Desillussionierend Gedankenwelten Zeitreisen

Vergissmeinnicht

“Ich habe meine Schulzeit vergessen!” Vielleicht ist das für den einen oder anderen Menschen ein schöner Gedanke, mir hat er einen ganz schönen Schrecken eingejagt.

Glücklicherweise hielt er nicht lange an. Es war Neujahr, ich war gerade aufgewacht – oder besser: wohl noch nicht richtig wach – als er mir durch den Kopf schoss. Plötzlich hatte ich das Gefühl, als würde mir ein ganzer Erinnerungsbrocken fehlen. Ein schwarzes Loch da, wo gestern noch ein Teil meines Lebens gewesen war.

Mir waren meine Erinnerungen schon immer wichtig. Kürzlich habe ich ausgerechnet, dass ich nun schon seit 27 Jahren Dinge aufschreibe. Notizbücher, Tagebücher, Word-Dateien – diesen Blog. Ich brauche das. Es hilft mir, zu reflektieren und besänftigt meine Angst vor dem Vergessen. “Im Hier und Jetzt leben” ist eine gern beschworene Formel von in Ratgeberbüchern. Streng genommen ist das “Jetzt” aber nur ein unendlich kleiner Augenblick an der Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft. Man könnte auch sagen: Ohne das Erinnern daran gibt es kein Jetzt.

Gerade mit der Erinnerung ist es aber so eine Sache. Sie ist trügerisch. Der Mensch vergisst nicht nur, er neigt zudem dazu, sich seine Erinnerungen selbst zu konstruieren – manchmal nachträglich und bar jeder Realität. Die US-amerikanische Forscherin Elisabeth Loftus beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit diesem Thema, das in der Wissenschaft unter dem Namen “False Memory Syndrom” bekannt ist. Relevant wird ihre Forschung vor allem, wenn es darum geht, die Glaubwürdigkeit von Zeugen bei Gerichtsprozessen zu beurteilen.

Wie leicht die menschliche Erinnerung zu manipulieren ist, bewies sie unter anderem mit dem Bugs-Bunny-Experiment. Die Probanden bekamen ein gefälschtes Kinderfoto gezeigt, das sie selbst zusammen mit einem Bugs-Bunny-Darsteller im Disneyland zeigte. Daraufhin begannen sich gleich mehrere Teilnehmer der Studie lebhaft an den Besuch in Disneyland und die Begegnung mit dem lustigen Hasen zu erinnern. Dumm nur, dass Bugs Bunny eine Figur des Disney-Konkurrenten Warner ist und somit mit Sicherheit nicht im Disneyland anzutreffen ist.

Analysiere ich meine eigenen Erinnerungen, stelle ich immer wieder fest, dass sie selten aus langen, zusammenhängenden Episoden bestehen. Vielmehr handelt es sich um eine Sammlung von Fokuspunkten – lauter einzelne Momente. Viele Fokuspunkte lassen sich zwar zu längeren Sequenzen zusammenfügen, je intensiver ich allerdings über diese Sequenzen nachdenke, desto deutlicher treten die Lücken hervor. Als könnte das Gehirn keine Videos aufzeichnen, sondern nur Einzelaufnahmen. Und selbst die sind oft an den Rändern lückenhaft.

Denke ich zum Beispiel an meine Berliner Wohnung zurück, fallen mir schnell die alltäglichen Wege ein – zur S-Bahn, zum Einkaufen oder zum Feierabendbier mit Freunden. Seltsam unsichtbar bleibt allerdings mein Treppenhaus. Weit über tausend Mal muss ich hier hoch und runter gestiefelt sein, dennoch kann ich mich fast gar nicht daran erinnern. Damals war es mir nicht wichtig genug, weil es mehr als alltäglich war. Heute fände ich es gerade deswegen interessant, wenn mein Gehirn damals die eine oder andere Aufnahme davon gemacht hätte.

Ähnlich ist es beim eingangs erwähnten Thema Schulzeit. Kurioserweise kann ich noch ziemlich genau sagen, wo ich im Abiturjahr in den einzelnen Leistungskurs-Räumen gesessen habe. An die Abiturprüfungen jedoch kann ich mich kaum noch erinnern. War ich aufgeregt? Welche Lehrer haben Aufsicht gehabt? Selbst bei den Themen der Klausuren bin ich mir nicht mehr sicher – dabei dürften diese Ereignisse doch mit weitaus stärkeren Emotionen belegt sein als mein Sitzplatz im Klassenzimmer.

Der Mensch vergisst. Es geht nicht anders. Würden wir alle Informationen, die wir aufnehmen, ungefiltert speichern, würden wir vermutlich wahnsinnig werden. Trotzdem empfinde ich es manchmal fast als Betrug, wenn mein Gehirn sich einfach weigert, gewisse Informationen als Erinnerung vorzuhalten, während es andere so bereitwillig speichert.

In diesem Sinne: Und was habt Ihr heute schon alles vergessen?

Kleiner Exkurs zum Titel dieses Eintrags:
Vergissmeinnicht ist kein frommer Wunsch, sondern der Name einer Pflanze mit einer Geschichte. Und die geht so: Die Schöpfung war gerade abgeschlossen und die Engel waren damit beschäftigt, die Blumen und Pflanzen bunt anzumalen. Dummerweise waren just in dem Moment, als das Vergissmeinnicht an der Reihe war, die Farbtöpfe leer. “Oh nein”, rief daraufhin das Vergissmeinnicht, was zu diesem Zeitpunkt freilich noch nicht so hieß, “lieber Gott, vergiss mein nicht!” Gott befahl den Engeln daraufhin, ihre Pinsel in das Himmelblau des Himmels und in das Gelb der Sonne zu tauchen und damit das kleine Pflänzchen zu bemalen. Deswegen hat das Vergissmeinnicht blaue Blätter, einen gelben Kelch – und seinen Namen. Das behauptet zumindest die Erinnerung der Pflanze.

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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