Kinderfrage mit Zucker

Früher, als ich noch klein war, gab es bei meinen Eltern regelmäßig „Kinderfrage mit Zucker bestreut“. Zumindest sagten sie das. Probieren durfte ich dieses besondere Gericht freilich nie. Denn „Kinderfrage mit Zucker bestreut“ war die Standardantwort meines Vaters, wenn ich ihn zum fünften Mal hintereinander mit der Frage nervte, was es heute zum Mittagessen geben würde.

Natürlich war auch dem vier- oder fünfjährigen Stöpsel, der ich damals war, schnell klar, dass „Kinderfrage mit Zucker bestreut“ gar kein echtes Essen war. Und doch klang es so lecker! In meinem Kopf formten sich sofort Bilder von einem warmen Kuchen mit einer ganz besonderen Zuckerglasur oder eine Art süßes Brot. Sofort lief mir das Wasser im Mund zusammen, und ich bettelte meinen Vater an, mir doch bitte diese Scherzantwort wirklich zu kochen.

Inzwischen bin ich etwas älter geworden. Süßes esse ich nur noch selten. Den Effekt von damals kenne ich aber weiterhin. Manchmal reicht ein Wort und schon startet das entsprechende Kopfkino. „Mekong“ ist so ein Wort. Bei der Erwähnung des Flusses in Südostasien muss ich sofort an Filme wie „Hotel very welcome“ oder „A Map for Saturday“ denken. Die Bilder aus dem Film mischen sich dann mit meinen eigenen Erinnerungen. Ich mit einem kalten Beer Lao auf einer hölzernen Restaurant-Plattform über dem Fluss. Oder ich in einem klapprigen Tuk Tuk auf dem Weg von Nong Khai  in Richtung laotische Grenze.

Erwischt mich so ein Wort wie „Mekong“ im richtigen Moment, würde ich am liebsten sofort  den nächsten Flieger nach Bangkok nehmen. Oder nach Buenos Aires. Oder nach Sydney. Oder, oder, oder. Gleichzeitig ist mir allerdings auch klar, dass ich hier in die gleiche Falle tappe wie als Fünfjähriger. Was sich bei der Erwähnung des Wortes Mekong in meinem Kopf abspielt hat mit dem, wie eine solche Reise tatsächlich ablaufen würde, in etwa so viel zu tun wie damals das tatsächliche Mittagessen mit „Kinderfrage mit Zucker bestreut“.

Als ich damals in Südostasien unterwegs war, war ich gerade mit meinem ersten Studium fertig. Ich hatte nur eine vage Ahnung davon, was ich auf dieser Reise erleben würde. Noch weniger konkret waren meine Pläne für die Zeit danach. Ich wusste ja noch nicht einmal genau, wann ich nach Deutschland zurückkehren würde. Was abzuschließen war, hatte ich abgeschlossen. Alles danach würde ich komplett neu anfangen müssen. Ich war jung und anspruchslos, was Transport, Hotels und Hostels anging. Vielleicht war ich auch ein bisschen naiv, was ich rückblickend als durchaus vorteilhaft für die Reise bewerten würde.

Heute wäre das anders. Würde ich versuchen, genau die gleiche Reise noch einmal zu machen und das gleiche Gefühl von Freiheit noch einmal zu empfinden, würde ich binnen kürzester Zeit gnadenlos scheitern – so wie mein Vater scheiterte, mir etwas zu kochen, was auch nur annähernd an meine Vorstellung von „Kinderfrage mit Zucker bestreut“ heranreichte. Ständig würde ich Phantasie und Wirklichkeit vergleichen, wobei letztere fast immer den kürzeren ziehen würde.

Trotzdem würde ich nicht sagen, dass es unmöglich ist, eine tolle Erfahrung wie diese erste richtig große Reise zu wiederholen. Ich war seitdem immer wieder unterwegs und jedes Mal war es eine tolle Erfahrung. Die Kunst besteht einfach darin, sich vorab nicht all zu sehr darauf zu konzentrieren, was man sich vorgestellt hat oder wie es beim letzten Mal gewesen ist. Eine Regel, die man übrigens auch auf viele alltägliche Erlebnisse anwenden kann. Meist hat man dann mehr davon.

In diesem Sinne: Das Bild zeigt übrigens mich auf dem Boot bei der Überfahrt von Surat Thani nach Ko Samui in Thailand. Als das Foto gemacht wurde war ich 25 Jahre alt.

PS: Gleiches Foto, ähnlicher Gedanke: The Beach.

(M)ein Lied?

Anfangs habe ich noch danach gesucht. Ich habe mir online die verschiedenen Billboard-Charts von Argentinien und Chile aus der Zeit rausgesucht. Dann habe ich einen Titel nach dem anderen bei youtube und Co. eingegeben. Stunden habe ich damit zugebracht, Lied für Lied aufzustöbern und anzuhören. Eines davon musste es doch sein!

Als ich im November und Dezember 2004 in Argentinien und Chile unterwegs gewesen war, hatten sie das Lied gefühlt mindestens einmal pro Stunde im Radio gespielt. Keine der Busfahrten, von denen die längste immerhin 37 Stunden gedauert hatte, war ohne dieses eine Lied ausgekommen. Die Melodie war eingängig, der Text spanisch. Ich mochte es und freute mich jedes Mal, wenn es lief. Er wurde schnell zu einer Art Hymne für mich, ein Soundtrack des südamerikanischen Teils meiner Weltreise.

Das galt insbesondere deswegen, weil mir in der dritten Woche meiner Weltreise mein Tagesrucksack samt MP3-Player gestohlen worden war. Wollte ich Musik hören, war ich auf Musik von außen angewiesen – ein Radio in einem Café oder die Musikauswahl in einer Kneipe, zum Beispiel. Oder eben das Radio im Bus.

In den südamerikanischen Bussen lief die meiste Zeit ein Fernseher. Manchmal hatte ich Glück und es gab einen amerikanischen Film mit spanischen Untertiteln. Manchmal wurden aber auch synchronisierte Fassungen gezeigt oder es liefen gleich originär spanische oder südamerikanische Filme. Hier verstand ich dann wenig bis gar nicht. Kurz nach der Abfahrt und kurz vor der Abfahrt allerdings schaltete der Busfahrer oft das Radio ein. Dieses eine Lied war dabei so präsent, dass ich mir nie die Mühe machte, den Titel oder den Namen der Band oder des Interpreten rauszusuchen. Bis das Lied plötzlich weg war.

Von Santiago de Chile flog ich weiter nach Auckland, Neuseeland. Wie ungewohnt, plötzlich Englisch sprechen zu können und von allen verstanden zu werden! Überhaupt fühlte sich Neuseeland, obwohl am anderen Ende der Welt gelegen, viel näher an Europa gelegen an als Argentinien oder Chile. Fast ein bisschen wie England, nur weniger dicht besiedelt und und etwas weiter abseits gelegen halt. Dass etwas fehlte, fiel mir erst später auf – und ich vergaß es auch schnell wieder.

Erst als ich einige Monate später wieder zurück in Deutschland war – nach Neuseeland hatte ich noch in Australien, Thailand und Laos Station gemacht und war herumgereist – und ich anfing, die Reise und meine Erinnerungen nach und nach gedanklich zu sortieren, fiel mir dieses eine Lied wieder ein. Ich begann zu suchen. Das tue ich bis heute, wenn auch inzwischen deutlich seltener als damals.

Dummerweise bin ich nicht einmal sicher, ob ich das Lied nicht längst gefunden habe. Inzwischen ist die Reise so lange her, dass ich mich praktisch gar nicht mehr an das Lied erinnern kann. Anfangs dachte ich noch, ich würde es schon merken, wenn ich es erst einmal gefunden habe. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr sicher. Selbst wenn mein Gedächtnis mich selbst immer mal wieder überrascht, woran es sich noch erinnern kann, wenn man es nur mit den richtigen Attributen füttert, würde ich dafür inzwischen nicht mehr die Hand ins Feuer legen.

Ich habe das Lied in einem für mich sehr besonderen Moment entdeckt. In diesem Moment hat es mir viel bedeutet. Aber vielleicht ist es wie mit einem Wein, der einem am Urlaubsort unglaublich gut schmeckt, sich aber nach der Rückkehr zuhause, wo es kein Meer und keinen romantischen Sonnenuntergang am Strand gibt, schnell als saure, pelzig schmeckende Plörre herausstellt. Vielleicht suche ich etwas, das ich, ohne es zu merken, längst gefunden habe; das mich zwar in einem bestimmten Moment sehr berührt hat, ohne diesen Moment aber völlig wirkungslos ist, und das ich deswegen gar nicht wiederfinden kann.

In diesem Sinne, gute Reise und so!

47,1 Jahre

Ich werde sterben. Nicht sofort, hoffe ich zumindest, und auch nicht in nächster Zeit. Aber in 47,1 Jahren. Das sagt jedenfalls population.io, eine Webseite des Weltdatenlabors in Wien.

Diese Vorhersage basiert rein auf statistischen Daten und ist daher natürlich nur ein grober Anhaltspunkt. Weder werden persönliche Lebensumstände abgefragt, noch sonstige Daten. Jeder Deutsche, der am gleichen Tag Geburtstag hat wie ich, bekommt den gleichen Sterbetag angezeigt. Gibt man ein anderes Heimatland an als Deutschland, wird die Lebenserwartung entsprechend angepasst. Genau darum geht es nämlich eigentlich: die unterschiedlichen Lebenserwartungen in unterschiedlichen Ländern der Welt deutlich zu machen. Ein komisches Gefühlt ist es trotzdem, diese Zahl so vor sich zu sehen.

Die Webseite spuckt noch eine Reihe weiterer Daten aus. Sie berechnet beispielsweise, wie viele Menschen zum jetzigen Zeitpunkt älter und wie viele jünger sind als ich (jünger: 4.583.614.206, älter: 2.919.657.760) oder wann ich der fünfmilliardenste Mensch auf der Welt sein werde, also an welchem Tag es fünf Milliarden Menschen gibt, die jünger sind als ich (20. August 2020). Außerdem spuckt sie aus, dass ich 2406 Tage länger leben werde als der durchschnittliche Weltbürger.

Die unheimlichste Zahl, die die Webseite bereitstellt, ist das Datum, an dem ich – rein statistisch gesehen – sterben werde: am 20. November 2064. Unheimlich ist diese Angabe vor allem deshalb, weil sie so konkret ist.

2064 – das klingt erstmal nach einer Menge Zeit. Dieser Gedanke relativiert sich allerdings sofort, wenn ich mir zum Beispiel vor Augen führe, wie schnell die letzten zehn Jahre vergangen sind. Oder wenn ich mir bewusst mache, dass der Abstand von heute zum Jahr 2064 der gleiche ist wie von heute zum Jahr 1970. Jedes Modell, das den Klimawandel in die Zukunft extrapoliert, arbeitet mit Jahreszahlen weit jenseits meines statistischen Sterbedatums.

Andererseits ist 2064 eigentlich weit später, als ich eigentlich gedacht hätte. Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass der Mensch seine statistische Lebenserwartung im Schnitt um 7 Jahre zu niedrig einschätzt. Das kommt bei mir ganz gut hin. Allerdings sind diese Zahlen für sich genommen ziemlich egal. Entscheidend ist, dass wohl niemand auf die Frage, wie lange er oder sie wohl leben wird, mit „unendlich“ antworten wird. Und doch benehmen wir uns oft so.

Unser Leben ist endlich, wie die meisten wenn nicht sogar alle Dinge im Leben. Doch während wir diese Tatsache oft sehr genau einkalkulieren, ignorieren wir sie hier. Niemand würde sagen: „Wir wissen zwar nicht, ob wir noch fünf oder 50 Liter Benzin im Tank haben, aber den Umweg über 200 Kilometer nehmen wir gerne in Kauf“. Gleichzeitig haben die meisten Menschen kein Problem damit, Jahre zu verschwenden mit Jobs, die sie nicht mögen, mit Menschen, die ihnen eigentlich nichts bedeuten, oder Angewohnheiten, die sie längst ablegen wollten. Geht es um Veränderungen in ihrem Leben, planen sie gerne mit einem „Später“, von dem sie gar nicht wissen, ob sie dafür noch genügend Jahre im Tank haben.

Andererseits stelle ich es mir ziemlich schlimm vor, wenn ich tatsächlich jetzt schon wüsste, wann genau mein Leben zu Ende ist. Der Druck, die Zeit bis dahin optimal zu nutzen, würde vermutlich für das genaue Gegenteil sorgen: am Ende hätte ich zwar ein perfekt geplantes Leben gelebt – und ich wäre totunglücklich damit.

Das geht nicht nur mir so. Befragt man Menschen, ob sie ihren genauen Todeszeitpunkt wissen wollen würden, wenn sie denn könnten, antworten normalerweise die meisten mit „nein“. Vermutlich ist der menschliche Geist für solche Informationen schlicht nicht gemacht. Wollen wir auch bei allen möglichen anderen Dingen – siehe Tankanzeige – so genaue Infos wie möglich, hier endet unser Durst nach klaren Fakten. Komisch eigentlich, findet Ihr nicht?

In diesem Sinne, ein Hoch auf das Nicht-Wissen!

Peng!

Da hat jemand auf uns geschossen! Das war zumindest mein erster Gedanke. Der laute Knall; die geborstene Scheibe; die Splitter, die plötzlich ins Wageninnere regneten. Kommt doch immer mal wieder vor, dass Verrückte auf der Autobahn mit Kleinkalibergewehren wahllos um sich schießen, dachte ich mir.

Wobei: dachte? Nein, gedacht habe ich eigentlich nicht. Es war Freitagabend, kurz nach halb sieben, und wir waren auf der A6 in Richtung Norden unterwegs, als das Fenster auf der Fahrerseite plötzlich explodierte. Ich fuhr nicht all zu schnell, höchstens 120 Stundenkilometer auf der mittleren Spur. Mehr ließ der dichte Berufsverkehr um uns herum ohnehin nicht zu. Gedacht habe ich erstmal gar nichts, sondern nur reagiert.

Da hat jemand auf uns geschossen! Zum Glück kam da dieser Rastplatz. Blinker setzten, vorsichtig rüberziehen auf die rechte Spur, dann auf den Verzögerungsstreifen, abbremsen und die nächste freie Parkbucht ansteuern. Durchatmen. I. war OK, das war das Wichtigste. War ich verletzt? Nein. Nur ein paar Splitter Sicherheitsglas im Kragen.

Wenn wirklich jemand auf uns geschossen hatte, müsste entweder ein Projektil irgendwo im Auto liegen oder es müsste ein Austrittsloch auf der anderen Fahrzeugseite geben, oder? Oder gilt das nur für großkalibrige Waffen. Da kann sich ja auch jemand mit einem Luftgewehr einen Streich erlaubt haben. Oder Steine geworfen haben. Eine Seitenscheibe zerplatzt doch nicht einfach so in tausend Teile, oder doch?

Anruf bei der Polizei, sicher ist sicher. Der Beamte am anderen Ende hört ruhig zu. Ein Schuss sei in seinen Augen unwahrscheinlich, sagt er. Trotzdem sei es gut, dass ich angerufen hätte. Er stellt ein paar Fragen, gibt irgendwann Entwarnung. Wahrscheinlicher sei ein technischer Defekt. Sei selten, käme aber vor.

Der nächste Anruf gilt der Leasinggesellschaft, über die meine Firma den Wagen gemietet hat. Die Frau am anderen Ende ist nett, aber völlig durcheinander. Eine Seitenscheibe, die einfach so explodiert. Das hat sie noch nie gehört. Sie wisse gar nicht, ob das nun unter Panne falle (=Leasingfirma zahlt) oder Unfall (=Versicherung muss zahlen). Sie verspricht, sich zu kümmern und zurückzurufen.

I. und ich warten. Die Sonne ist inzwischen untergegangen. Ein Auto steuert den Parkplatz neben uns an, sieht die geborstene Scheibe und fährt eilig weiter. Langsam wird es kalt und wir lassen immer mal wieder den Motor laufen, damit der zwangsbelüftete Innenraum nicht komplett auskühlt. Dann ruft die Frau von der Leasingfirma zurück. Glasschäden würden als Unfallschäden behandelt. Eine Reparatur vor Ort sei um diese Zeit nicht mehr möglich. Man werde einen Abschleppwagen schicken und einen Mietwagen organisieren.

Der Abschleppwagen kommt. Nein, der Auftrag habe ihn nicht um seinen Feierabend gebracht, erzählt der Fahrer. Seine Schicht fange gerade erst an. Zehn abgeschleppte Fahrzeuge pro Nacht, das sei normal, und wir wären jetzt nun einmal das Erste. Geplatzte Scheibe? Ohne Fremdeinwirkung? Nein, das sei auch für ihn neu.

Das Handy klingelt. Wir hätten einen Mietwagen reserviert, sagt die Stimme am anderen Ende. Der Fahrer würde nun losfahren und sei in 30 bis 60 Minuten da. Es werden 75, doch das ist jetzt auch egal. Wurde auf uns geschossen? Wohl nicht. Trotzdem hat es sich genau so angefühlt und angehört. Statt nach Wuppertal fahren I. und ich nun zurück nach Karlsruhe. Es ist kurz vor 21 Uhr abends, unter normalen Umständen wären wir jetzt in Wuppertal oder zumindest kurz davor.

In diesem Sinne, wir sind beide froh, dass nicht mehr passiert ist!

Wutkundengeständnis

Ich bin jetzt einer von ihnen. Einer von diesen Menschen, die böse Briefe schreiben, Wutposts bei Facebook absetzen und mit Anwälten drohen und und am Ende doch nicht viel weiter sind als am Anfang. Nur frustrierter. Weil sich diejenigen, um die es geht, einfach taub stellen. Wenn ich den Kunden nicht sehe, sieht er mich sicher auch nicht. Das hat schon als Kind super funktioniert, wenn man mit den Erwachsenen Verstecken gespielt hat. Einfach Augenzuhalten.

Ich bin jetzt einer von ihnen, ich kann ihren Frust verstehen. Seit inzwischen fast fünf (fünf!) Monaten warte ich darauf, dass o2 mir erklärt, wieso sie 1,29 Euro für die „Recherche“ meiner Adresse berechnen. Alles, was bisher passiert ist, ist eine Mail, in der mich o2 mich bittet – nicht lachen – ihnen meine Adresse mitzuteilen, um meine Nachfrage zu beantworten. Mehr ist nicht passiert. Auch auf mehrmalige Nachfrage nicht.

Ein anderer Fall ist die inzwischen insolvente Unister GmbH aus Leipzig bzw. deren Tochter die U-Deals GmbH. Schon vor Jahren bin ich einmal ungefragt auf deren Newsletterverteiler gelandet, angeblich, weil ich an einem Gewinnspiel teilgenommen hatte, was schlicht gelogen war. Tatsächlich hatte Unister meine Mail-Adresse bei einem Adresshändler in Österreich gekauft, was dieser mir auch schriftlich bestätigte.

Vergangene Woche bekam ich dann auf einmal erneut und aus heiterem Himmel einen Newsletter zugestellt, den ich nicht bestellt hatte. Absender: erneut eine Unister-Tochter, nämlich „ab-in-den-urlaub.de“. Meine schriftliche Nachfrage, wie es sein könne, dass ich schon wieder ungefragt auf dem Newsletter-Verteiler gelandet bin, blieb bislang unbeantwortet. Ein Anruf bei der Firma brachte mich auch nicht weiter. Der Callcentermitarbeiter beharrte darauf, wenn ich den Newsletter bekommen hätte, hätte ich ihn auch bestellt. Mehr Auskunft könne er mir nicht geben. Und nein, er wisse auch nicht, wer da zuständig sei oder an wen ich mich wenden könnte.

Ja, anscheinend bin ich jetzt einer von ihnen. Ich mag das selbst nicht, weil ich mir dabei so kleinlich vorkomme. Wie jemand, der seinen persönlichen Frieden dadurch herzustellen versucht, indem er sich mit möglichst vielen Firmen anlegt und dabei möglichst oft betont, dass er natürlich einen Anwalt in der Familie oder im Freundeskreis und/oder eine Rechtsschutzversicherung hat. Jemand der mit dem Kissen unter dem Ellbogen am Fenster sitzt und Parksünder aufschreibt. Jemand der im Internet aus Prinzip nur schlechte Bewertungen schreibt. Jemand, der so oft das Gefühl hatte, ungerecht behandelt worden zu sein, dass er nun gierig jede Möglichkeit aufsaugt, wo er endlich einmal das Recht auf seiner Seite zu wissen glaubt und nur mit den richtigen Paragraphen wedeln muss, um einmal nicht das kleine Würstchen, sondern der große Mann zu sein.

Beruflich habe ich leider immer wieder selbst mit solchen Menschen zu tun. Noch bevor sie erklärt haben, worum es eigentlich geht, jonglieren sie mit Gesetzestexten (meist den falschen) oder stoßen wüste Drohungen aus, an wen sie sich noch alles wenden und bei welchen Behörden sie ihre Beschwerde überall vortragen werden.

Manchmal ärgere ich mich über diese Menschen, meist tun sie mir leid. Wie viel Frust sich da aufgestaut haben muss, für den sie einfach kein Ventil finden. Dieses Gefühl, immer wieder vor die Wand zu laufen, weil man am Ende doch am kürzeren Hebel sitzt. Unwilkürlich muss ich dann an Kunden im Restaurant denken, die auf die Frage, ob das Essen geschmeckt habe, schon aus Prinzip über das zähe Fleisch, das verkochte Gemüse und den schlechten Service schimpfen. Als Kunde sind sie schließlich König, und der Restaurantbesuch ist vielleicht ihre einzige Gelegenheit, wo sie sich beschweren können und direkt Recht bekommen.

Bin ich jetzt wirklich einer von ihnen? Am liebsten würde ich diese Frage mit „nein“ beantworten. Doch tief in mir drin weiß ich, dass das gelogen wäre. Auch wenn ich mich insgesamt für einen eher ausgeglichenen Typ halte, manchmal ist das kleine HB-Männchen in mir einfach stärker. Dann bin ich ein blöder Stinkstiefel und manchmal ja vielleicht sogar zu Recht.

In diesem Sinne, jetzt erstmal tief durchatmen. Rauchen tue ich ja nicht …

Stalkscan

Manchmal finde ich es unheimlich. Nicht das Tool, dessen Screenshot ich oben eingebunden habe. Stalkscan.com zeigt nichts an, was man mit etwas geschicktem Rumklicken nicht auch selbst herausgefunden hätte. Es gibt diverse solche Tools, die meist auf „graph search“ aufsetzen, eine Funktion, die Facebook zwar schon 2014 aus seinen Menüs entfernt, aber trotzdem nie abgeschaltet hat. Richtig eingesetzt fördert diese Funktion zum Beispiel zu Tage, auf welchen Bildern seiner Freunde man verlinkt wurde, mit wem man zur Schule gegangen ist und in welchen Posts man von anderen markiert wurde.

Das mag auf den ersten Blick unheimlich wirken. Denkt man allerdings ein wenig über das Grundprinzip von Facebook nach, ist es eigentlich nur logisch, dass so etwas möglich ist. Viel unheimlicher finde ich, wie selbstverständlich es für uns geworden ist, dass es so etwas wie Facebook überhaupt gibt.

Ich bin kein Gegner von Facebook. Ich frage mich nur hin und wieder, wie es wohl gewesen wäre, wenn es etwas derartiges schon zu meiner Schulzeit gegeben hätte. Ich erinnere mich noch gut dran, wie aufregend es für mein 14-jähriges Ich sein konnte, über drei Ecken endlich den Namen des Mädchens aus der Parallelklasse herauszubekommen, das man nun schon seit drei Wochen aus den Augenwinkeln auf dem Schulhof beobachtete.

Heute bekäme ich zusammen mit dem Namen womöglich auch Fotos vom letzten Urlaub, eine Liste mit all ihren Freundinnen und wüsste, was sie am Vortag zu Abend gegessen hat. Abhängig natürlich immer davon, welche Privatsphäreneinstellungen sie gewählt hat und wie mitteilungsbedürftig sie auf Facebook und Co. unterwegs ist. Vielleicht hätte ich sogar den Namen eher über Facebook und nicht über drei Ecken erfahren.

Gleiches gilt natürlich auch andersrum. Ich erinnere mich, dass ich es als pubertärer Teenager manchmal schon schwer fand, einfach nur ganz normal von A nach B zu gehen. Wie wirke ich auf andere? Bin ich cool genug? Sitzt die Jeans auch gut? Sind meine Haare noch in Ordnung?

Wie anstrengend muss es sein, sich außerdem ständig Gedanken über seine virtuelle Präsenz bei Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat, Youtube und in den diversen WhatsApp-Gruppen zu machen?

Andererseits ist das für einen Jugendlichen, der mit all dem aufwächst, vermutlich unvorstellbar, dass es einmal anders war. Den heimlichen Schwarm nicht via Facebook „stalken“ zu können, sondern extra einen Bus früher zu nehmen, damit man einander zufällig über den Weg läuft. Anrufen zu müssen, weil es noch kein WhatsApp gibt. Am Telefon hoffen, die betreffende Person selbst zu erwischen, damit man nicht wieder für eine misstrauische Mutter zwei Mal den eigenen Namen wiederholen muss, bevor der Hörer weitergereicht wird.

Der Programmierer von stalkscan hat übrigens angegeben, dass er sein Tool gar nicht ins Netz gestellt hat, um Online-Stalking zu erleichtern. Vielmehr ginge es ihm darum, zu sensibilisieren, welche Infos alle frei verfügbar bei Facebook abrufbar sind.

In diesem Sinne, viel Spaß in der Gegenwart!

Ereignislos

Das Foto habe ich vor ein paar Tagen am frühen Abend am Wilhelmring in Wuppertal gemacht. Eher ein schneller Schnappschuss mit dem Handy als ein bewusst komponiertes Bild, trotzdem gefällt mir die Aufnahme.

Nach Wuppertal komme ich sechs oder sieben mal im Jahr, meist übers Wochenende, sprich: freitagsabends hin, sonntagnachmittags zurück. An Weihnachten ist das anders. Zum Ende des Jahres hin versuche ich, mir immer ein wenig länger frei zu nehmen, um eine oder sogar zwei Wochen in meiner alten Heimat verbringen zu können. Ich genieße diese ruhigen und, sieht man von Weihnachten ab, weitestgehend ereignislosen Tage. Genau das spiegelt sich für mich auch in diesem Foto wider. Vielleicht mag ich es deshalb.

In diesem Sinne, einen (positiv) ereignislosen Januar Euch allen!