Pawlowsche Weihnachten

„Vielleicht wäre es weniger schlimm, wenn nicht alle auf die gleiche Idee gekommen wären.“ Habe ich das letztes Jahr nicht auch schon gedacht? Könnte auch vorletztes Jahr gewesen sein. Im Zweifel hatte ich diesen Gedanken in beiden Jahren. Daraus gelernt habe ich offensichtlich nicht. Statt dessen stehe ich zwischen unzähligen dick angezogenen Menschen, drängle mich an gefährlich vollen Bechern mit Glühwein vorbei, bloß um dann selbst einen Becher in der Hand zu halten. Dabei mag ich Glühwein nicht einmal besonders.

Er gehört nun einmal dazu. Wie der Besuch des Weihnachts Christkindlesmarktes (in Karlsruhe heißt das nicht Weihnachtsmarkt, verdammt noch mal!) in der Vorweihnachtszeit nun einmal dazu gehört. Vielleicht weil erst so greifbar wird, was ohnehin schon in der Luft hängt: Weihnachten eben.

Ich mag Weihnachten. Ich mochte Weihnachte immer schon. Als Kind wegen der Geschenke und der vielen Süßigkeiten, die ständig in großen Schalen auf den Tischen standen und von denen man bloß nicht zu viel naschen durfte, damit es nicht auffiel. Heute mag ich Weihnachten, weil das Fest das Ende des Jahres einleitet. Während es draußen immer dunkler wird, setzt die Weihnachtszeit warme Lichter gegen die Tristesse. Ganz anders als der Januar, der dann einfach nur noch kalt und dunkel ist und bleibt, bis irgendwann gegen Ende Februar wieder so etwas wie Frühling zu erahnen ist.

Vor allem aber bedeutet Weihnachten: abzuschließen. Gefühlt ist kurz vor Weihnachten die einzige Zeit im Jahr, wo die To-Do-Liste von Tag zu Tag ein bisschen kürzer wird, statt stetig zu wachsen. Was natürlich eine Illusion ist. Aber eine sehr gut gemachte. Die neuen To-Dos gibt es schließlich trotzdem. Aber sie landen auf einer andere Liste, die mit der Jahreszahl des kommenden Jahres überschrieben und irgendwo ganz unten in einer der unteren Schreibtischschubladen verstaut ist. Da sich auch hier (fast) alle einig sind, funktioniert das erstaunlich gut.

Weihnachten ist die einzige Zeit, bei der zwar nicht alle den Büro-PC irgendwann zum letzten Mal für dieses Jahr runterfahren, dies aber zumindest prinzipiell bei allen anderen antizipieren. Entsprechend hat man viel mehr Ruhe, wenn man arbeitet, und sowieso, wenn man frei hat.

Ich mag Weihnachten und die Vorweihnachtszeit. Manchmal schaue ich schon im November das erste Mal einen meiner persönlichen Weihnachtsklassiker wie die „National Lampoon’s Christmas Vacation“ oder „Christmas with the Kranks“. Für mich ist das wie ein Signal an meinen Kopf, sich langsam aber sicher auf Weihnachten einzustellen. Vermutlich ist es mit dem Christkindlesmarktbesuch ähnlich. Das Glühweingedränge ist meine Pawlowsche Weihnachtsglocke. Ob es mir gefällt oder nicht, ich brauche das offenbar einfach, um mit der Weihnachtsstimmung zu beginnen.

In diesem Sinne, oh Du fröhlich klingen die Glühweintassen … oder so.

Jump’n’Run-Leben

Das Leben ist ein Jump’n’Run-Spiel. Man könnte auch sagen: Das Leben ist Super-Mario-Land. Es geht immer nur vorwärts. Lässt man eine Blume aus, hat man Pech gehabt. Denn egal wie heftig man den kleinen Mario nach links gegen den Bildschirmrand rennen lässt, es geht nicht mehr zurück. Was einmal aus dem Sichtfeld verschwunden ist, bleibt es auch.

Allerdings ist nach vorne gar nicht so einfach. Das Leben Die Programmierer legen einem immer wieder neue Hindernisse in den Weg. Mario muss Schluchten überspringen und fiese Tiere bekämpfen. Meist tut er das zu Fuß, in einem Level darf er sogar in ein U-Boot steigen, in einem anderen ein Flugzeug fliegen.

Die unterschiedlichen Level waren bei Super-Mario-Land in sogenannte Welten zusammengefasst, an deren Ende ein Endgegner stand, den man besiegen musste. Je nach Welt war das mehr oder weniger schwierig. Je weiter man kam, desto aufregender wurde es. Zwischenspeichern konnte man nicht, zumindest nicht bei der ersten Mario-Land-Version, die ich damals auf dem Gameboy gespielt habe. Hatte man alle Leben verloren, musste man ganz von vorne anfangen. Je nach Religion passt das ja auch irgendwie ins Bild.

Das Komische war, dass ich anfangs ganz versessen darauf war, Super-Mario-Land endlich einmal bis zum Ende durchzuspielen. Die ersten Level kannte ich schon recht gut, weil ich sie oft bei Freunden gespielt hatte, die früher als ich einen Gameboy besessen hatten. Jetzt wollte ich wissen, was danach kommt. Also spielte ich Super-Mario-Land, wieder und wieder, und jedes Mal kam ich ein bisschen weiter als beim Mal davor. Verlor ich durch Unachtsamkeit schon früh ein Leben, startete ich neu, denn ich wollte nicht ohne Reserven ins letzte Level starten.

Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wie es war, als ich es das erste Mal bis ganz zum Ende geschafft habe. Gut weiß ich allerdings noch, dass ich das Spiel anschließend nur noch selten gespielt habe.

Während des Lebens Spiels ist einem das ja gar nicht so klar, weil man so damit beschäftigt ist, das nächste Hindernis zu überspringen und weiter vorwärts zu kommen. Aber spätestens nachdem man den letzten Endgegner überwunden hat, merkt man, dass es eigentlich gar nicht darum geht, endlich bis zum letzten Level zu kommen. Der Weg ist das Ziel. Das Spiel selbst ist der Spaß, nicht das Ankommen am Ende des letzten Levels.

In diesem Sinne, hier könnt Ihr Super-Mario-Land übrigens online spielen!

Kopfkino

Lest Ihr eigentlich noch oder hört ihr schon? Ich habe gerade mal meine Buchkäufe der vergangenen Monate durchgeklickt und festgestellt: ich kaufe inzwischen mehr Hörbücher als gedruckte Bücher oder eBooks. Der Grund dafür ist einfach: Hörbücher kann ich auch beim Autofahren hören. Oder beim Sport. Oder beim Putzen. Tatsächlich sind das sogar die drei Haupttätigkeiten, bei denen ich Hörbücher höre. Allein bei drei Mal Sport pro Woche kommt da einiges zusammen.

Im Gedächtnis geblieben sind in den vergangenen zwei, drei Monaten vor allem zwei Werke: American War von Omar El Akkad und Die unerwartete Gabe des Joseph Bridgeman. Beide Bücher könnten nicht unterschiedlicher sein. Trotzdem wüsste ich gerade nicht, welches der beiden ich Euch zuerst ans Herz legen soll. Lest einfach beide.

American War

Es herrscht Bürgerkrieg. In Nordamerika kämpfen Nordstaaten gegen Südstaaten. Allerdings schreiben wir nicht das Jahr 1861, sondern 2075. Als die Bundesregierung in den USA als Reaktion auf den Klimawandel fossile Brennstoffe verbietet, rebellieren die Südstaaten. Es kommt zur Abspaltung. Reguläre Armeen kämpfen gegen Rebellen und Selbstmordattentäter. Ein ganzer Bundesstaat wurde zum Quarantänegebiet erklärt, nachdem dort ein biologischer Kampfstoff eingesetzt wurde. Riesige Flüchtlingslager entstehen, betrieben vom Roten Halbmond, in denen die Menschen von Hilfslieferungen unter anderem aus China und aus den Ländern Nordafrikas abhängig sind, die sich nach einem fünften und dieses mal erfolgreichen arabischen Frühling zum „Bouazizireich“ zusammengeschlossen haben.

All das erfährt der Leser erst nach und nach und zum Teil auch nur Bruchstückhaft. Wiedergegeben wird die Geschichte als Rückschau eines anfangs namenloses Geschichtswissenschaftlers. Erzählt wird sie allerdings aus der Perspektive der sechsjährigen Sara T. Chestnut, genannt Sarat, die mit ihrer Familie am Ufer des Mississippimeers in Louisiana lebt. Der steigende Meeresspiegel hat die Küstenlinie zurückweichen lassen. Florida ist vollständig im Meer versunken, Kalifornien teils wüstes Ödland, teils mexikanisches Protektorat. Kurz nachdem Sarats Vater als Kollateralschaden bei einem Selbstmordattentat der Südstaaten ums Leben kommt, flieht das Mädchen zusammen mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihrer Schwester vor der nahen Front in das Flüchtlingslager „Patience“, wo sie die nächsten Jahre verbringen wird.

Hier erlebt sie, wie ihre Mutter bei einem Massaker der Nordstaatenarmee ums Leben kommt, und später, wie ihre Schwester bei einem Drohnenangriff stirbt. Sarat überlebt, doch sie möchte nur noch eines: Kämpfen und Töten. Das tut sie und sorgt mit einem geschickten Attentat für einen Wendepunkt des Krieges, der sich allerdings in der Rückschau als Anfang vom Ende der Niederlage der Südstaaten herausstellen wird. Später wird Sarat von den Nordstaaten gefangen genommen und in ein Lager gebracht wird, das wohl nicht nur zufällig an Guantanamo erinnert.

Überhaupt gelingt es dem Autor immer wieder, Parallelen herzustellen, die allerdings nie platt wirken. Vielmehr verlegt er im Grunde genommen einfach nur den Ort heutiger Ereignisse und geht der Frage nach: Was wäre eigentlich, wenn das nicht in Afghanistan oder in Syrien passieren würde, sondern vor unserer eigenen Haustür, hier in Amerika.

So macht er die Radikalisierung Sarats ist für den Leser nicht nur nachvollziehbar, sie scheint der einzig mögliche Weg zu sein. Selbst sagte er  in einem Interview, dass er vom Leser gar nicht erwarten würde, dass er Sarat mag: „Ich möchte keine Sympathie für Sarat, denn das hat sie nicht verdient. Aber der Leser soll sich fragen: Hätte ich unter solchen Umständen anders handeln können?“ Besonders tragisch dabei ist, dass die Strippenzieher im Hintergrund sich dabei ausgerechnet der Eigenschaften bedienen, die Sarat am Anfang im positiven Sinne ausgezeichnet haben, ihre Neugierde und ihren Lebensmut.

Überraschend ist das Ende, auch wenn das am Anfang eigentlich vorweggenommen wird. Trotzdem möchte ich nicht zu viel verraten. Persönlich hat das Buch mich noch mehrere Tage, nachdem ich es durch hatte, festgehalten. Das liegt wohl auch daran, dass es inzwischen noch ein Stück aktueller geworden ist als es zum Zeitpunkt seines Entstehens war.

Ein weiterer Grund ist, dass Omar El Akkad weiß, wovon er schreibt. Der ägyptische Auswanderer hat für eine kanadische Zeitung aus Flüchtlingslagern und Krisengebieten berichtet. In der FAZ wird beschrieben, wie er auf die Idee zu dem Buch gekommen sei: Bei einem CNN-Interview sei einem vermeintlichen Experten die Frage gestellt worden, wieso viele Afghanen die Amerikaner hassen würde. „Der Experte antwortete, dass amerikanische Spezialkräfte bei nächtlichen Razzien Häuser verwüsteten. In der afghanischen Kultur werte man das als Beleidigung. El Akkad hörte zu und fragte sich: In welcher Kultur wäre das denn bitteschön anders?“ Die Idee für American War war geboren.

Omar El Akkad, American War, in Deutschland erschienen bei S. Fischer Verlage, Frankfurt am Main, 2017

Die unerwartete Gabe des Joseph Bridgeman: Ein Zeitreise-Abenteuer.

Mal angenommen, Ihr könntet in die Vergangenheit reisen. Was würdet Ihr tun? Für Joseph Bridgeman liegt die Antwort auf der Hand: seine kleine Schwester Amy retten, die 1992 spurlos verschwand, während er mit ihr einen Jahrmarkt besucht hat. Dummerweise ist das mit den Zeitreisen gar nicht so einfach.

Problem Nummer 1: Je weiter Joseph zurückreist, desto weniger Zeit hat er vor Ort.    Problem Nummer 2: Seine Anziehsachen reisen immer vor ihm zurück.

 

Überhaupt: dass Joseph überhaupt in die Vergangenheit reisen kann, erfährt der Mitt-Dreißiger mit Schlafstörungen eher durch Zufall. Auf Drängen seines Steuerberaters (einer von zwei Menschen, mit denen er so etwas wie eine Freundschaft pflegt) geht Joseph zu Hypnose-Therapeutin Alexia Finch. Kaum hat die es geschafft ihn in einen entspannten Zustand zu versetzen. verschwindet er – von ihr unbemerkt – in die Vergangenheit, bloß um wenig später und ohne seine Klamotten wieder aufzutauchen, denn die sind ja schon vorher ohne ihn zurück in die Zukunft gereist.

Die Geschichte, die sich nun entspinnt, macht einfach Spaß. Etwa wenn Joseph sich kurz nach dem Besuch bei Alexia Finch abends ins Bett legt, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit einschläft und genau einen Tag in die Vergangenheit reist. Selbst bemerkt er diese Reise erst, als er sein Vergangenheits-Ich als vermeintlichen Einbrecher in seiner Wohnung stellen will. Auch schön die Szene, als es ihm tatsächlich gelingt, seine Schwester in der Vergangenheit zu finden. Ihr Verschwinden kann er nicht verhindern, muss aber zurück in der Zukunft feststellen, dass nun ein seltsamer Fremder, der plötzlich auf dem Jahrmarkt auftauchte, für das Verschwinden des kleinen Mädchens verantwortlich gemacht wird – er selbst.

Ich möchte an dieser Stelle nicht zu viel verraten, denn dann macht das Buch keinen Spaß mehr. Ans Herz legen möchte ich Euch Nick Jones Werk allerdings, auch wenn Ihr dafür einen Kindle (oder eine Kindle App) braucht, denn „Die unerwartete Gabe des Joseph Bridgeman: Ein Zeitreise-Abenteuer. (Die Zeitreisen Tagebücher 1″) ist meines Wissens ausschließlich elektronisch erschienen. 

Nick Jones, Die unerwartete Gabe des Joseph Bridgeman: Ein Zeitreise-Abenteuer. (Die Zeitreisen Tagebücher 1).

In diesem Sinne, viel Spaß beim Lesen!

Fünf Sekunden

Oft sind es nur fünf Sekunden, von denen man sich wünscht, dass man sie nur geträumt hat. Der eine kurze Moment, in dem man unachtsam war, und der dann zur Katastrophe geführt hat. Zu einem Unfall zum Beispiel, der das ganze Leben verändert hat. Oder schlimmer: nicht nur das eigene Leben. Alles, weil man eine falsche Bewegung gemacht hat, eine falsche Entscheidung getroffen hat oder einfach unachtsam gewesen ist.

Als ich noch regelmäßig an den Wochenenden mit dem Auto zwischen Karlsruhe und Ulm gependelt bin, hatte ich hin und wieder Momente, wo ich im Nachhinein gedacht habe: verdammt, da habe ich Glück gehabt. Ich nehme an, so geht es jedem irgendwann, der regelmäßig und viel Auto fährt. Als Mensch ist man bei allen guten Vorsätzen eben nicht unfehlbar. Trotzdem habe ich manches Mal gedacht: wenn jetzt etwas passiert wäre, ich hätte mich mein Leben lang über die fünf Sekunden geärgert, die ich abgelenkt war. Etwa weil ich wider besseren Wissens nach der Wasserflasche auf dem Beifahrersitz geangelt habe. Könnte ich jetzt in die Vergangenheit reisen, ich müsste nur diese fünf Sekunden ändern, und alles wäre anders. Geht aber leider nicht.

Es muss allerdings gar nicht immer gleich ein Unfall oder ähnliches sein, um dieses Gefühl zu haben. Oft reichen viel banalere Situationen, die zwar lange nicht so dramatisch sind, sich aber in dem einen Moment trotzdem fies anfühlen.

Ich erinnere mich an eine Situation in Mendoza in Argentinien. Ich saß am Fernbusbahnhof auf einer Bank und packte gerade Dinge aus meinem großen Rucksack in meinen Tagesrucksack. In einer Stunde würde ich nach Salta im Norden des Landes weiterreisen. Plötzlich ging dieser Mann an mir vorbei. Als er gerade an mir vorbei war, fiel ihm ein Schlüsselbund aus der Tasche. Mehr aus einem Reflex heraus bückte ich mich, um den Schlüssel aufzuheben. Im gleichen Moment rannte ein zweiter Mann hinter mir vorbei, griff sich meinen Tagesrucksack und verschwand in einer Unterführung.

Glück im Unglück: meinen Reisepass hatte ich noch nicht umgepackt. Ansonsten hätte ich die geplante Weiterreise nach Neuseeland wohl knicken können. Ärgerlich war das Ganze trotzdem. Vor allem, weil ich mir immer wieder selbst die Frage stellte: was wäre gewesen, wenn ich mich einfach nicht nach dem Schlüsselbund gebückt hätte. Wobei: vermutlich hätte ich dann nicht einmal gemerkt, was mir erspart geblieben wäre. Das ist ja das Gemeine an eben diesen fünf Sekunden. Bewusst werden sie einem meist nur dann, wenn man die falsche Entscheidung getroffen hat.

Eine andere Geschichte ist mir gestern passiert. Mit einer Kollegin zusammen war ich in einem großen Einkaufszentrum hier in der Nähe. Einkaufen für ein kleines Sommerfest in der Firma. Wir standen gerade vor dem Pfandautomaten des Getränkemarktes, als mir auffiel, dass die Innentasche meiner Jacke offen war. Mein Handy war noch darin, nicht allerdings mein Portemonnaie, von dem ich eigentlich sicher gewesen war, dass ich es ebenfalls dort hinein gesteckt hatte. Oder hatte ich mich geirrt?

Ein Anruf im Büro brachte Sicherheit. Hier war der Geldbeutel nicht. Aber wo hatte ich ihn verloren? Im Geist ging ich den Weg vom Auto zum Einkaufszentrum noch einmal durch. War mir irgendwer zu nahe gekommen, so dass er, entsprechende Fingerfertigkeit vorausgesetzt, unauffällig an meine Innentasche rangekommen wäre? Eigentlich nicht. Auch auf dem Weg zurück zum Auto lag nirgendwo ein Portemonnaie auf dem Boden. Was freilich nichts hieß: wenn jemand gesehen hatte, wie mir der Geldbeutel aus der Tasche gerutscht war, hätte er oder sie sich einfach nur bücken müssen.

An der Infotheke des Einkaufszentrums war kein Geldbeutel abgegeben worden. War er vielleicht in eine der Getränkekisten gefallen, als ich diese in den Pfandautomaten geschoben hatte? Zwar suchten die freundlichen Mitarbeiter des Getränkemarktes extra für mich die Fließbänder ab, fanden jedoch nichts.

Das war es dann also. Fünf Sekunden unaufmerksam gewesen, und nun würde ich Tage brauchen, um alle Karten und Ausweise neu zu beantragen. Schlimmer noch: mein Führerschein war in dem Portemonnaie gewesen, und den würde ich bei der geplanten USA-Reise brauchen, um den Mietwagen zu mieten und zu fahren. Unwahrscheinlich, dass der neue Führerschein rechtzeitig fertig ist. Selbst wenn ich sofort einen Termin im Bürgerbüro bekäme, würde es wohl nicht klappen. Erkennen sie in den USA deutsche Ersatzbescheinigungen an? Vermutlich nicht.

Allerdings hatte ich in diesem Fall Glück im Unglück. Per Slack schrieb mir kurz darauf ein Kollege, dass jemand für mich angerufen habe. Worum es geht, habe er nicht gesagt, nur, dass er mich sprechen wollte.

Der Name, nennen wir ihn hier einfach X, sagte mir nichts, als ich die angegebene Nummer gewählt hatte, begrüßte mich allerdings eine freundliche Männerstimme mit den Worten: „Kann es sein, dass Ihnen etwas fehlt?“

X hatte meinen Geldbeutel neben meinem Auto auf dem Boden liegen gesehen und eingesteckt. Dann hatte er noch einen Moment gewartet und überlegt, ob er das Portemonnaie einfach irgendwo im Einkaufszentrum abgeben sollte, was ihm aber zu unsicher erschienen war. Der Presseausweis im Portemonnaie hatte ihn dann auf die Spur meiner Firma gebracht.

Als ich den Geldbeutel wenig später bei ihm abholte, war ich so dankbar, dass die fünf Sekunden Unachtsamkeit nun auf so praktische Weise und ganz ohne Zeitreisen nivelliert worden waren, dass ich X spontan den Inhalt meines Scheinfachs als Finderlohn überreichte. Ein gutes Geschäft für uns beide, denn alle Karten neu zu beantragen wäre definitiv teurer geworden.

In diesem Sinne, passt gut auf Euch auf – und auf Eure Geldbeutel!

Tintenherz

Ich habe ein Geständnis zu machen; es wird einfach Zeit, dass ich es sage: Ich schreibe gerne mit Füller und Tinte. Ich tue dies sogar sehr regelmäßig. Ich mag die Art, wie die Feder über das Papier gleitet. Für mich, der ansonsten fast alles tippt, was er aufzuschreiben hat, ist das eine Art Entschleunigung. Ein Luxus, den ich mir gönne, wenn ich privat etwas zu Papier bringen möchte. Briefe, Gedanken oder auch einfach nur kurze Notizen. Mit Füller schreiben sich manche Dinge einfach anders als mit Kugelschreiber geschweige denn mit dem Computer.

So richtig für mich entdeckt habe ich den Füller als Schreibgerät vor circa zwölf Jahren. Ich habe damals in Berlin gewohnt. Geschrieben habe ich vor allem in meiner Küche an einem wackeligen weißen Tisch, der gerade so eben in das kleine Zimmer gepasst hat. Einmal in der Woche oder so habe ich meinen Schreibplatz in eine der zahlreichen nahen Kneipen verlegt, in das „An einem Sonntag im August“, zum Beispiel, oder in die „Eselsbrücke“. Ich mochte es (und mag es bis heute), wenn um mich herum etwas passiert. Menschen die kommen und gehen, Gespräche,  Kellner und Kellnerinnen, die Bestellungen aufnehmen. Sowas halt.

Anfangs hatte ich immer einen schwarzen Fineliner dabei, der viel schöner mit dem cremefarbenen Papier meines Notizbuch harmonierte als jeder Kuli. Die Schrift sah so viel wertiger aus. Der Nachteil dieses Schreibgeräts: es ging regelmäßig kaputt. Auch ermüdete die Hand irgendwann beim Schreiben. Ganz abgesehen davon, dass ich gefühlt dauernd neue Minen nachkaufen musste. Also habe ich statt Minen irgendwann einen Füller gekauft.

Anfangs war das ein recht preiswertes Gerät, ein Parker für 15 Euro oder so. Ich mag ihn immer noch, weil sich der Füller schon aufgrund seines Metallkörpers viel besser anfühlt als die meisten Kugelschreiber. Irgendwann bin ich dann auf einen Kolbenfüller umgestiegen, den man ganz altmodisch befüllt, indem man die Spitze in ein Tintenfass hält und dann am Schaft des Füllers dreht. Ein Kolben saugt dann Tinte in den Vorratstank des Füllers. Das ist etwas komplizierter als einfach eine neue Patrone einzusetzen, fühlt sich aber gerade deswegen gut an.

Wie viel ich inzwischen mit dem Füller schreibe, merke ich vor allem am Tintenverbrauch. Ich werte das allerdings als gutes Zeichen. Mit dem Füller zu schreiben entspannt mich einfach. Meine Gedanken werden auf eine Geschwindigkeit runtergebremst, bei der ich mitlesen kann. Ich bin gezwungen, linear zu denken und mich auf ein Thema zu konzentrieren. Nicht wie beim Schreiben mit dem Rechner, auf dem Tablet oder Handy, wo ich gerne mal Sätze oder ganze Absätze wild hin und her schiebe. Beim Schreiben auf Papier geht das nicht.

Trotzdem möchte ich das Schreiben via Tastatur oder Touchpad auf keinen Fall missen – nicht nur, weil auch dieses Blog davon abhängt. Wie bei so vielem im Leben kommt es nur eben auf die richtige Dosis an.

In diesem Sinne, nein, kein Füller- oder Tintenhersteller war an der Erstellung dieses Beitrages beteiligt.

10 G.

„Ich glaube, manchmal weigern sich die Worte absichtlich, aus meinem Kopf in meine Finger und anschließend in die Tastatur meines Laptops zu fließen.“

Mit diesen Worten habe ich den ersten Post begonnen, den ich auf Felix‘ Welt veröffentlicht habe. Heute ist das auf den Tag genau 10 Jahre her. Da Online-Jahre mindestens wie Hundejahre gezählt werden müssen, könnte man also sagen, dass mein Blog heute mindestens 70. Geburtstag feiert, je nachdem, wie man Hundejahre rechnet. Zeit für einen Rückblick – natürlich in G..

Gestartet: Als ich mit Felix‘ Welt begonnen habe, waren Blogs noch eine Randerscheinung. Die meisten meiner Freunde konnten noch nicht einmal mit dem Begriff etwas anfangen. Eine Bekannte einer Bekannten gehörte allerdings damals zu den Exoten, die bereits regelmäßig Gedanken ins Internet stellten. Veröffentlicht hat sie diese auf ihrem Myspace-Profil. Das habe ich immer gerne gelesen. Der Auslöser, es selbst mit einem Blog zu versuchen, war meine Masterarbeit. Weil ich hier partout nicht weiterkam und es satt hatte, stundenlang gar nichts zu Papier zu bringen, habe ich eben mit dem Bloggen angefangen

Gehosted wurde Felix‘ Welt seitdem auf drei verschiedenen Servern. Anfangs lautete die Adresse noch felix-welt.blogspot.com, ein Angebot von google. 2008 zog ich die Seite auf den ersten eigenen Webspace und auf wordpress um. Nachdem dieser irgendwann zu klein zu werden drohte, folgte vor zwei oder drei Jahren ein weiterer Wechsel.

Gemailt: In erster Linie schreibe ich für mich. Trotzdem wäre es natürlich nett, wenn auch andere lesen, was ich so ins Internet schreibe, dachte ich mir damals. Die ersten, die von Felix‘ Welt erfuhren, waren die Menschen, die ich schon einige Jahre zuvor regelmäßig per Mailverteiler mit den Erfahrungen meiner Weltreise belästigt oder belustigt hatte. Wieder per Rundmail verkündete ich, dass ich nun auch unabhängig von etwaigen Reiseaktivitäten schreiben würde, und dass sie herzlich eingeladen wären, ebendies zu lesen.

Gesucht: Es dauerte nicht lange, bis auch andere Menschen auf meinen damals noch sehr jungen Blog aufmerksam wurden. Ob die allerdings immer fanden, was sie suchten, wage ich zu bezweifeln. Einer der beliebtesten Suchbegriffe, über die Menschen Felix‘ Welt damals fanden, lautete „Sex im Flugzeug“. Verstärkt wurde dieser Trend dadurch, dass ich die kuriosesten Suchbegriffe unter eben dieser Überschrift zu sammeln begann, und sie unregelmäßig veröffentlichte. Weitere beliebte Suchen waren oder sind übrigens „nackt bügeln“, „nackt duschen“ und „Initiativbewerbung-Online.de“.

Gezählt: Während anfangs noch alle ein bis zwei Tage ein neuer Beitrag online ging, schaffe ich es inzwischen nur noch alle ein bis zwei Wochen etwas zu veröffentlichen. Einmal gingen wegen eines Server-Fehlers (oder weil ich mich blöd anstellte?) drei oder vier Einträge verloren, ansonsten ist das Felix‘ Welt Archiv vollständig. Der 1000. Post ging im vergangenen Jahr online, inzwischen sind es, desen Eintrag mitgerechnet, 1092 Posts.

Geändert hat sich in den vergangenen zehn Jahren nicht nur die Optik von Felix‘ Welt immer mal wieder. Auch inhaltlich hat sich einiges getan. Schrieb ich anfangs noch regelmäßig über Kuriositäten, die ich während meiner Hostel-Nachtschichten erlebte (ich habe mir mein Master-Studium als Nachtportier in einem Berliner Hostel finanziert), kamen nach und nach weitere Themen dazu, die ich grob unter der Überschrift „Gedankengänge“ zusammenfasste. Nachdem ich anfing, mich stärker mit dem Thema Fotografie auseinanderzusetzen, wurde auch Felix‘ Welt bildlastiger. Geblieben ist allerdings stets eine Grenze: auch wenn Felix‘ Welt ein persönliches Blog ist, gibt es Dinge, die hier niemals stattfinden werden. Auch hüte ich mich davor, hier Dinge auszubreiten, die die Privatsphäre anderer Menschen tangieren.

Gedankt: Die erste E-Mail kam wohl sechs oder sieben Monate, nachdem Felix‘ Welt online gegangen war. Sie habe einfach einmal danke sagen wollen, schrieb die Autorin damals. Sie kenne mich nicht, aber sie würde sich immer freuen, wenn sie einen neuen Post entdecken würde. Ich war baff. Bis dato war ich davon ausgegangen, dass sich meine Leserschaft eigentlich nur aus zwei Gruppen Menschen zusammensetzen würde: 1. Freunde, Bekannte und Familie und 2. Menschen, die „Sex im Flugzeug“ googelten. Dass jemand meinen Blog liest, einfach weil er oder sie mag, was ich schreibe, war neu. Kommt aber offenbar vor. Selten, aber immer mal wieder, bekomme ich Mails von Leutem, die sich zu einem bestimmten Post äußern oder mir einfach nur so mitteilen, dass sie gerne lesen, was ich schreibe.

Geoutet: Ich gehe nicht damit hausieren, dass ich blogge. Andererseits schreibe ich unter meinem vollen Namen. Ich sollte also damit rechnen, dass man mich auf Felix‘ Welt anspricht. Trotzdem hat es mich irritiert, als der Chefredakteur der Zeitung, bei der ich damals volontierte, einmal in den Newsroom rief: „Wusstet Ihr eigentlich, dass der Herr Neubüser Hotelzimmer mag? Hat er gestern in seinem Blog geschrieben, solltet ihr mal nachlesen“. Irritiert hat mich auch, als sich die Angestellte meines Fitnessstudios bei mir erkundigte, ob die Duschenrenovierung denn zu meiner Zufriedenheit wäre. Ich hatte mich via Blog mehrfach über die etwas seltsamen Vorgänge in diesem Zusammenhang mit den Duschen ausgelassen – Stichwort: „nackt duschen„. Das war dann doch etwas peinlich.

Genannt habe ich den Blog übrigens mehr oder weniger aus einem Impuls heraus – Felix‘ Welt schien mir irgendwie passend. Ich wusste damals weder, wohin ich damit möchte noch, dass ich zehn Jahre später immer noch unter diesem Namen Beiträge veröffentlichen würde. Wenn ich ehrlich bin, würde ich mich wohl heute für einen anderen Namen entscheiden. Irgendetwas mit mehr Pfiff, wozu ich an dieser Stelle vielleicht sogar eine tolle Geschichte erzählen könnte. Tja, Chance verpasst.

Geklaut ist übrigens die Formulierung, mit der ich seit zehn Jahren jeden Post beende – „in diesem Sinne“. Mein Vater benutzt diese Worte gerne. Ich fand sie passend. In diesem Sinne – das war G. Nummer 10.

Kinderfrage mit Zucker

Früher, als ich noch klein war, gab es bei meinen Eltern regelmäßig „Kinderfrage mit Zucker bestreut“. Zumindest sagten sie das. Probieren durfte ich dieses besondere Gericht freilich nie. Denn „Kinderfrage mit Zucker bestreut“ war die Standardantwort meines Vaters, wenn ich ihn zum fünften Mal hintereinander mit der Frage nervte, was es heute zum Mittagessen geben würde.

Natürlich war auch dem vier- oder fünfjährigen Stöpsel, der ich damals war, schnell klar, dass „Kinderfrage mit Zucker bestreut“ gar kein echtes Essen war. Und doch klang es so lecker! In meinem Kopf formten sich sofort Bilder von einem warmen Kuchen mit einer ganz besonderen Zuckerglasur oder eine Art süßes Brot. Sofort lief mir das Wasser im Mund zusammen, und ich bettelte meinen Vater an, mir doch bitte diese Scherzantwort wirklich zu kochen.

Inzwischen bin ich etwas älter geworden. Süßes esse ich nur noch selten. Den Effekt von damals kenne ich aber weiterhin. Manchmal reicht ein Wort und schon startet das entsprechende Kopfkino. „Mekong“ ist so ein Wort. Bei der Erwähnung des Flusses in Südostasien muss ich sofort an Filme wie „Hotel very welcome“ oder „A Map for Saturday“ denken. Die Bilder aus dem Film mischen sich dann mit meinen eigenen Erinnerungen. Ich mit einem kalten Beer Lao auf einer hölzernen Restaurant-Plattform über dem Fluss. Oder ich in einem klapprigen Tuk Tuk auf dem Weg von Nong Khai  in Richtung laotische Grenze.

Erwischt mich so ein Wort wie „Mekong“ im richtigen Moment, würde ich am liebsten sofort  den nächsten Flieger nach Bangkok nehmen. Oder nach Buenos Aires. Oder nach Sydney. Oder, oder, oder. Gleichzeitig ist mir allerdings auch klar, dass ich hier in die gleiche Falle tappe wie als Fünfjähriger. Was sich bei der Erwähnung des Wortes Mekong in meinem Kopf abspielt hat mit dem, wie eine solche Reise tatsächlich ablaufen würde, in etwa so viel zu tun wie damals das tatsächliche Mittagessen mit „Kinderfrage mit Zucker bestreut“.

Als ich damals in Südostasien unterwegs war, war ich gerade mit meinem ersten Studium fertig. Ich hatte nur eine vage Ahnung davon, was ich auf dieser Reise erleben würde. Noch weniger konkret waren meine Pläne für die Zeit danach. Ich wusste ja noch nicht einmal genau, wann ich nach Deutschland zurückkehren würde. Was abzuschließen war, hatte ich abgeschlossen. Alles danach würde ich komplett neu anfangen müssen. Ich war jung und anspruchslos, was Transport, Hotels und Hostels anging. Vielleicht war ich auch ein bisschen naiv, was ich rückblickend als durchaus vorteilhaft für die Reise bewerten würde.

Heute wäre das anders. Würde ich versuchen, genau die gleiche Reise noch einmal zu machen und das gleiche Gefühl von Freiheit noch einmal zu empfinden, würde ich binnen kürzester Zeit gnadenlos scheitern – so wie mein Vater scheiterte, mir etwas zu kochen, was auch nur annähernd an meine Vorstellung von „Kinderfrage mit Zucker bestreut“ heranreichte. Ständig würde ich Phantasie und Wirklichkeit vergleichen, wobei letztere fast immer den kürzeren ziehen würde.

Trotzdem würde ich nicht sagen, dass es unmöglich ist, eine tolle Erfahrung wie diese erste richtig große Reise zu wiederholen. Ich war seitdem immer wieder unterwegs und jedes Mal war es eine tolle Erfahrung. Die Kunst besteht einfach darin, sich vorab nicht all zu sehr darauf zu konzentrieren, was man sich vorgestellt hat oder wie es beim letzten Mal gewesen ist. Eine Regel, die man übrigens auch auf viele alltägliche Erlebnisse anwenden kann. Meist hat man dann mehr davon.

In diesem Sinne: Das Bild zeigt übrigens mich auf dem Boot bei der Überfahrt von Surat Thani nach Ko Samui in Thailand. Als das Foto gemacht wurde war ich 25 Jahre alt.

PS: Gleiches Foto, ähnlicher Gedanke: The Beach.