestellt worden, wieso viele Afghanen die Amerikaner hassen würde. „Der Experte antwortete, dass amerikanische Spezialkräfte bei nächtlichen Razzien Häuser verwüsteten. In der afghanischen Kultur werte man das als Beleidigung. El Akkad hörte zu und fragte sich: In welcher Kultur wäre das denn bitteschön anders?“ Die Idee für American War war geboren.

Omar El Akkad, American War, in Deutschland erschienen bei S. Fischer Verlage, Frankfurt am Main, 2017

Die unerwartete Gabe des Joseph Bridgeman: Ein Zeitreise-Abenteuer.

Mal angenommen, Ihr könntet in die Vergangenheit reisen. Was würdet Ihr tun? Für Joseph Bridgeman liegt die Antwort auf der Hand: seine kleine Schwester Amy retten, die 1992 spurlos verschwand, während er mit ihr einen Jahrmarkt besucht hat. Dummerweise ist das mit den Zeitreisen gar nicht so einfach.

Problem Nummer 1: Je weiter Joseph zurückreist, desto weniger Zeit hat er vor Ort.    Problem Nummer 2: Seine Anziehsachen reisen immer vor ihm zurück.

 

Überhaupt: dass Joseph überhaupt in die Vergangenheit reisen kann, erfährt der Mitt-Dreißiger mit Schlafstörungen eher durch Zufall. Auf Drängen seines Steuerberaters (einer von zwei Menschen, mit denen er so etwas wie eine Freundschaft pflegt) geht Joseph zu Hypnose-Therapeutin Alexia Finch. Kaum hat die es geschafft ihn in einen entspannten Zustand zu versetzen. verschwindet er – von ihr unbemerkt – in die Vergangenheit, bloß um wenig später und ohne seine Klamotten wieder aufzutauchen, denn die sind ja schon vorher ohne ihn zurück in die Zukunft gereist.

Die Geschichte, die sich nun entspinnt, macht einfach Spaß. Etwa wenn Joseph sich kurz nach dem Besuch bei Alexia Finch abends ins Bett legt, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit einschläft und genau einen Tag in die Vergangenheit reist. Selbst bemerkt er diese Reise erst, als er sein Vergangenheits-Ich als vermeintlichen Einbrecher in seiner Wohnung stellen will. Auch schön die Szene, als es ihm tatsächlich gelingt, seine Schwester in der Vergangenheit zu finden. Ihr Verschwinden kann er nicht verhindern, muss aber zurück in der Zukunft feststellen, dass nun ein seltsamer Fremder, der plötzlich auf dem Jahrmarkt auftauchte, für das Verschwinden des kleinen Mädchens verantwortlich gemacht wird – er selbst.

Ich möchte an dieser Stelle nicht zu viel verraten, denn dann macht das Buch keinen Spaß mehr. Ans Herz legen möchte ich Euch Nick Jones Werk allerdings, auch wenn Ihr dafür einen Kindle (oder eine Kindle App) braucht, denn „Die unerwartete Gabe des Joseph Bridgeman: Ein Zeitreise-Abenteuer. (Die Zeitreisen Tagebücher 1″) ist meines Wissens ausschließlich elektronisch erschienen. 

Nick Jones, Die unerwartete Gabe des Joseph Bridgeman: Ein Zeitreise-Abenteuer. (Die Zeitreisen Tagebücher 1).

In diesem Sinne, viel Spaß beim Lesen!

Spinnen-Sperre

Hier durften wir nicht weiter. Mitten durch die Gartenabteilung des Baumarktes zog sich ein rot-weißes Absperrband. Offenbar mehr eilig als sorgfältig gezogen, erklärte es praktisch die gesamte Pflanzenauswahl zur Sperrzone. Wurde hier gerade umgebaut? Es sah zumindest nicht so aus.

Noch während wir überlegten, was das wohl zu bedeuten hatte, kam eine freundliche Verkäuferin zu uns, die unseren irritierten Blick bemerkt haben musste. „Gehen Sie ruhig durch“, ermutigte Sie uns. „Das Band haben wir nur zur Sicherheit gezogen.“

Unser Blick blieb irritiert. Sicherheit? „Ja, wissen Sie“, ergänzte die Verkäuferin, „da ist eine giftige Vogelspinne zwischen den Pflanzen. Aber nur eine ganz kleine. Die versuchen wir zu fangen. Aber gehen Sie ruhig durch. Das Band ist wirklich nur zur Sicherheit.“ Hoffen wir nur, dass das die Spinne nicht gehört hat. Nicht dass sie auf die Idee kommt, das Absperrband ebenfalls zu ignorieren …

In diesem Sinne, Augen auf beim Pflanzenkauf!

Endzeit-Countdown

Wäre dies ein Film und ich ein Zuschauer, würde ich nun denken: Wie dumm kann man sein? Jetzt gehen die auch noch dahin!? Ist denen denn nicht klar, wie gefährlich das ist?

Allerdings hat man es als Zuschauer auch leichter. Man wird nämlich von der unheimlichen Musik gewarnt, die immer dann einsetzt, wenn sich das ahnungslose blonde Mädchen der Stelle nähert, wo der Axtmörder auf sie wartet. Oder das Seeungeheuer.

Mit einem Seeungeheuer haben wir nämlich insgeheim gerechnet, als wir uns dem kleinen See näherten. Der See, der eher ein Teich war, lag abseits des Fußweges durch das Wuppertaler Gelpetal und war von dort aus nur schwer einsehbar. Alles schien ruhig. Einzig ein leises Blubbern deutete daraufhin, dass hier etwas nicht stimmte.

Dann sahen wir es. Von weitem sah es aus, als würden lauter leicht glänzende Fischeier auf der Oberfläche schwimmen. Erst als wir schon ganz nah dran waren, erkannten wir, dass es sich nicht um Eier handelte, sondern um unzählige, grün-schleimige Gasbläschen. Dicht an dicht schwammen sie in einem geschwungenem, vielleicht eineinhalb Meter breiten Halbkreis auf der Wasseroberfläche und reichten dabei von der Mitte des Gewässers bis fast zu dem Ufer, an dem wir standen.

Die Blasen schienen sich nicht zu bewegen, bis auf einmal von der Mitte des Sees aus eine Art Vibrieren durch das Wasser zu wandern begann. Als hätte jemand ein Ventil geöffnet, fing es an, unterhalb der Bläschendecke zu rumoren. Neue Bläschen begannen an einer Stelle aufzusteigen und sich unter die bereits auf der Oberfläche schwimmenden zu legen, bis diese mit einem leisen „Plopp“ zerplatzten. Dann war wieder alles ruhig.

Spätestens jetzt hätte in einem Horrorfilm die unheimliche Musik eingesetzt. Aber dies war ja kein Film. Statt Musik legte sich daher ein muffiger Verwesungsgeruch über das Seeufer. Methan, nehme ich an, ohne es sicher zu wissen. Von einem Seeungeheuer jedenfalls war nichts zu sehen.

Was allerdings nichts heißen muss. Denn vielleicht handelt es sich gar nicht um einen Horrorfilm. Vielleicht war dies ja vielmehr der Anfang eines handelsüblichen Katastrophenfilms a la 2012 oder Volcano. Dann wären wir, ohne dass wir es geahnt hätten, die ersten, die die drohende Katastrophe gesehen hätten. Nur der Zuschauer wüsste, dass dies der Anfang von etwas viel größerem war.

Später würde der US-Präsident den politischen Führern der Welt eröffnen, dass das Ende der Menschheit bevorsteht, und dass es nur eine Chance gebe, dieses zumindest teilweise abzuwenden. Dann wären allerdings schon Millionen Menschen durch Fluten, Vulkanausbrüche oder sonstige Naturgewalten umgekommen. Ein Wissenschaftler würde wild auf einem Laptop tippen und irgendwann mit bedeutungsschwerer Miene das Display in Richtung Kamera drehen. Zu sehen wäre ein Countdown, der sekundengenau anzeigt, wie viel Zeit uns noch bleibt, bis alles zu Ende ist. So ist es doch immer.

In diesem Sinne, sagt hinterher nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt!

 

Fünf Sekunden

Oft sind es nur fünf Sekunden, von denen man sich wünscht, dass man sie nur geträumt hat. Der eine kurze Moment, in dem man unachtsam war, und der dann zur Katastrophe geführt hat. Zu einem Unfall zum Beispiel, der das ganze Leben verändert hat. Oder schlimmer: nicht nur das eigene Leben. Alles, weil man eine falsche Bewegung gemacht hat, eine falsche Entscheidung getroffen hat oder einfach unachtsam gewesen ist.

Als ich noch regelmäßig an den Wochenenden mit dem Auto zwischen Karlsruhe und Ulm gependelt bin, hatte ich hin und wieder Momente, wo ich im Nachhinein gedacht habe: verdammt, da habe ich Glück gehabt. Ich nehme an, so geht es jedem irgendwann, der regelmäßig und viel Auto fährt. Als Mensch ist man bei allen guten Vorsätzen eben nicht unfehlbar. Trotzdem habe ich manches Mal gedacht: wenn jetzt etwas passiert wäre, ich hätte mich mein Leben lang über die fünf Sekunden geärgert, die ich abgelenkt war. Etwa weil ich wider besseren Wissens nach der Wasserflasche auf dem Beifahrersitz geangelt habe. Könnte ich jetzt in die Vergangenheit reisen, ich müsste nur diese fünf Sekunden ändern, und alles wäre anders. Geht aber leider nicht.

Es muss allerdings gar nicht immer gleich ein Unfall oder ähnliches sein, um dieses Gefühl zu haben. Oft reichen viel banalere Situationen, die zwar lange nicht so dramatisch sind, sich aber in dem einen Moment trotzdem fies anfühlen.

Ich erinnere mich an eine Situation in Mendoza in Argentinien. Ich saß am Fernbusbahnhof auf einer Bank und packte gerade Dinge aus meinem großen Rucksack in meinen Tagesrucksack. In einer Stunde würde ich nach Salta im Norden des Landes weiterreisen. Plötzlich ging dieser Mann an mir vorbei. Als er gerade an mir vorbei war, fiel ihm ein Schlüsselbund aus der Tasche. Mehr aus einem Reflex heraus bückte ich mich, um den Schlüssel aufzuheben. Im gleichen Moment rannte ein zweiter Mann hinter mir vorbei, griff sich meinen Tagesrucksack und verschwand in einer Unterführung.

Glück im Unglück: meinen Reisepass hatte ich noch nicht umgepackt. Ansonsten hätte ich die geplante Weiterreise nach Neuseeland wohl knicken können. Ärgerlich war das Ganze trotzdem. Vor allem, weil ich mir immer wieder selbst die Frage stellte: was wäre gewesen, wenn ich mich einfach nicht nach dem Schlüsselbund gebückt hätte. Wobei: vermutlich hätte ich dann nicht einmal gemerkt, was mir erspart geblieben wäre. Das ist ja das Gemeine an eben diesen fünf Sekunden. Bewusst werden sie einem meist nur dann, wenn man die falsche Entscheidung getroffen hat.

Eine andere Geschichte ist mir gestern passiert. Mit einer Kollegin zusammen war ich in einem großen Einkaufszentrum hier in der Nähe. Einkaufen für ein kleines Sommerfest in der Firma. Wir standen gerade vor dem Pfandautomaten des Getränkemarktes, als mir auffiel, dass die Innentasche meiner Jacke offen war. Mein Handy war noch darin, nicht allerdings mein Portemonnaie, von dem ich eigentlich sicher gewesen war, dass ich es ebenfalls dort hinein gesteckt hatte. Oder hatte ich mich geirrt?

Ein Anruf im Büro brachte Sicherheit. Hier war der Geldbeutel nicht. Aber wo hatte ich ihn verloren? Im Geist ging ich den Weg vom Auto zum Einkaufszentrum noch einmal durch. War mir irgendwer zu nahe gekommen, so dass er, entsprechende Fingerfertigkeit vorausgesetzt, unauffällig an meine Innentasche rangekommen wäre? Eigentlich nicht. Auch auf dem Weg zurück zum Auto lag nirgendwo ein Portemonnaie auf dem Boden. Was freilich nichts hieß: wenn jemand gesehen hatte, wie mir der Geldbeutel aus der Tasche gerutscht war, hätte er oder sie sich einfach nur bücken müssen.

An der Infotheke des Einkaufszentrums war kein Geldbeutel abgegeben worden. War er vielleicht in eine der Getränkekisten gefallen, als ich diese in den Pfandautomaten geschoben hatte? Zwar suchten die freundlichen Mitarbeiter des Getränkemarktes extra für mich die Fließbänder ab, fanden jedoch nichts.

Das war es dann also. Fünf Sekunden unaufmerksam gewesen, und nun würde ich Tage brauchen, um alle Karten und Ausweise neu zu beantragen. Schlimmer noch: mein Führerschein war in dem Portemonnaie gewesen, und den würde ich bei der geplanten USA-Reise brauchen, um den Mietwagen zu mieten und zu fahren. Unwahrscheinlich, dass der neue Führerschein rechtzeitig fertig ist. Selbst wenn ich sofort einen Termin im Bürgerbüro bekäme, würde es wohl nicht klappen. Erkennen sie in den USA deutsche Ersatzbescheinigungen an? Vermutlich nicht.

Allerdings hatte ich in diesem Fall Glück im Unglück. Per Slack schrieb mir kurz darauf ein Kollege, dass jemand für mich angerufen habe. Worum es geht, habe er nicht gesagt, nur, dass er mich sprechen wollte.

Der Name, nennen wir ihn hier einfach X, sagte mir nichts, als ich die angegebene Nummer gewählt hatte, begrüßte mich allerdings eine freundliche Männerstimme mit den Worten: „Kann es sein, dass Ihnen etwas fehlt?“

X hatte meinen Geldbeutel neben meinem Auto auf dem Boden liegen gesehen und eingesteckt. Dann hatte er noch einen Moment gewartet und überlegt, ob er das Portemonnaie einfach irgendwo im Einkaufszentrum abgeben sollte, was ihm aber zu unsicher erschienen war. Der Presseausweis im Portemonnaie hatte ihn dann auf die Spur meiner Firma gebracht.

Als ich den Geldbeutel wenig später bei ihm abholte, war ich so dankbar, dass die fünf Sekunden Unachtsamkeit nun auf so praktische Weise und ganz ohne Zeitreisen nivelliert worden waren, dass ich X spontan den Inhalt meines Scheinfachs als Finderlohn überreichte. Ein gutes Geschäft für uns beide, denn alle Karten neu zu beantragen wäre definitiv teurer geworden.

In diesem Sinne, passt gut auf Euch auf – und auf Eure Geldbeutel!

Tintenherz

Ich habe ein Geständnis zu machen; es wird einfach Zeit, dass ich es sage: Ich schreibe gerne mit Füller und Tinte. Ich tue dies sogar sehr regelmäßig. Ich mag die Art, wie die Feder über das Papier gleitet. Für mich, der ansonsten fast alles tippt, was er aufzuschreiben hat, ist das eine Art Entschleunigung. Ein Luxus, den ich mir gönne, wenn ich privat etwas zu Papier bringen möchte. Briefe, Gedanken oder auch einfach nur kurze Notizen. Mit Füller schreiben sich manche Dinge einfach anders als mit Kugelschreiber geschweige denn mit dem Computer.

So richtig für mich entdeckt habe ich den Füller als Schreibgerät vor circa zwölf Jahren. Ich habe damals in Berlin gewohnt. Geschrieben habe ich vor allem in meiner Küche an einem wackeligen weißen Tisch, der gerade so eben in das kleine Zimmer gepasst hat. Einmal in der Woche oder so habe ich meinen Schreibplatz in eine der zahlreichen nahen Kneipen verlegt, in das „An einem Sonntag im August“, zum Beispiel, oder in die „Eselsbrücke“. Ich mochte es (und mag es bis heute), wenn um mich herum etwas passiert. Menschen die kommen und gehen, Gespräche,  Kellner und Kellnerinnen, die Bestellungen aufnehmen. Sowas halt.

Anfangs hatte ich immer einen schwarzen Fineliner dabei, der viel schöner mit dem cremefarbenen Papier meines Notizbuch harmonierte als jeder Kuli. Die Schrift sah so viel wertiger aus. Der Nachteil dieses Schreibgeräts: es ging regelmäßig kaputt. Auch ermüdete die Hand irgendwann beim Schreiben. Ganz abgesehen davon, dass ich gefühlt dauernd neue Minen nachkaufen musste. Also habe ich statt Minen irgendwann einen Füller gekauft.

Anfangs war das ein recht preiswertes Gerät, ein Parker für 15 Euro oder so. Ich mag ihn immer noch, weil sich der Füller schon aufgrund seines Metallkörpers viel besser anfühlt als die meisten Kugelschreiber. Irgendwann bin ich dann auf einen Kolbenfüller umgestiegen, den man ganz altmodisch befüllt, indem man die Spitze in ein Tintenfass hält und dann am Schaft des Füllers dreht. Ein Kolben saugt dann Tinte in den Vorratstank des Füllers. Das ist etwas komplizierter als einfach eine neue Patrone einzusetzen, fühlt sich aber gerade deswegen gut an.

Wie viel ich inzwischen mit dem Füller schreibe, merke ich vor allem am Tintenverbrauch. Ich werte das allerdings als gutes Zeichen. Mit dem Füller zu schreiben entspannt mich einfach. Meine Gedanken werden auf eine Geschwindigkeit runtergebremst, bei der ich mitlesen kann. Ich bin gezwungen, linear zu denken und mich auf ein Thema zu konzentrieren. Nicht wie beim Schreiben mit dem Rechner, auf dem Tablet oder Handy, wo ich gerne mal Sätze oder ganze Absätze wild hin und her schiebe. Beim Schreiben auf Papier geht das nicht.

Trotzdem möchte ich das Schreiben via Tastatur oder Touchpad auf keinen Fall missen – nicht nur, weil auch dieses Blog davon abhängt. Wie bei so vielem im Leben kommt es nur eben auf die richtige Dosis an.

In diesem Sinne, nein, kein Füller- oder Tintenhersteller war an der Erstellung dieses Beitrages beteiligt.