Fremde Federn

One book a week III

Wann geht er wohl kaputt? Ich werde an dieser Stelle nicht darüber philosophieren, was diese Frage über unsere Gesellschaft (oder nur über mich?) aussagt.

Trotzdem wundere ich mich schon ein bisschen, dass mein kindle e-book-Reader, der inzwischen schon mehr als fünfeinhalb Jahre auf dem Buckel hat, immer noch tadellos funktioniert. Bis heute. Dachte ich zumindest. Denn was ich für erste altersbedingte Auflösungserscheinungen gehalten habe – helle Flecken im Schriftbild, Verzögerung beim Seitenaufbau – scheint ein einmaliges Problem gewesen zu sein. Einmal aus- und wieder eingeschaltet, alles wieder in Ordnung. Und das ist auch gut so, denn das Gerät ist dieses Jahr weiter quasi im Dauerbetrieb, aktuell bin ich bei Buch 29 angelangt.

Hier daher Teil III meiner kleinen Empfehlungsliste:

Haruki Murakami ,1Q84, Bücher 1 bis 3

Erneut ein typischer Murakami, so viel kann ich wohl inzwischen sagen, nachdem ich inzwischen mehrere Bücher das japanischen Autors gelesen habe. In 1Q84 verwendet Murakami erneut das schon aus Hard Boiled Wonderland bekannte Muster, zwei, auf den ersten Blick unabhängige Geschichten, im Wechsel zu erzählen (im dritten Buch kommt sogar noch eine weitere dazu). Auf der einen Seite die Geschichte der knapp 30-Jährigen Aomame, die als Sportlehrerin in einem Fitnessstudio arbeitet und nebenbei Männer ermordet, die ihre Frauen verprügeln. Auf der anderen Seite der gleichalte Tengo, Möchtegern-Autor und Teilzeit-Mathelehrer, der im Auftrag seines Lektors das Buch eines 17-jährigen Mädchens überarbeitet und damit unverhofft einen Bestseller produziert. Der wirbelt nicht nur in der Literaturwelt ordentlich Staub auf. Denn die Geschichte, die in “Die Puppe aus Luft” erzählt wird, ist keineswegs so phantastisch, wie sie scheint.

Sowohl Aomame als auch Tengo finden sich plötzlich und erst ohne es zu merken in einer Parallelwelt wieder, in der, wie im Bestseller-Buch, zwei Monde am Himmel stehen und kleine, gnomenhafte Gestalten, die “little people” die Geschicke der Menschen lenken. Aomame nennt diese Welt 1Q84, wobei das Q für Question Mark, also Fragezeichen steht. Schnell wird diese Welt nicht nur für Aomame, sondern auch für Tengo (lebens-)gefährlich.

Was verworren und auch ein wenig abgedreht klingt, liest sich tatsächlich spannend und flüssig, was vor allem Murakamis kunstvoll-schlichter Sprache zu verdanken ist. Obwohl das Werk insgesamt über 1000 Seiten hat, wird es nicht langweilig. Trotzdem habe ich die Geschichte irgendwann als aufgebläht empfunden. Fast, als hätte der Autor sich selbst ein wenig in der phantastischen Welt verheddert, die er geschaffen hat. Das muss kein Nachteil sein, es macht Spaß, in diese Welt einzutauchen. Ein bisschen Punktabzug gibt es aber doch dafür.

Michael Wolff, Fire and Fury. Inside the Trump White House

Unheimlich. So ließe sich das Buch des amerikanischen Journalisten mit einem Wort zusammenfassen. Trotzdem ist es mit Vorsicht zu genießen. Gerade weil es so verdammt gut geschrieben ist. Denn Wolff schreibt nicht journalistisch. Nicht immer ist klar, welche der beschriebenen Szenen der Autor selbst mitbekommen hat und welcher er nur aus zweiter oder gar dritter Hand erzählt wiedergibt. Allerdings weist der Autor selbst am Anfang des Buches auf diesen Umstand hin – und er passt eigentlich auch ganz gut zu dem, was er beschreibt. Immer wieder ist es nämlich Trump selbst, der Dinge ausplaudert, die eigentlich nicht an die Öffentlichkeit gehören. Oder der Dinge behauptet, die nachweislich falsch sind.

So oder so: Wolff ist mit “Fire and Fury” ein spannender, extrem gut lesbarer Einblick hinter die Kulissen der Trump-Regierung gelungen, selbst wenn man vielleicht 20 oder 30 Prozent der darin getroffenen Behauptungen wieder abziehen muss. Umfassend beschreibt er, wie überrascht eigentlich alle aus dem Trump-Team waren, als die Wahl tatsächlich gewonnen wurde – das sei eigentlich gar nicht geplant gewesen. Wie dann Trump selbst binnen weniger Stunden vom überraschten zum überzeugten Wahlgewinner mutiert und wie die unterschiedlichen Fraktionen seiner Entourage sich dann nach und nach gegenseitig selbst zerfleischen.

Robert Seethaler, Der Trafikant

Siegmund Freud versteht die Frauen nicht. Dabei hatte Franz Huchel gehofft, dass dieser ihm helfen kann, Ordnung in das Gefühlschaos zu bringen, in das ihn die Bekanntschaft mit der drei Jahre älteren Böhmin Anezka gestürzt hat.

Ein schnöder Liebesroman? Mit nichten! Wir schreiben das Jahr 1937 und Österreich steht kurz vor seinem Anschluss an das Deutsche Reich, als Huchel von seiner Mutter aus der österreichischen Provinz nach Wien geschickt wird, um dort eine Lehre in einer Trafik zu beginnen, einem Zeitungs- und Tabak-Geschäft. Freud ist Kunde hier und wird, widerstrebend zunächst, zu so etwas wie einem väterlichen Freund für den jungen Huchel. Nur was die Frauen angeht, da scheint auch der über 80-Jährige nicht wirklich Ahnung zu haben.

Eine zweite Bezugsperson für Huchel ist Otto Trsnjek, der Besitzer der Trafik. Das Wichtigste an seiner Arbeit sei, informiert zu sein, was in all den unterschiedlichen Zeitungen und Zeitschriften steht, die sich in den Regalen des Geschäftes stapeln, erklärt er seinem Lehrling an dessen ersten Tag. Und auch als sich die Publikationen den Inhalten nach immer mehr zu gleichen beginnen, gehören Juden weiterhin zur Stammkundschaft in seinem Geschäft. Am Ende führt das dazu, dass Trsnjek von der Gestapo abgeholt und umgebracht wird. Auch Huchel selbst, der den Mord an seinem Lehrmeister nicht einfach hinnehmen will, gerät zunehmend in das Visier der Nazis.

Seethalers Roman ist aus der Sicht und in der Sprache Huchels geschrieben. Ein junger, etwas naiver Mann, der eigentlich nur seine erste große Liebe erobern will, dann aber vom Strudel der Geschichte mitgerissen wird, weil er sich weigert, seine Menschlichkeit aufzugeben. Ein tolles Buch, der neben der spannend erzählten Geschichte vor allem davon lebt, wie Erzählweise und Erzähltes immer weiter auseinanderklaffen.

In diesem Sinne, Buchempfehlungen sind weiter willkommen!

PS: Hier findet Ihr One book a week I und One book a week II.

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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