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Kindergeld bis 2036 oder: plötzlich ein Leben lang Papa

Nichts wird mehr so sein wie zuvor. Aber das wusste ich ja vorher. Wenn man Vater wird, ist man es sein Leben lang. Ich bin jetzt Vater. Seit zweieinhalb Wochen ist meine kleine Tochter auf der Welt. Ein Wunschkind. Wenn ich sie anschaue, könnte ich platzen vor Glück. Niemals hätte ich gedacht, dass mich zwei kleine, blaue Augen derart verzaubern können. Und trotzdem frage ich mich manchmal selbst, ob ich eigentlich schon das ganze Ausmaß der Veränderung begriffen habe, die sich da in mein Leben geschlichen hat.

Wobei: geschlichen stimmt eigentlich nicht. „Am Anfang kommen die Wehen alle zehn oder 15 Minuten – da legen Sie sich dann erstmal noch eine Runde hin, dann backen sie einen Kuchen und dann, wenn die Wehen etwa alle fünf Minuten kommen, dann fahren Sie ins Krankenhaus.“ So hatte es die Hebamme im Geburtsvorbereitungskurs gesagt. Stunden könne es dauern vom ersten Ziehen bis zum Beginn der eigentlichen Geburt, die sich dann nochmal über Stunden, ja in Ausnahmefällen sogar länger als einen Tag hinziehen könnte.

Von wegen! Am Morgen waren wir noch zur Kontrolle im Krankenhaus gewesen, alles unauffällig, keine Geburtsanzeichen. Als mittags die Wehen einsetzten, kamen sie gleich im Drei-Minuten-Abstand, so dass ich erst an mir, dann an der Wehenzähler-App und am Ende ein bisschen sogar an meiner Frau zweifelte (hatte sie vielleicht einfach etwas Falsches gegessen? War am Ende der Asia-Imbiss schuld?).

Fünf Stunden später drückte mir die Hebamme dieses kleine, zauberhafte Wesen in die Hand: „Papa darf seiner Tochter nun den Strampler anziehen.“ Kurz davor hatte ich meine Frau noch mit „atmen“ und „jetzt pressen“-Rufen angefeuert, hatte beobachtet, wie dieser neue Mensch auf die Welt kam und wie er das erste Mal die Augen aufschlug. Wie in Trance hatte ich die Nabelschnur durchgeschnitten. Und jetzt war ich Papa?

Als Kind hatte ich mir mein erwachsenes Ich immer als vollkommen anderen Menschen vorgestellt. Dass man als Erwachsener weiterhin Angst vor etwas haben könnte oder manchmal nicht mehr weiter weiß, das schien mir unvorstellbar. Erwachsen zu sein, das war etwas, das zu einem festen Zeitpunkt passierte, im Zweifel am 18. Geburtstag. Man bekam etwas in die Hand gedrückt und von dem Moment an konnte man es auch halten. Die gesamte Pubertät habe ich gebraucht, um dieses Bild zu revidieren und zu verstehen, dass Erwachsenwerden ein Prozess und man am Ende immer noch der selbe Mensch ist. Und nun drückt mir die Hebamme mein Kind in die Hand und ich soll Papa sein, von jetzt auf gleich.

Zugegeben: Ich hatte neun Monate Zeit gehabt, mich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Ich hatte viel gelesen, hatte mich mit anderen jungen Vätern unterhalten und zahllose Stunden in Baby-Geschäften verbracht. Aber das war alles Theorie – und die hatte mit der Praxis nur am Rande etwas zu tun.

Klar, niemand erwartet, dass man von Anfang an alles perfekt macht. Außer einem selbst vielleicht. Weil man natürlich möchte, dass es diesem kleinen Menschen gut geht. Weil man alles für ihn tun würde. Weil man für ihn jederzeit durch jedes Feuer gehen und barfuß über Glasscherben laufen würde. Weil dieser kleine Mensch plötzlich so viel wichtiger ist als man selbst, von jetzt auf gleich. Und trotzdem fällt es mir, zweieinhalb Wochen nachdem meine kleine Tochter das ersten Mal mit ihrer winzigen Hand meinen Zeigefinger umschlossen hat, schwer vorzustellen, dass sie von jetzt an für immer meine Tochter sein wird. Schon dass sie in einem Monat noch da sein und weiter mein Leben auf den Kopf stellen wird, erscheint mir derzeit noch völlig surreal. Als vor einigen Tagen der Bescheid über Kindergeld „bewilligt bis einschließlich Dezember 2036“ kam, habe ich das erst für einen Druckfehler gehalten – was nur zu einem Teil am Schlafmangel gelegen hat.

Dabei drückt doch gerade dieses Schreiben so gut aus, wie tiefgreifend und langfristig die Veränderung ist, die, nicht einmal vier Kilogramm schwer, von jetzt auf gleich und für immer in mein Leben getreten ist. Es wäre eine Lüge, zu behaupten, dass mir das keine Angst macht. Aber es ist eben auch schön. Und anstrengend. Und einzigartig. Und fordernd. Und toll. Und überhaupt. In diesem Sinne!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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