Fremde Federn

One book a week IV

Das hätte ich nicht erwartet. Drei Viertel des Jahres sind rum und tatsächlich liege ich (fast) im Plan: 39 Bücher habe ich in den vergangenen 41 Wochen gelesen. Das heißt, gelesen habe ich etwa zwei Drittel davon. Den Rest habe ich gehört. Ich schreibe das, ehe sich wieder jemand wundert, woher ich die Zeit nehme, so viel zu lesen.

Ich trenne nicht wirklich zwischen Hörbüchern und gedruckten Büchern, zumal ich letztere inzwischen auch meist elektronisch konsumiere – via ebook. Das spart Platz im Regal. Außerdem kann ich so ohne zusätzliche Lichtquelle lesen, was ich abends im Bett als extrem angenehm empfinde.

Trotzdem ist es eben doch nicht ganz das gleiche, und ich wähle schon sehr genau aus, welche Bücher ich als Hörbücher kaufe, und welche ich doch lieber mit den Augen zu mir nehmen möchte. Das liegt wohl auch daran, dass ich Hörbücher vor allem bei drei Gelegenheiten konsumiere:

  1. beim Sport
  2. beim Putzen
  3. beim Autofahren.

Auf dem Crosstrainer, mit dem Wischmop in der Hand oder wenn man im Stau steht, nimmt man ein Buch anders wahr, als wenn man es abends im Bett liegend liest.

Gerade das mit dem Stau habe ich in den vergangenen Monaten viel getan. Obwohl ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre und auch sonst in Karlsruhe wenig mit dem Auto unterwegs bin, komme ich derzeit auf rund 30.000 Kilometer im Jahr. Ohne Hörbücher – unvorstellbar! Allerdings gibt es nichts schlimmeres als ein langweiliges Hörbuch und eine lange Autofahrt. Und nichts besseres, als eine lange Autofahrt und ein grandioses Buch auf der SD-Karte. Das macht die Suche manchmal nicht ganz einfach.

Wie dem auch sei. Hier eine Auswahl der Bücher, die mich in den vergangenen Wochen begleitet haben – gedruckt, als ebook oder als Hörbuch.

Mark Sullivan, Unter blutrotem Himmel

Den Titel des Buches finde ich doof. “Blutroter Himmel” – das klingt wie eines dieser dramatischen Bilder, wie sie schlechte Autoren gerne verwenden, wenn sie versuchen, besonders szenisch zu schreiben. Zum Glück hat mich das in diesem Fall nicht abgeschreckt. Das Buch hat mich bis zur letzten Seite gefesselt.

Erzählt wird die (laut dem Autor: wahre) Geschichte des halbwüchsigen Italieners Pino Lella, der während des Zweiten Weltkriegs mehr aus Zufall erst zum Fluchthelfer, dann zum Spion und zum Widerstandskämpfer gegen die Nazi-Diktatur wird. Ach ja, und eine Liebesgeschichte gibt es natürlich auch noch. Die findet anfangs eher am Rande statt, bekommt im letzten Drittel des Buches dafür aber eine um so spektakuläre Wende, die auch der Grund dafür ist, dass der echte Pino Lella seine Geschichte nie wirklich erzählen wollte.

Das Buch beginnt 1943. Pino ist ein Jugendlicher wie jeder andere: mehr interessiert an Mädchen und Musik als an Politik. Der Krieg holt ihn ein, als die ersten Bomben auf seine Heimatstadt Mailand fallen und ihn seine Eltern zusammen mit seinem Bruder in ein Kloster in den italienischen Alpen schicken. Vom leitenden Pater des Klosters wird Pino hier auf immer längere und schwierigere Bergtouren geschickt, ohne so recht zu wissen, wieso – bis der Pater ihn das erste Mal bittet, eine Gruppe Juden über die Berge in die sichere Schweiz zu führen.

Der vermeintliche Friede in den Bergen währt allerdings nicht lange, denn Pino wird erwachsen und somit zum Kriegsdienst bei den deutschen Besatzern eingezogen. Mehr aus Zufall wird er hier zum Fahrer des deutschen Generalmajor Hans Leyers, verantwortlich für die Verteidigungsanlagen in Norditalien – und damit zum idealen Spion.

Wie viel Wahrheit wirklich in der Geschichte steckt, ist schwer nachzuvollziehen. Beeindruckend geschildert ist die Geschichte allemal, selbst wenn man sich nicht für Geschichte interessiert. Besonders heftig tritt immer wieder der Gegensatz hervor, wie hilflos einerseits der Einzelne in der extremen Welt des Krieges (und des Kriegsendes) ist, andererseits aber auch, dass es eben doch auch auf das Handeln Einzelner ankommt.

Volker Klüpfel / Michael Kobr, In der ersten Reihe sieht man Meer

Dieses Buch ist ein Nostalgiebuch. Vielleicht auch noch ein Unterhaltungsbuch. Leichte Kost für Zwischendurch. Wenn man es als solches liest, wird man mit großer Wahrscheinlichkeit Spaß haben.

Die Geschichte ist schnell erzählt: ein Familienvater möchte Urlaub in Italien machen und die ganze Familie soll mit – Eltern und Schwester inklusive. Am Vorabend der Reise schläft der Familienvater ein und als er wieder aufwacht ist er nicht mehr Mitte 40, sondern 30 Jahre jünger, und mit seinen Eltern unterwegs an die Adria.

Zeit, sich zu wundern, hat der Protagonist wenig. Er ist viel zu beschäftigt, sich nicht anmerken zu lassen, dass er zwar äußerlich wieder ein jugendliches Pickelgesicht ist, innerlich aber weiter ganz der Alte. Als solcher bestaunt er nicht nur die absurden, aber leider nur minimal übertriebenen Eigenarten einer deutschen Durchschnittsfamilie auf Auslandsreise in den 1980er Jahren. Angefangen von der Lebensmittel-Vollversorgung im Kofferraum für den gesamten Urlaub (Wer weiß, was man da im Ausland zu Essen bekommt!) bis hin zum Wettbewerb um die besten Strandliegeplätze – und wehe, die sind am nächsten Tag von jemand anderem besetzt.

Weil das zwar Spaß macht, aber schwer über 300 Seiten trägt, wird das ganze mit einer Geschichte verquickt, bei der nun jugendliche Protagonist das Marketing eines italienischen Strandkiosks revolutioniert. Wie realistisch das ist, darüber kann man sicherlich streiten. Richtig Spaß macht das Buch aber ohnehin nicht wegen dieser Rahmenhandlung, sondern wegen der vielen, zum Teil wirklich gut beobachteten und nett beschriebenen Klischees.

Ödön von Horváth, Jugend ohne Gott

Das beeindruckenste an diesem Buch, neben dem Inhalt, ist, dass es bereits 1937 erschienen ist. Ich habe das erst erfahren, als ich das Buch schon fast durch hatte. Bis dahin hätte ich gewettet, dass es erst nach 1945 geschrieben wurde. “Jugend ohne Gott” spielt auch etwa in der Zeit seines Erscheinens, also nach der Machtübernahme durch die Nazis und vor dem Krieg. Es erzählt die Geschichte eines Lehrers, der von seiner Klasse denunziert wird, nachdem er einen Schüler darauf hinweist, dass die Einheimischen in den deutschen Kolonien doch auch Menschen seien. Dank des Rektors, der sich vor den Lehrer stellt, hat dies jedoch keine weiteren Konsequenzen.

In den Ferien begleitet eben dieser Lehrer seine Klasse auf eine paramilitärische Klassenfahrt, bei der die Jungen von einem Reserve-Unteroffizier ausgebildet und zu Nachwuchs-Soldaten herangezogen werden sollen. Im Rahmen dieser Klassenreise kommt es zu Diebstählen im Lager der Schüler. Verdächtigt wird eine Gruppe herumstreunender Jugendlicher, woraufhin die Schüler nachts Wachen aufstellen. Der Lehrer beobachtet, wie eine dieser Wachen von einem der mutmaßlichen Diebe einen Brief überreicht bekommt. Der Lehrer überlegt noch, wie er damit umgehen soll – den Schüler ansprechen? Würde der nicht einfach alles leugnen. Da beschwert sich eben über diesen Schüler der Schüler, der den Lehrer schon wegen der Sache mit den Kolonien angeschwärzt hatte. Der Mitschüler würde ihn nachts nicht schlafen lassen, weil er immerzu bei Kerzenlicht in ein Tagebuch schriebe.

Als die Schüler tagsüber im Wald unterwegs ist, schleicht sich der Lehrer in das Zelt dieser beiden Jungen, öffnet mit einem Stück Draht die verschlossene Box, in der das Tagebuch aufbewahrt wird, und liest darin. Tatsächlich hat der Schüler sich mit einem Mädchen angefreundet, die in dem Lager gestohlen hat und hat die Diebstähle indirekt sogar gedeckt. Auch schreibt der Schüler von dem Streit mit seinem Zelt-Mitbewohner und droht, dass er jeden umbringen werde, der es wagt, in seinem Tagebuch zu lesen.

Die Gruppe Schüler kommt zurück und als der Lehrer das Tagebuch hastig wieder in das Kästchen legen möchte, stellt er fest, dass er wohl beim Öffnen der Box das Schloss beschädigt hat. Dies bemerkt der Schüler natürlich sofort und beschuldigt sofort und deutlich vernehmbar für die gesamte Klasse seinen Zelt-Mitbewohner. Der müsse es gewesen sein, der habe sich ja ohnehin ständig über das nächtliche Schreiben beschwert.

Der Lehrer schweigt. Vor allen Leuten gestehen, möchte er nicht. Zumal dann ja rauskäme, was in dem Buch steht. Er überlegt, den Schüler später zur Rede zu Stellen und ihn auf die Freundschaft mit dem Mädchen aus der Diebesbande anzusprechen. Allerdings scheint ihm kein Moment geeignet und er verschiebt sein Vorhaben erst auf den  Abend, dann auf den nächsten Tag und dann wieder auf den Abend.

Als die Schüler allerdings am nächsten Abend aus dem Wald zurückkommen, fehlt eben jener Schüler, der mit dem Tagebuchschreiber im Zelt geschlafen hat. Wenig später wird er tot im Wald gefunden – erschlagen.

Sofort fällt der Verdacht auf den Tagebuchschreiber, sich ja immer wieder mit diesem gestritten hat. Dieser gibt die Tat schließlich sogar zu, erklärt aber, sich an Details nicht erinnern zu können. Auch sonst wirkt das Geständnis seltsam unvollständig, weswegen der Anwalt des Jungen vor Gericht auch zu dem Schluss kommt, der Junge selbst könne es gar nicht gewesen sein. Vielmehr decke er seine Freundin, das Mädchen aus der Diebesbande.

Auch der Lehrer wird vor Gericht als Zeuge gehört, eher der Vollständigkeit halber, entschließt sich dann aber, die Wahrheit zu sagen, auch wenn das bedeutet, dass er seine Beamtenstellung und seine Arbeit verlieren wird. Von der Ehrlichkeit des Lehrers beeindruckt entschließt sich nun auch das Mädchen aus der Diebesband zu einem Geständnis: ja, sie sei dabei gewesen, als sich die beiden Jungen wegen dem Tagebuch gestritten hätten. Erschlagen habe ihn aber ein weiterer, ein dritter Junge, den sie allerdings nur vage beschreiben kann. Er habe wie ein Fisch ausgesehen, erklärt sie. Niemand glaubt ihr – außer dem Lehrer, der wegen der Beschreibung des Mädchens auch einen ziemlich konkreten Verdacht hat. Gemeinsam mit einem ehemaligen Kollegen, beschließt er, dem vermeintlichen Täter eine Falle zu stellen.

Zu viel möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, außer, dass die Geschichte nun noch einmal ordentlich an Fahrt aufnimmt. Spannend ist dabei einerseits die Geschichte, aber auch die Art und Weise, wie sie erzählt wird. Ein bisschen altbacken, was aber nur dazu führt, dass man sich beim Lesen noch besser in die Zeit hineinversetzt fühlt – und jedes Mal einen Moment braucht, wieder in die Welt zurück zu finden, wenn man aufhört zu lesen. Und das ist ja eigentlich das Beste, was einem bei einem Buch passieren kann.

In diesem Sinne, mehr Bücher: One book a week I, One book a week II und One book a week III.

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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