Bücherwelten Fremde Federn

One book a week V

Ja, ich werde geschummelt haben. Wenn ich gleich behaupte, dass ich in den vergangenen 52 Wochen tatsächlich auf 52 Bücher gekommen bin, stimmt das eigentlich nicht. Das letzte der 52 Bücher habe ich erst an Neujahr abgeschlossen – einen Tag zu spät. Trotzdem habe ich es frecherweise meinem Lesejahr 2018 zugeordnet und werde damit meinen fünften und letzten „One book a week“-Post starten. Neujahr gehört ja irgendwie sowieso erst halb zum neuen Jahr, findet Ihr nicht?

Guy Sajer, Der vergessene Soldat

Sajer ist 17 und lebt als Sohn eines französischen Vaters und einer deutschen Mutter im Elsass. 1942 meldet er sich freiwillig, um den vermeintlichen Kriegshelden der deutschen Luftwaffe nachzueifern und Pilot zu werden. Allerdings fällt er beim Aufnahmetest durch und landet er bei der Wehrmacht. Er durchlebt Stationen erst in Leipzig, dann in Polen und schließlich in Weißrussland, wo er Landebahnen vom Schnee freiräumt und Nachschubtransporte übernehmen muss. Um zwei Wochen Heimaturlaub zu bekommen meldet er sich freiwillig zur Fronttruppe und wird Panzergrenadierdivision Großdeutschland zugeteilt, einer Eliteeinheit, was sich als erstes in den menschenverachtenden Ausbildungsmethoden manifestiert, mit denen die Soldaten auf ihren Einsatz in Russland vorbereitet werden.

Als einfacher Soldat in dieser Einheit ist Sajer Teil des deutschen Vorstoßes im Osten, der immer öfter stockt und schließlich schließlich zu einem wilden und unkoordiniertem Rückzug wird und den er mehrmals nur mit viel Glück überlebt. Am Ende landet er in Ostpreußen, wo er als einer der letzten deutschen Soldaten per Schiff erst nach Dänemark und dann nach Kiel evakuiert wird. Wenige Tage vor Kriegsende ergibt er sich einigen britischen Soldaten und gerät so freiwillig in Kriegsgefangenschaft. Als Sohn eines französischen Vaters wird er jedoch gleich wieder entlassen und nach Hause geschickt, wo er sich durch eine Verpflichtung bei der französischen Armee „reinwaschen“ soll von der Schande, für die „Boches“ gekämpft zu haben.

Sajer, der eigentlich Mouminoux heißt und sich später als Comiczeichner einen Namen gemacht hat, hat mit seinem 1969 erschienen Buch nach eigenen Angaben einen autobiografischen Erfahrungsbericht vorgelegt. Entsprechend ist auch der Stil gewählt, in dem das Buch verfasst ist. Anfangs noch sehr naiv beschreibend verdichtet Sajer den Schrecken des Krieges zum Ende des Buches hin immer mehr, bis man selbst als Leser das Gefühl hat, die Welt besteht nur noch aus Rauch, Bomben, Angst, Hunger und Tod. Trotzdem oder vielleicht gerade weil man all dem endlich entkommen möchte, kann man das Buch irgendwann kaum noch aus der Hand legen.

Anders als in vielen anderen Büchern, die den Zweiten Weltkriegs zum Thema gewählt haben, gibt es in Sajers Buch keine Karten, mit denen man sich in eine größere Distanz würde flüchten können. Absichtlich, so der Autor, schließlich hätte er selbst oft auch nicht gewusst, wo er sich eigentlich befindet. Selbst Ortsnamen werden immer wieder weggelassen oder abgekürzt – daran habe er sich eben nicht mehr erinnern können, so Sajer. Sein Buch sei ein Erfahrungsbericht, keine historische Abhandlung. Dieses Argument führt er auch gegenüber Historikern an, die nach dem Erscheinen des Buches Zweifel an dessen Authentizität äußerten. Lesenswert ist das Buch allemal, wenn auch nicht unbedingt als feel-good-Lektüre.

Florian Illies, 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts

Dieses Buch ist zunächst einmal eines: eine beeindruckende Rechercheleistung. Mit großer Akribie und offensichtlich mit sehr viel Spaß hat Illies hier sehr, sehr viel Faktenwissen in einen Topf geworfen und daraus dann eine feine, kulturhistorische Suppe gekocht, die zumindest mir sehr gut geschmeckt hat. Allerdings habe ich, das muss ich fairerweise dazu sagen, eine Weile gebraucht, bis ich mich an den Geschmack gewöhnt hatte. Denn auch wenn die Wörter und Sätze Illies-angemessen sehr wohltemperiert und leicht verdaulich vor sich hin köcheln, was Illies mir, dem Leser, eigentlich sagen möchte, habe ich anfangs nicht verstanden.

Illies lässt sich alle auftreten: Proust, Lasker-Schüler, Kokoschka, Rilke, Benn, Kafka, Freud – selbst Hitler und Stalin. Er zeigt, wo sich ihre Wege 1913 kreuzten oder hätten kreuzen können und vor allem, wie sich in diesem Jahr Malerei, Musik und Literatur in die Moderne aufmachen. Eine echte Geschichte erzählt er dabei aber nicht, vielmehr springt er von Person zu Person und von Schauplatz zu Schauplatz. Einzig das verschwundene Gemälde „Mona Lisa“ und dessen Wiederauftauchen am Ende des Jahres 1913 und am Ende des Buches bildet eine Art roten Faden – der wiederum aber ansonsten ziemlich in der Luft hängt und mit keiner der anderen Geschichten und Geschichtchen etwas zu tun hat.

Dass 1913 es trotzdem großen Spaß macht, liegt vor allem an der virtuosen Leichtigkeit, mit der Illies gefühlte hunderttausend Seiten historisches Material, Briefe, Zeitungsartikel, Tagebuchaufzeichnungen und vieles mehr ausgewertet und zu einem einzigen, vergleichsweise dünnen Büchlein verknüpft hat. Das fesselt einen zwar nicht, plätschert aber so nett dahin, dass man es trotzdem immer wieder gerne zur Hand nimmt. In so fern: kein Buch, das ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde – aber vielleicht aber eins für den Weg dorthin.

Erich Kästner, Als ich ein kleiner Junge war

Ist das ein Kinderbuch? Kästner sagt ja. Ich denke: eher nicht. Denn auch wenn der Autor sich immer wieder explizit an Kinder wendet und sich um eine kindgerechte Sprache bemüht, worüber er schreibt, ist meiner Meinung nach nicht immer für Kinder bestimmt. So schreibt Kästner zwar sehr liebevoll über seine Familie, reiht Anekdote an Anekdote, alles nett kindlich formuliert. Im gleichen Ton erzählt er aber auch über die zahlreichen Selbstmordversuche seiner Mutter. Immer wieder verschwand diese plötzlich und es war dann am kleinen Erich, hastig die Brücken seiner Heimatstadt abzusuchen, um das Schlimmste zu verhindern.

Trotzdem ist Kästners autobiografisches Buch, das etwa sieben Jahre seiner Kindheit umspannt und mit seinem 15. Geburtstag und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs endet, kein trauriges Buch. Im Gegenteil: die Warmherzigkeit, mit der der große Kinderbuchautor an seine eigene Jugend zurückdenkt, rührt zutiefst und bringt immer wieder zum Schmunzeln. Etwa wenn er davon erzählt, wie vermeintlich bessere Verwandte besucht werden. Mit der Dame des Hauses verstecken sie sich in der Küche, aus Angst davor, vom Hausherren entdeckt zu werden. Dieser könnte dann nämlich entweder schrecklich wütend werden, weil Besuch da ist – oder so erfreut sein, dass er diesen gar nicht mehr gehen lässt und der Abend viel länger und anstrengender wird als geplant. Es passiert übrigens letzteres.

Das alles wird beschrieben mit den Worten eines Kindes und dem Humor eines Erwachsenen, der sich den kleinen Jungen in sich erhalten hat. „Als ich ein kleiner Junge war“ ist somit in gewisser Weise ein Brückenschlag zwischen Kästners Kinderbüchern und seinen, heute vermutlich weniger bekannten, Büchern und Gedichten, die er für Erwachsene geschrieben hat. Für mich ist Kästner sowieso Pflichtlektüre: wollte mein Vater mich doch ursprünglich sogar nach dessen Romanhelden Fabian nennen. Sein „Kästner für Erwachsene“ steht seit bald zwei Jahrzehnten in meinem Bücherregal und ist bis heute eines meiner liebsten Bücher.

Stefan Fay, Goodbye Lehmann

Meine Ex-Freundin ist schuld. Sie hat mich damals mitgenommen zu  Klaus Schubert und Claudia Metz Diavortrag „Abgefahren“. 16 Jahre waren die beiden von 1982 auf ihren Motorrädern um die Welt gereist, nun sprachen sie darüber, um sich das Geld für das nächste Abenteuer zu verdienen: Auswandern nach Patagonien.

Ich war begeistert. Gleich am nächsten Tag kaufte ich mir das dazugehörige gleichnamige Buch, das ich verschlang. Seitdem stöbere ich immer mal wieder in der Kategorie „Reiseberichte“. Leider kam bisher kaum ein Buch an dieses erste Mal heran. Das hat vor allem zwei Gründe. Zum einen: der Zauber des ersten Mals fehlt. Zum anderen: jeder, der ein paar Wochen als Individualreisender unterwegs ist, fühlt sich inzwischen berufen, ein Buch darüber zu schreiben. Im besten Fall kann er oder sie mit einer ungewöhnlichen Art zu reisen punkten. Eine Garantie für ein gutes Buch ist das nicht.

Trotzdem gibt es immer wieder Reiseberichte, die ich gerne lese. „Goodbye Lehmann“ war so einer. Lange nicht so tiefschürfend, wie der Klappentext weismachen will, aber trotzdem gut lesbar geschrieben und somit ein nettes Buch für nebenbei.

Die Geschichte: Stefan Fay kommt von einer siebenmonatigen Südamerikareise zurück. Zurück im Alltag merkt er schnell: die Reise hat längst nicht die große Erkenntnis für das restliche Leben gebracht, die er sich erhofft hat. Auch der Alltag, der ihn  schnell wieder hat, ist deswegen nicht weniger grau. Also zieht er wieder los. Am Tag, als sein Arbeitskollege Lehmann für seine langjährige Mitarbeit geehrt wird, entscheidet Fay, seinen Job zu kündigen und die nächste große Reise zu planen – dieses Mal ohne Rückflugticket.

Erst reist er gemeinsam mit einem Kumpel, später fährt er alleine weiter. Mit dem Motorrad geht es über Asien bis nach Australien. Vor allem in der zweiten Hälfte des Buches beschäftigt er sich dabei immer wieder mit der Frage, wieso er eigentlich seinen Traum lebt und trotzdem nicht glücklich ist. Ob es wohl eher an der Einstellung und weniger am äußeren Drumherum liegt? Keine wirklich neue Erkenntnis, trotzdem macht es Spaß, dem Autor bei seiner Selbstfindung Gesellschaft zu leisten, zumal er mich dabei immer wieder an mich selbst erinnert. Als ich mit Mitte 20 auf Weltreise gegangen bin, haben mich ähnliche Gedanken beschäftigt.

In diesem Sinne, auf ein neues Lesejahr – und hier geht es zu One book a week IOne book a week II, One book a week III und One book a week IV.

 

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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