Gedankenwelten Zeitreisen

Nichts zu erzählen oder: Erinnerung an meine früheste Erinnerung

Was ist eigentlich meine früheste Erinnerung? Diese Frage habe ich mir kürzlich gestellt. Unter anderem deshalb, weil ich selbst manchmal überrascht bin, was ich alles im Kopf behalten habe und woran ich mich in den unmöglichsten Situationen plötzlich erinnere. Eine Eigenschaft, die ich wohl von meinem Vater geerbt habe und die meine Mitmenschen abwechselnd verblüfft oder ihnen auf die Nerven geht.

Man sagt, Kinder beginnen mit drei oder vier Jahren so etwas wie ein bewusstes Gedächtnis zu entwickeln. Ab diesem Punkt beginnen sie, sich tatsächlich an Dinge zu erinnern, die Zeit davor bleibt dagegen dunkel. Kindheitsamnesie nennen Fachleute das.

Allerdings ist die Erinnerung trügerisch. In Experimenten hat man nachgewiesen, dass sich Menschen zum Beispiel durch bearbeitete Fotos täuschen lassen. Montiert man sie als Kinder in Bilder rein, die sie an bestimmten Orten oder in bestimmten Situationen zeigen, behaupten manche von ihnen, dass sie sich tatsächlich an die Situation auf dem Foto erinnern zu können, selbst wenn diese nie stattgefunden hat. In einem anderen Fall wurden Menschen Aufnahmen gezeigt, in denen ihnen aus einem bekannten Kinderbuch vorgelesen wird. Manche der Versuchspersonen fingen daraufhin an, sich an eben jenes Buch zu erinnern und wie schön es war, dass Papa, Mama oder wer auch immer ihnen immer daraus vorgelesen hat. Dummerweise gab es das Buch zu dem Zeitpunkt, von dem die Aufnahme dem Alter des Kindes nach stammen müsste, noch gar nicht. Es wurde erst Jahre später veröffentlicht.

Dass sich das Gedächtnis so leicht täuschen lässt, liegt an der Art, wie unser Gehirn funktioniert. Es arbeitet selektiv. Das meiste von dem, das wir tagtäglich wahrnehmen, schafft es gar nicht, die Grenze unseres Bewusstseins zu passieren. Und das, was passieren darf, wird niemals einfach nur abgelegt. Vielmehr wird stets in ein Verhältnis gesetzt zu dem, was schon da ist – zu anderen Gedanken und Erinnerungen, bis es schließlich selbst für erinnerungswert eingestuft und irgendwo abgelegt wird. Hier wartet die Erinnerung dann darauf, ihrerseits mit neuen Informationen ins Verhältnis gesetzt zu werden.

Sich zu erinnern ist somit niemals ein statischer, sondern immer ein dynamischer Prozess. Wann immer man sich an etwas erinnert, beginnt das Gehirn mit einer neuen Einordnung. Welche Bedeutung hat diese Erinnerung für anderes Wissen, das man seitdem angesammelt hat? Dabei verändert man
sowohl das neue Wissen als auch die alte Erinnerung.

Was ist also meine früheste Erinnerung? Vermutlich die, wie ich mich beklage, zu wenig Erinnerungen zu haben. Als ich ein kleines Kind war, unterhielt mich mein Vater regelmäßig mit Geschichten aus seiner eigenen Kindheit. Stundenlang konnte er erzählen. Ich hing dann an seinen Lippen, stellte mir aber auch immer wieder die Frage: Welche Geschichten erzähle ich eigentlich einmal meinen Kindern?

Das war für mich ein echtes Problem. Gerade weil mir die Geschichten meines Vaters so viel bedeuteten, wollte ich doch für meine Kinder ebenfalls solche Geschichten haben. Während die Geschichten aus meinem Vater allerdings nur so raussprudelten, wollte mir keine einzige eigene Geschichte aus meinem eigenen Leben einfallen.

“Alles, woran ich mich erinnere, ist, wie ich im Kindergarten stehe und mich frage, woran ich mich erinnere”, beklagte ich mich bei meinem Vater. Der lächelte daraufhin, was mich wütend machte. Schließlich hatte ich doch hier ein ernsthaftes Problem!

“Wenn Du einmal Kinder hast, wirst Du sicher viele Erinnerungen gesammelt haben, die Du ihnen erzählen kannst”, erklärte mir mein Vater sanft. Bis dahin hätte ich schließlich noch einige Jahre Zeit, um Erinnerungen zu sammeln.

Das klang einerseits plausibel, soweit ich es mit meinen drei oder vier Jahren beurteilen konnte. Andererseits fiel es mir schwer, mir das ganz praktisch vorzustellen. Wie sammelte man Erinnerungen? Und wie verhinderte man, dass man diese gleich wieder vergaß? Welche Erinnerungen waren überhaupt wichtig, um sie später als Geschichte erzählen zu können?

Mit drei oder vier Jahren war ich natürlich nicht in der Lage, diese Gedanken in dieser Klarheit zu formulieren. Trotzdem bin ich mir sicher, dass er so oder zumindest so ähnlich in meinem kleinen Kopf stattgefunden hat. Außerdem glaube ich, dass es dieser Moment war, in dem ich mir vornahm, mir künftig so viel wie möglich zu merken und so wenig wie möglich zu vergessen – die Folgen merke ich bis heute.

Einige der Erinnerungen, die ich von diesem Moment an sammelte, sind nur in meinem Kopf. Viele davon habe ich über die Zeit aufgeschrieben. Sie lagern in Dateien, die ich irgendwann einmal angelegt habe und seitdem von Computer zu Computer umgezogen habe. Andere liegen in handgeschriebenen Notizbüchern, von denen ich inzwischen mehrere Hundert gefüllt habe. Manchmal blättere ich darin und bin überrascht, was ich im Laufe meines bisherigen Lebens alles aufgeschrieben habe. Dann bin ich wieder beruhigt: ich erinnere mich vielleicht an viel, aber offensichtlich doch nicht an alles. Manchmal ist das ja auch ganz gut so.

In diesem Sinne, auf die Erinnerung!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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