Fünf Sekunden

Oft sind es nur fünf Sekunden, von denen man sich wünscht, dass man sie nur geträumt hat. Der eine kurze Moment, in dem man unachtsam war, und der dann zur Katastrophe geführt hat. Zu einem Unfall zum Beispiel, der das ganze Leben verändert hat. Oder schlimmer: nicht nur das eigene Leben. Alles, weil man eine falsche Bewegung gemacht hat, eine falsche Entscheidung getroffen hat oder einfach unachtsam gewesen ist.

Als ich noch regelmäßig an den Wochenenden mit dem Auto zwischen Karlsruhe und Ulm gependelt bin, hatte ich hin und wieder Momente, wo ich im Nachhinein gedacht habe: verdammt, da habe ich Glück gehabt. Ich nehme an, so geht es jedem irgendwann, der regelmäßig und viel Auto fährt. Als Mensch ist man bei allen guten Vorsätzen eben nicht unfehlbar. Trotzdem habe ich manches Mal gedacht: wenn jetzt etwas passiert wäre, ich hätte mich mein Leben lang über die fünf Sekunden geärgert, die ich abgelenkt war. Etwa weil ich wider besseren Wissens nach der Wasserflasche auf dem Beifahrersitz geangelt habe. Könnte ich jetzt in die Vergangenheit reisen, ich müsste nur diese fünf Sekunden ändern, und alles wäre anders. Geht aber leider nicht.

Es muss allerdings gar nicht immer gleich ein Unfall oder ähnliches sein, um dieses Gefühl zu haben. Oft reichen viel banalere Situationen, die zwar lange nicht so dramatisch sind, sich aber in dem einen Moment trotzdem fies anfühlen.

Ich erinnere mich an eine Situation in Mendoza in Argentinien. Ich saß am Fernbusbahnhof auf einer Bank und packte gerade Dinge aus meinem großen Rucksack in meinen Tagesrucksack. In einer Stunde würde ich nach Salta im Norden des Landes weiterreisen. Plötzlich ging dieser Mann an mir vorbei. Als er gerade an mir vorbei war, fiel ihm ein Schlüsselbund aus der Tasche. Mehr aus einem Reflex heraus bückte ich mich, um den Schlüssel aufzuheben. Im gleichen Moment rannte ein zweiter Mann hinter mir vorbei, griff sich meinen Tagesrucksack und verschwand in einer Unterführung.

Glück im Unglück: meinen Reisepass hatte ich noch nicht umgepackt. Ansonsten hätte ich die geplante Weiterreise nach Neuseeland wohl knicken können. Ärgerlich war das Ganze trotzdem. Vor allem, weil ich mir immer wieder selbst die Frage stellte: was wäre gewesen, wenn ich mich einfach nicht nach dem Schlüsselbund gebückt hätte. Wobei: vermutlich hätte ich dann nicht einmal gemerkt, was mir erspart geblieben wäre. Das ist ja das Gemeine an eben diesen fünf Sekunden. Bewusst werden sie einem meist nur dann, wenn man die falsche Entscheidung getroffen hat.

Eine andere Geschichte ist mir gestern passiert. Mit einer Kollegin zusammen war ich in einem großen Einkaufszentrum hier in der Nähe. Einkaufen für ein kleines Sommerfest in der Firma. Wir standen gerade vor dem Pfandautomaten des Getränkemarktes, als mir auffiel, dass die Innentasche meiner Jacke offen war. Mein Handy war noch darin, nicht allerdings mein Portemonnaie, von dem ich eigentlich sicher gewesen war, dass ich es ebenfalls dort hinein gesteckt hatte. Oder hatte ich mich geirrt?

Ein Anruf im Büro brachte Sicherheit. Hier war der Geldbeutel nicht. Aber wo hatte ich ihn verloren? Im Geist ging ich den Weg vom Auto zum Einkaufszentrum noch einmal durch. War mir irgendwer zu nahe gekommen, so dass er, entsprechende Fingerfertigkeit vorausgesetzt, unauffällig an meine Innentasche rangekommen wäre? Eigentlich nicht. Auch auf dem Weg zurück zum Auto lag nirgendwo ein Portemonnaie auf dem Boden. Was freilich nichts hieß: wenn jemand gesehen hatte, wie mir der Geldbeutel aus der Tasche gerutscht war, hätte er oder sie sich einfach nur bücken müssen.

An der Infotheke des Einkaufszentrums war kein Geldbeutel abgegeben worden. War er vielleicht in eine der Getränkekisten gefallen, als ich diese in den Pfandautomaten geschoben hatte? Zwar suchten die freundlichen Mitarbeiter des Getränkemarktes extra für mich die Fließbänder ab, fanden jedoch nichts.

Das war es dann also. Fünf Sekunden unaufmerksam gewesen, und nun würde ich Tage brauchen, um alle Karten und Ausweise neu zu beantragen. Schlimmer noch: mein Führerschein war in dem Portemonnaie gewesen, und den würde ich bei der geplanten USA-Reise brauchen, um den Mietwagen zu mieten und zu fahren. Unwahrscheinlich, dass der neue Führerschein rechtzeitig fertig ist. Selbst wenn ich sofort einen Termin im Bürgerbüro bekäme, würde es wohl nicht klappen. Erkennen sie in den USA deutsche Ersatzbescheinigungen an? Vermutlich nicht.

Allerdings hatte ich in diesem Fall Glück im Unglück. Per Slack schrieb mir kurz darauf ein Kollege, dass jemand für mich angerufen habe. Worum es geht, habe er nicht gesagt, nur, dass er mich sprechen wollte.

Der Name, nennen wir ihn hier einfach X, sagte mir nichts, als ich die angegebene Nummer gewählt hatte, begrüßte mich allerdings eine freundliche Männerstimme mit den Worten: „Kann es sein, dass Ihnen etwas fehlt?“

X hatte meinen Geldbeutel neben meinem Auto auf dem Boden liegen gesehen und eingesteckt. Dann hatte er noch einen Moment gewartet und überlegt, ob er das Portemonnaie einfach irgendwo im Einkaufszentrum abgeben sollte, was ihm aber zu unsicher erschienen war. Der Presseausweis im Portemonnaie hatte ihn dann auf die Spur meiner Firma gebracht.

Als ich den Geldbeutel wenig später bei ihm abholte, war ich so dankbar, dass die fünf Sekunden Unachtsamkeit nun auf so praktische Weise und ganz ohne Zeitreisen nivelliert worden waren, dass ich X spontan den Inhalt meines Scheinfachs als Finderlohn überreichte. Ein gutes Geschäft für uns beide, denn alle Karten neu zu beantragen wäre definitiv teurer geworden.

In diesem Sinne, passt gut auf Euch auf – und auf Eure Geldbeutel!

Tintenherz

Ich habe ein Geständnis zu machen; es wird einfach Zeit, dass ich es sage: Ich schreibe gerne mit Füller und Tinte. Ich tue dies sogar sehr regelmäßig. Ich mag die Art, wie die Feder über das Papier gleitet. Für mich, der ansonsten fast alles tippt, was er aufzuschreiben hat, ist das eine Art Entschleunigung. Ein Luxus, den ich mir gönne, wenn ich privat etwas zu Papier bringen möchte. Briefe, Gedanken oder auch einfach nur kurze Notizen. Mit Füller schreiben sich manche Dinge einfach anders als mit Kugelschreiber geschweige denn mit dem Computer.

So richtig für mich entdeckt habe ich den Füller als Schreibgerät vor circa zwölf Jahren. Ich habe damals in Berlin gewohnt. Geschrieben habe ich vor allem in meiner Küche an einem wackeligen weißen Tisch, der gerade so eben in das kleine Zimmer gepasst hat. Einmal in der Woche oder so habe ich meinen Schreibplatz in eine der zahlreichen nahen Kneipen verlegt, in das „An einem Sonntag im August“, zum Beispiel, oder in die „Eselsbrücke“. Ich mochte es (und mag es bis heute), wenn um mich herum etwas passiert. Menschen die kommen und gehen, Gespräche,  Kellner und Kellnerinnen, die Bestellungen aufnehmen. Sowas halt.

Anfangs hatte ich immer einen schwarzen Fineliner dabei, der viel schöner mit dem cremefarbenen Papier meines Notizbuch harmonierte als jeder Kuli. Die Schrift sah so viel wertiger aus. Der Nachteil dieses Schreibgeräts: es ging regelmäßig kaputt. Auch ermüdete die Hand irgendwann beim Schreiben. Ganz abgesehen davon, dass ich gefühlt dauernd neue Minen nachkaufen musste. Also habe ich statt Minen irgendwann einen Füller gekauft.

Anfangs war das ein recht preiswertes Gerät, ein Parker für 15 Euro oder so. Ich mag ihn immer noch, weil sich der Füller schon aufgrund seines Metallkörpers viel besser anfühlt als die meisten Kugelschreiber. Irgendwann bin ich dann auf einen Kolbenfüller umgestiegen, den man ganz altmodisch befüllt, indem man die Spitze in ein Tintenfass hält und dann am Schaft des Füllers dreht. Ein Kolben saugt dann Tinte in den Vorratstank des Füllers. Das ist etwas komplizierter als einfach eine neue Patrone einzusetzen, fühlt sich aber gerade deswegen gut an.

Wie viel ich inzwischen mit dem Füller schreibe, merke ich vor allem am Tintenverbrauch. Ich werte das allerdings als gutes Zeichen. Mit dem Füller zu schreiben entspannt mich einfach. Meine Gedanken werden auf eine Geschwindigkeit runtergebremst, bei der ich mitlesen kann. Ich bin gezwungen, linear zu denken und mich auf ein Thema zu konzentrieren. Nicht wie beim Schreiben mit dem Rechner, auf dem Tablet oder Handy, wo ich gerne mal Sätze oder ganze Absätze wild hin und her schiebe. Beim Schreiben auf Papier geht das nicht.

Trotzdem möchte ich das Schreiben via Tastatur oder Touchpad auf keinen Fall missen – nicht nur, weil auch dieses Blog davon abhängt. Wie bei so vielem im Leben kommt es nur eben auf die richtige Dosis an.

In diesem Sinne, nein, kein Füller- oder Tintenhersteller war an der Erstellung dieses Beitrages beteiligt.

10 G.

„Ich glaube, manchmal weigern sich die Worte absichtlich, aus meinem Kopf in meine Finger und anschließend in die Tastatur meines Laptops zu fließen.“

Mit diesen Worten habe ich den ersten Post begonnen, den ich auf Felix‘ Welt veröffentlicht habe. Heute ist das auf den Tag genau 10 Jahre her. Da Online-Jahre mindestens wie Hundejahre gezählt werden müssen, könnte man also sagen, dass mein Blog heute mindestens 70. Geburtstag feiert, je nachdem, wie man Hundejahre rechnet. Zeit für einen Rückblick – natürlich in G..

Gestartet: Als ich mit Felix‘ Welt begonnen habe, waren Blogs noch eine Randerscheinung. Die meisten meiner Freunde konnten noch nicht einmal mit dem Begriff etwas anfangen. Eine Bekannte einer Bekannten gehörte allerdings damals zu den Exoten, die bereits regelmäßig Gedanken ins Internet stellten. Veröffentlicht hat sie diese auf ihrem Myspace-Profil. Das habe ich immer gerne gelesen. Der Auslöser, es selbst mit einem Blog zu versuchen, war meine Masterarbeit. Weil ich hier partout nicht weiterkam und es satt hatte, stundenlang gar nichts zu Papier zu bringen, habe ich eben mit dem Bloggen angefangen

Gehosted wurde Felix‘ Welt seitdem auf drei verschiedenen Servern. Anfangs lautete die Adresse noch felix-welt.blogspot.com, ein Angebot von google. 2008 zog ich die Seite auf den ersten eigenen Webspace und auf wordpress um. Nachdem dieser irgendwann zu klein zu werden drohte, folgte vor zwei oder drei Jahren ein weiterer Wechsel.

Gemailt: In erster Linie schreibe ich für mich. Trotzdem wäre es natürlich nett, wenn auch andere lesen, was ich so ins Internet schreibe, dachte ich mir damals. Die ersten, die von Felix‘ Welt erfuhren, waren die Menschen, die ich schon einige Jahre zuvor regelmäßig per Mailverteiler mit den Erfahrungen meiner Weltreise belästigt oder belustigt hatte. Wieder per Rundmail verkündete ich, dass ich nun auch unabhängig von etwaigen Reiseaktivitäten schreiben würde, und dass sie herzlich eingeladen wären, ebendies zu lesen.

Gesucht: Es dauerte nicht lange, bis auch andere Menschen auf meinen damals noch sehr jungen Blog aufmerksam wurden. Ob die allerdings immer fanden, was sie suchten, wage ich zu bezweifeln. Einer der beliebtesten Suchbegriffe, über die Menschen Felix‘ Welt damals fanden, lautete „Sex im Flugzeug“. Verstärkt wurde dieser Trend dadurch, dass ich die kuriosesten Suchbegriffe unter eben dieser Überschrift zu sammeln begann, und sie unregelmäßig veröffentlichte. Weitere beliebte Suchen waren oder sind übrigens „nackt bügeln“, „nackt duschen“ und „Initiativbewerbung-Online.de“.

Gezählt: Während anfangs noch alle ein bis zwei Tage ein neuer Beitrag online ging, schaffe ich es inzwischen nur noch alle ein bis zwei Wochen etwas zu veröffentlichen. Einmal gingen wegen eines Server-Fehlers (oder weil ich mich blöd anstellte?) drei oder vier Einträge verloren, ansonsten ist das Felix‘ Welt Archiv vollständig. Der 1000. Post ging im vergangenen Jahr online, inzwischen sind es, desen Eintrag mitgerechnet, 1092 Posts.

Geändert hat sich in den vergangenen zehn Jahren nicht nur die Optik von Felix‘ Welt immer mal wieder. Auch inhaltlich hat sich einiges getan. Schrieb ich anfangs noch regelmäßig über Kuriositäten, die ich während meiner Hostel-Nachtschichten erlebte (ich habe mir mein Master-Studium als Nachtportier in einem Berliner Hostel finanziert), kamen nach und nach weitere Themen dazu, die ich grob unter der Überschrift „Gedankengänge“ zusammenfasste. Nachdem ich anfing, mich stärker mit dem Thema Fotografie auseinanderzusetzen, wurde auch Felix‘ Welt bildlastiger. Geblieben ist allerdings stets eine Grenze: auch wenn Felix‘ Welt ein persönliches Blog ist, gibt es Dinge, die hier niemals stattfinden werden. Auch hüte ich mich davor, hier Dinge auszubreiten, die die Privatsphäre anderer Menschen tangieren.

Gedankt: Die erste E-Mail kam wohl sechs oder sieben Monate, nachdem Felix‘ Welt online gegangen war. Sie habe einfach einmal danke sagen wollen, schrieb die Autorin damals. Sie kenne mich nicht, aber sie würde sich immer freuen, wenn sie einen neuen Post entdecken würde. Ich war baff. Bis dato war ich davon ausgegangen, dass sich meine Leserschaft eigentlich nur aus zwei Gruppen Menschen zusammensetzen würde: 1. Freunde, Bekannte und Familie und 2. Menschen, die „Sex im Flugzeug“ googelten. Dass jemand meinen Blog liest, einfach weil er oder sie mag, was ich schreibe, war neu. Kommt aber offenbar vor. Selten, aber immer mal wieder, bekomme ich Mails von Leutem, die sich zu einem bestimmten Post äußern oder mir einfach nur so mitteilen, dass sie gerne lesen, was ich schreibe.

Geoutet: Ich gehe nicht damit hausieren, dass ich blogge. Andererseits schreibe ich unter meinem vollen Namen. Ich sollte also damit rechnen, dass man mich auf Felix‘ Welt anspricht. Trotzdem hat es mich irritiert, als der Chefredakteur der Zeitung, bei der ich damals volontierte, einmal in den Newsroom rief: „Wusstet Ihr eigentlich, dass der Herr Neubüser Hotelzimmer mag? Hat er gestern in seinem Blog geschrieben, solltet ihr mal nachlesen“. Irritiert hat mich auch, als sich die Angestellte meines Fitnessstudios bei mir erkundigte, ob die Duschenrenovierung denn zu meiner Zufriedenheit wäre. Ich hatte mich via Blog mehrfach über die etwas seltsamen Vorgänge in diesem Zusammenhang mit den Duschen ausgelassen – Stichwort: „nackt duschen„. Das war dann doch etwas peinlich.

Genannt habe ich den Blog übrigens mehr oder weniger aus einem Impuls heraus – Felix‘ Welt schien mir irgendwie passend. Ich wusste damals weder, wohin ich damit möchte noch, dass ich zehn Jahre später immer noch unter diesem Namen Beiträge veröffentlichen würde. Wenn ich ehrlich bin, würde ich mich wohl heute für einen anderen Namen entscheiden. Irgendetwas mit mehr Pfiff, wozu ich an dieser Stelle vielleicht sogar eine tolle Geschichte erzählen könnte. Tja, Chance verpasst.

Geklaut ist übrigens die Formulierung, mit der ich seit zehn Jahren jeden Post beende – „in diesem Sinne“. Mein Vater benutzt diese Worte gerne. Ich fand sie passend. In diesem Sinne – das war G. Nummer 10.

Kinderfrage mit Zucker

Früher, als ich noch klein war, gab es bei meinen Eltern regelmäßig „Kinderfrage mit Zucker bestreut“. Zumindest sagten sie das. Probieren durfte ich dieses besondere Gericht freilich nie. Denn „Kinderfrage mit Zucker bestreut“ war die Standardantwort meines Vaters, wenn ich ihn zum fünften Mal hintereinander mit der Frage nervte, was es heute zum Mittagessen geben würde.

Natürlich war auch dem vier- oder fünfjährigen Stöpsel, der ich damals war, schnell klar, dass „Kinderfrage mit Zucker bestreut“ gar kein echtes Essen war. Und doch klang es so lecker! In meinem Kopf formten sich sofort Bilder von einem warmen Kuchen mit einer ganz besonderen Zuckerglasur oder eine Art süßes Brot. Sofort lief mir das Wasser im Mund zusammen, und ich bettelte meinen Vater an, mir doch bitte diese Scherzantwort wirklich zu kochen.

Inzwischen bin ich etwas älter geworden. Süßes esse ich nur noch selten. Den Effekt von damals kenne ich aber weiterhin. Manchmal reicht ein Wort und schon startet das entsprechende Kopfkino. „Mekong“ ist so ein Wort. Bei der Erwähnung des Flusses in Südostasien muss ich sofort an Filme wie „Hotel very welcome“ oder „A Map for Saturday“ denken. Die Bilder aus dem Film mischen sich dann mit meinen eigenen Erinnerungen. Ich mit einem kalten Beer Lao auf einer hölzernen Restaurant-Plattform über dem Fluss. Oder ich in einem klapprigen Tuk Tuk auf dem Weg von Nong Khai  in Richtung laotische Grenze.

Erwischt mich so ein Wort wie „Mekong“ im richtigen Moment, würde ich am liebsten sofort  den nächsten Flieger nach Bangkok nehmen. Oder nach Buenos Aires. Oder nach Sydney. Oder, oder, oder. Gleichzeitig ist mir allerdings auch klar, dass ich hier in die gleiche Falle tappe wie als Fünfjähriger. Was sich bei der Erwähnung des Wortes Mekong in meinem Kopf abspielt hat mit dem, wie eine solche Reise tatsächlich ablaufen würde, in etwa so viel zu tun wie damals das tatsächliche Mittagessen mit „Kinderfrage mit Zucker bestreut“.

Als ich damals in Südostasien unterwegs war, war ich gerade mit meinem ersten Studium fertig. Ich hatte nur eine vage Ahnung davon, was ich auf dieser Reise erleben würde. Noch weniger konkret waren meine Pläne für die Zeit danach. Ich wusste ja noch nicht einmal genau, wann ich nach Deutschland zurückkehren würde. Was abzuschließen war, hatte ich abgeschlossen. Alles danach würde ich komplett neu anfangen müssen. Ich war jung und anspruchslos, was Transport, Hotels und Hostels anging. Vielleicht war ich auch ein bisschen naiv, was ich rückblickend als durchaus vorteilhaft für die Reise bewerten würde.

Heute wäre das anders. Würde ich versuchen, genau die gleiche Reise noch einmal zu machen und das gleiche Gefühl von Freiheit noch einmal zu empfinden, würde ich binnen kürzester Zeit gnadenlos scheitern – so wie mein Vater scheiterte, mir etwas zu kochen, was auch nur annähernd an meine Vorstellung von „Kinderfrage mit Zucker bestreut“ heranreichte. Ständig würde ich Phantasie und Wirklichkeit vergleichen, wobei letztere fast immer den kürzeren ziehen würde.

Trotzdem würde ich nicht sagen, dass es unmöglich ist, eine tolle Erfahrung wie diese erste richtig große Reise zu wiederholen. Ich war seitdem immer wieder unterwegs und jedes Mal war es eine tolle Erfahrung. Die Kunst besteht einfach darin, sich vorab nicht all zu sehr darauf zu konzentrieren, was man sich vorgestellt hat oder wie es beim letzten Mal gewesen ist. Eine Regel, die man übrigens auch auf viele alltägliche Erlebnisse anwenden kann. Meist hat man dann mehr davon.

In diesem Sinne: Das Bild zeigt übrigens mich auf dem Boot bei der Überfahrt von Surat Thani nach Ko Samui in Thailand. Als das Foto gemacht wurde war ich 25 Jahre alt.

PS: Gleiches Foto, ähnlicher Gedanke: The Beach.

(M)ein Lied?

Anfangs habe ich noch danach gesucht. Ich habe mir online die verschiedenen Billboard-Charts von Argentinien und Chile aus der Zeit rausgesucht. Dann habe ich einen Titel nach dem anderen bei youtube und Co. eingegeben. Stunden habe ich damit zugebracht, Lied für Lied aufzustöbern und anzuhören. Eines davon musste es doch sein!

Als ich im November und Dezember 2004 in Argentinien und Chile unterwegs gewesen war, hatten sie das Lied gefühlt mindestens einmal pro Stunde im Radio gespielt. Keine der Busfahrten, von denen die längste immerhin 37 Stunden gedauert hatte, war ohne dieses eine Lied ausgekommen. Die Melodie war eingängig, der Text spanisch. Ich mochte es und freute mich jedes Mal, wenn es lief. Er wurde schnell zu einer Art Hymne für mich, ein Soundtrack des südamerikanischen Teils meiner Weltreise.

Das galt insbesondere deswegen, weil mir in der dritten Woche meiner Weltreise mein Tagesrucksack samt MP3-Player gestohlen worden war. Wollte ich Musik hören, war ich auf Musik von außen angewiesen – ein Radio in einem Café oder die Musikauswahl in einer Kneipe, zum Beispiel. Oder eben das Radio im Bus.

In den südamerikanischen Bussen lief die meiste Zeit ein Fernseher. Manchmal hatte ich Glück und es gab einen amerikanischen Film mit spanischen Untertiteln. Manchmal wurden aber auch synchronisierte Fassungen gezeigt oder es liefen gleich originär spanische oder südamerikanische Filme. Hier verstand ich dann wenig bis gar nicht. Kurz nach der Abfahrt und kurz vor der Abfahrt allerdings schaltete der Busfahrer oft das Radio ein. Dieses eine Lied war dabei so präsent, dass ich mir nie die Mühe machte, den Titel oder den Namen der Band oder des Interpreten rauszusuchen. Bis das Lied plötzlich weg war.

Von Santiago de Chile flog ich weiter nach Auckland, Neuseeland. Wie ungewohnt, plötzlich Englisch sprechen zu können und von allen verstanden zu werden! Überhaupt fühlte sich Neuseeland, obwohl am anderen Ende der Welt gelegen, viel näher an Europa gelegen an als Argentinien oder Chile. Fast ein bisschen wie England, nur weniger dicht besiedelt und und etwas weiter abseits gelegen halt. Dass etwas fehlte, fiel mir erst später auf – und ich vergaß es auch schnell wieder.

Erst als ich einige Monate später wieder zurück in Deutschland war – nach Neuseeland hatte ich noch in Australien, Thailand und Laos Station gemacht und war herumgereist – und ich anfing, die Reise und meine Erinnerungen nach und nach gedanklich zu sortieren, fiel mir dieses eine Lied wieder ein. Ich begann zu suchen. Das tue ich bis heute, wenn auch inzwischen deutlich seltener als damals.

Dummerweise bin ich nicht einmal sicher, ob ich das Lied nicht längst gefunden habe. Inzwischen ist die Reise so lange her, dass ich mich praktisch gar nicht mehr an das Lied erinnern kann. Anfangs dachte ich noch, ich würde es schon merken, wenn ich es erst einmal gefunden habe. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr sicher. Selbst wenn mein Gedächtnis mich selbst immer mal wieder überrascht, woran es sich noch erinnern kann, wenn man es nur mit den richtigen Attributen füttert, würde ich dafür inzwischen nicht mehr die Hand ins Feuer legen.

Ich habe das Lied in einem für mich sehr besonderen Moment entdeckt. In diesem Moment hat es mir viel bedeutet. Aber vielleicht ist es wie mit einem Wein, der einem am Urlaubsort unglaublich gut schmeckt, sich aber nach der Rückkehr zuhause, wo es kein Meer und keinen romantischen Sonnenuntergang am Strand gibt, schnell als saure, pelzig schmeckende Plörre herausstellt. Vielleicht suche ich etwas, das ich, ohne es zu merken, längst gefunden habe; das mich zwar in einem bestimmten Moment sehr berührt hat, ohne diesen Moment aber völlig wirkungslos ist, und das ich deswegen gar nicht wiederfinden kann.

In diesem Sinne, gute Reise und so!

47,1 Jahre

Ich werde sterben. Nicht sofort, hoffe ich zumindest, und auch nicht in nächster Zeit. Aber in 47,1 Jahren. Das sagt jedenfalls population.io, eine Webseite des Weltdatenlabors in Wien.

Diese Vorhersage basiert rein auf statistischen Daten und ist daher natürlich nur ein grober Anhaltspunkt. Weder werden persönliche Lebensumstände abgefragt, noch sonstige Daten. Jeder Deutsche, der am gleichen Tag Geburtstag hat wie ich, bekommt den gleichen Sterbetag angezeigt. Gibt man ein anderes Heimatland an als Deutschland, wird die Lebenserwartung entsprechend angepasst. Genau darum geht es nämlich eigentlich: die unterschiedlichen Lebenserwartungen in unterschiedlichen Ländern der Welt deutlich zu machen. Ein komisches Gefühlt ist es trotzdem, diese Zahl so vor sich zu sehen.

Die Webseite spuckt noch eine Reihe weiterer Daten aus. Sie berechnet beispielsweise, wie viele Menschen zum jetzigen Zeitpunkt älter und wie viele jünger sind als ich (jünger: 4.583.614.206, älter: 2.919.657.760) oder wann ich der fünfmilliardenste Mensch auf der Welt sein werde, also an welchem Tag es fünf Milliarden Menschen gibt, die jünger sind als ich (20. August 2020). Außerdem spuckt sie aus, dass ich 2406 Tage länger leben werde als der durchschnittliche Weltbürger.

Die unheimlichste Zahl, die die Webseite bereitstellt, ist das Datum, an dem ich – rein statistisch gesehen – sterben werde: am 20. November 2064. Unheimlich ist diese Angabe vor allem deshalb, weil sie so konkret ist.

2064 – das klingt erstmal nach einer Menge Zeit. Dieser Gedanke relativiert sich allerdings sofort, wenn ich mir zum Beispiel vor Augen führe, wie schnell die letzten zehn Jahre vergangen sind. Oder wenn ich mir bewusst mache, dass der Abstand von heute zum Jahr 2064 der gleiche ist wie von heute zum Jahr 1970. Jedes Modell, das den Klimawandel in die Zukunft extrapoliert, arbeitet mit Jahreszahlen weit jenseits meines statistischen Sterbedatums.

Andererseits ist 2064 eigentlich weit später, als ich eigentlich gedacht hätte. Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass der Mensch seine statistische Lebenserwartung im Schnitt um 7 Jahre zu niedrig einschätzt. Das kommt bei mir ganz gut hin. Allerdings sind diese Zahlen für sich genommen ziemlich egal. Entscheidend ist, dass wohl niemand auf die Frage, wie lange er oder sie wohl leben wird, mit „unendlich“ antworten wird. Und doch benehmen wir uns oft so.

Unser Leben ist endlich, wie die meisten wenn nicht sogar alle Dinge im Leben. Doch während wir diese Tatsache oft sehr genau einkalkulieren, ignorieren wir sie hier. Niemand würde sagen: „Wir wissen zwar nicht, ob wir noch fünf oder 50 Liter Benzin im Tank haben, aber den Umweg über 200 Kilometer nehmen wir gerne in Kauf“. Gleichzeitig haben die meisten Menschen kein Problem damit, Jahre zu verschwenden mit Jobs, die sie nicht mögen, mit Menschen, die ihnen eigentlich nichts bedeuten, oder Angewohnheiten, die sie längst ablegen wollten. Geht es um Veränderungen in ihrem Leben, planen sie gerne mit einem „Später“, von dem sie gar nicht wissen, ob sie dafür noch genügend Jahre im Tank haben.

Andererseits stelle ich es mir ziemlich schlimm vor, wenn ich tatsächlich jetzt schon wüsste, wann genau mein Leben zu Ende ist. Der Druck, die Zeit bis dahin optimal zu nutzen, würde vermutlich für das genaue Gegenteil sorgen: am Ende hätte ich zwar ein perfekt geplantes Leben gelebt – und ich wäre totunglücklich damit.

Das geht nicht nur mir so. Befragt man Menschen, ob sie ihren genauen Todeszeitpunkt wissen wollen würden, wenn sie denn könnten, antworten normalerweise die meisten mit „nein“. Vermutlich ist der menschliche Geist für solche Informationen schlicht nicht gemacht. Wollen wir auch bei allen möglichen anderen Dingen – siehe Tankanzeige – so genaue Infos wie möglich, hier endet unser Durst nach klaren Fakten. Komisch eigentlich, findet Ihr nicht?

In diesem Sinne, ein Hoch auf das Nicht-Wissen!

Peng!

Da hat jemand auf uns geschossen! Das war zumindest mein erster Gedanke. Der laute Knall; die geborstene Scheibe; die Splitter, die plötzlich ins Wageninnere regneten. Kommt doch immer mal wieder vor, dass Verrückte auf der Autobahn mit Kleinkalibergewehren wahllos um sich schießen, dachte ich mir.

Wobei: dachte? Nein, gedacht habe ich eigentlich nicht. Es war Freitagabend, kurz nach halb sieben, und wir waren auf der A6 in Richtung Norden unterwegs, als das Fenster auf der Fahrerseite plötzlich explodierte. Ich fuhr nicht all zu schnell, höchstens 120 Stundenkilometer auf der mittleren Spur. Mehr ließ der dichte Berufsverkehr um uns herum ohnehin nicht zu. Gedacht habe ich erstmal gar nichts, sondern nur reagiert.

Da hat jemand auf uns geschossen! Zum Glück kam da dieser Rastplatz. Blinker setzten, vorsichtig rüberziehen auf die rechte Spur, dann auf den Verzögerungsstreifen, abbremsen und die nächste freie Parkbucht ansteuern. Durchatmen. I. war OK, das war das Wichtigste. War ich verletzt? Nein. Nur ein paar Splitter Sicherheitsglas im Kragen.

Wenn wirklich jemand auf uns geschossen hatte, müsste entweder ein Projektil irgendwo im Auto liegen oder es müsste ein Austrittsloch auf der anderen Fahrzeugseite geben, oder? Oder gilt das nur für großkalibrige Waffen. Da kann sich ja auch jemand mit einem Luftgewehr einen Streich erlaubt haben. Oder Steine geworfen haben. Eine Seitenscheibe zerplatzt doch nicht einfach so in tausend Teile, oder doch?

Anruf bei der Polizei, sicher ist sicher. Der Beamte am anderen Ende hört ruhig zu. Ein Schuss sei in seinen Augen unwahrscheinlich, sagt er. Trotzdem sei es gut, dass ich angerufen hätte. Er stellt ein paar Fragen, gibt irgendwann Entwarnung. Wahrscheinlicher sei ein technischer Defekt. Sei selten, käme aber vor.

Der nächste Anruf gilt der Leasinggesellschaft, über die meine Firma den Wagen gemietet hat. Die Frau am anderen Ende ist nett, aber völlig durcheinander. Eine Seitenscheibe, die einfach so explodiert. Das hat sie noch nie gehört. Sie wisse gar nicht, ob das nun unter Panne falle (=Leasingfirma zahlt) oder Unfall (=Versicherung muss zahlen). Sie verspricht, sich zu kümmern und zurückzurufen.

I. und ich warten. Die Sonne ist inzwischen untergegangen. Ein Auto steuert den Parkplatz neben uns an, sieht die geborstene Scheibe und fährt eilig weiter. Langsam wird es kalt und wir lassen immer mal wieder den Motor laufen, damit der zwangsbelüftete Innenraum nicht komplett auskühlt. Dann ruft die Frau von der Leasingfirma zurück. Glasschäden würden als Unfallschäden behandelt. Eine Reparatur vor Ort sei um diese Zeit nicht mehr möglich. Man werde einen Abschleppwagen schicken und einen Mietwagen organisieren.

Der Abschleppwagen kommt. Nein, der Auftrag habe ihn nicht um seinen Feierabend gebracht, erzählt der Fahrer. Seine Schicht fange gerade erst an. Zehn abgeschleppte Fahrzeuge pro Nacht, das sei normal, und wir wären jetzt nun einmal das Erste. Geplatzte Scheibe? Ohne Fremdeinwirkung? Nein, das sei auch für ihn neu.

Das Handy klingelt. Wir hätten einen Mietwagen reserviert, sagt die Stimme am anderen Ende. Der Fahrer würde nun losfahren und sei in 30 bis 60 Minuten da. Es werden 75, doch das ist jetzt auch egal. Wurde auf uns geschossen? Wohl nicht. Trotzdem hat es sich genau so angefühlt und angehört. Statt nach Wuppertal fahren I. und ich nun zurück nach Karlsruhe. Es ist kurz vor 21 Uhr abends, unter normalen Umständen wären wir jetzt in Wuppertal oder zumindest kurz davor.

In diesem Sinne, wir sind beide froh, dass nicht mehr passiert ist!