Kinderfrage mit Zucker

Früher, als ich noch klein war, gab es bei meinen Eltern regelmäßig „Kinderfrage mit Zucker bestreut“. Zumindest sagten sie das. Probieren durfte ich dieses besondere Gericht freilich nie. Denn „Kinderfrage mit Zucker bestreut“ war die Standardantwort meines Vaters, wenn ich ihn zum fünften Mal hintereinander mit der Frage nervte, was es heute zum Mittagessen geben würde.

Natürlich war auch dem vier- oder fünfjährigen Stöpsel, der ich damals war, schnell klar, dass „Kinderfrage mit Zucker bestreut“ gar kein echtes Essen war. Und doch klang es so lecker! In meinem Kopf formten sich sofort Bilder von einem warmen Kuchen mit einer ganz besonderen Zuckerglasur oder eine Art süßes Brot. Sofort lief mir das Wasser im Mund zusammen, und ich bettelte meinen Vater an, mir doch bitte diese Scherzantwort wirklich zu kochen.

Inzwischen bin ich etwas älter geworden. Süßes esse ich nur noch selten. Den Effekt von damals kenne ich aber weiterhin. Manchmal reicht ein Wort und schon startet das entsprechende Kopfkino. „Mekong“ ist so ein Wort. Bei der Erwähnung des Flusses in Südostasien muss ich sofort an Filme wie „Hotel very welcome“ oder „A Map for Saturday“ denken. Die Bilder aus dem Film mischen sich dann mit meinen eigenen Erinnerungen. Ich mit einem kalten Beer Lao auf einer hölzernen Restaurant-Plattform über dem Fluss. Oder ich in einem klapprigen Tuk Tuk auf dem Weg von Nong Khai  in Richtung laotische Grenze.

Erwischt mich so ein Wort wie „Mekong“ im richtigen Moment, würde ich am liebsten sofort  den nächsten Flieger nach Bangkok nehmen. Oder nach Buenos Aires. Oder nach Sydney. Oder, oder, oder. Gleichzeitig ist mir allerdings auch klar, dass ich hier in die gleiche Falle tappe wie als Fünfjähriger. Was sich bei der Erwähnung des Wortes Mekong in meinem Kopf abspielt hat mit dem, wie eine solche Reise tatsächlich ablaufen würde, in etwa so viel zu tun wie damals das tatsächliche Mittagessen mit „Kinderfrage mit Zucker bestreut“.

Als ich damals in Südostasien unterwegs war, war ich gerade mit meinem ersten Studium fertig. Ich hatte nur eine vage Ahnung davon, was ich auf dieser Reise erleben würde. Noch weniger konkret waren meine Pläne für die Zeit danach. Ich wusste ja noch nicht einmal genau, wann ich nach Deutschland zurückkehren würde. Was abzuschließen war, hatte ich abgeschlossen. Alles danach würde ich komplett neu anfangen müssen. Ich war jung und anspruchslos, was Transport, Hotels und Hostels anging. Vielleicht war ich auch ein bisschen naiv, was ich rückblickend als durchaus vorteilhaft für die Reise bewerten würde.

Heute wäre das anders. Würde ich versuchen, genau die gleiche Reise noch einmal zu machen und das gleiche Gefühl von Freiheit noch einmal zu empfinden, würde ich binnen kürzester Zeit gnadenlos scheitern – so wie mein Vater scheiterte, mir etwas zu kochen, was auch nur annähernd an meine Vorstellung von „Kinderfrage mit Zucker bestreut“ heranreichte. Ständig würde ich Phantasie und Wirklichkeit vergleichen, wobei letztere fast immer den kürzeren ziehen würde.

Trotzdem würde ich nicht sagen, dass es unmöglich ist, eine tolle Erfahrung wie diese erste richtig große Reise zu wiederholen. Ich war seitdem immer wieder unterwegs und jedes Mal war es eine tolle Erfahrung. Die Kunst besteht einfach darin, sich vorab nicht all zu sehr darauf zu konzentrieren, was man sich vorgestellt hat oder wie es beim letzten Mal gewesen ist. Eine Regel, die man übrigens auch auf viele alltägliche Erlebnisse anwenden kann. Meist hat man dann mehr davon.

In diesem Sinne: Das Bild zeigt übrigens mich auf dem Boot bei der Überfahrt von Surat Thani nach Ko Samui in Thailand. Als das Foto gemacht wurde war ich 25 Jahre alt.

PS: Gleiches Foto, ähnlicher Gedanke: The Beach.

(M)ein Lied?

Anfangs habe ich noch danach gesucht. Ich habe mir online die verschiedenen Billboard-Charts von Argentinien und Chile aus der Zeit rausgesucht. Dann habe ich einen Titel nach dem anderen bei youtube und Co. eingegeben. Stunden habe ich damit zugebracht, Lied für Lied aufzustöbern und anzuhören. Eines davon musste es doch sein!

Als ich im November und Dezember 2004 in Argentinien und Chile unterwegs gewesen war, hatten sie das Lied gefühlt mindestens einmal pro Stunde im Radio gespielt. Keine der Busfahrten, von denen die längste immerhin 37 Stunden gedauert hatte, war ohne dieses eine Lied ausgekommen. Die Melodie war eingängig, der Text spanisch. Ich mochte es und freute mich jedes Mal, wenn es lief. Er wurde schnell zu einer Art Hymne für mich, ein Soundtrack des südamerikanischen Teils meiner Weltreise.

Das galt insbesondere deswegen, weil mir in der dritten Woche meiner Weltreise mein Tagesrucksack samt MP3-Player gestohlen worden war. Wollte ich Musik hören, war ich auf Musik von außen angewiesen – ein Radio in einem Café oder die Musikauswahl in einer Kneipe, zum Beispiel. Oder eben das Radio im Bus.

In den südamerikanischen Bussen lief die meiste Zeit ein Fernseher. Manchmal hatte ich Glück und es gab einen amerikanischen Film mit spanischen Untertiteln. Manchmal wurden aber auch synchronisierte Fassungen gezeigt oder es liefen gleich originär spanische oder südamerikanische Filme. Hier verstand ich dann wenig bis gar nicht. Kurz nach der Abfahrt und kurz vor der Abfahrt allerdings schaltete der Busfahrer oft das Radio ein. Dieses eine Lied war dabei so präsent, dass ich mir nie die Mühe machte, den Titel oder den Namen der Band oder des Interpreten rauszusuchen. Bis das Lied plötzlich weg war.

Von Santiago de Chile flog ich weiter nach Auckland, Neuseeland. Wie ungewohnt, plötzlich Englisch sprechen zu können und von allen verstanden zu werden! Überhaupt fühlte sich Neuseeland, obwohl am anderen Ende der Welt gelegen, viel näher an Europa gelegen an als Argentinien oder Chile. Fast ein bisschen wie England, nur weniger dicht besiedelt und und etwas weiter abseits gelegen halt. Dass etwas fehlte, fiel mir erst später auf – und ich vergaß es auch schnell wieder.

Erst als ich einige Monate später wieder zurück in Deutschland war – nach Neuseeland hatte ich noch in Australien, Thailand und Laos Station gemacht und war herumgereist – und ich anfing, die Reise und meine Erinnerungen nach und nach gedanklich zu sortieren, fiel mir dieses eine Lied wieder ein. Ich begann zu suchen. Das tue ich bis heute, wenn auch inzwischen deutlich seltener als damals.

Dummerweise bin ich nicht einmal sicher, ob ich das Lied nicht längst gefunden habe. Inzwischen ist die Reise so lange her, dass ich mich praktisch gar nicht mehr an das Lied erinnern kann. Anfangs dachte ich noch, ich würde es schon merken, wenn ich es erst einmal gefunden habe. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr sicher. Selbst wenn mein Gedächtnis mich selbst immer mal wieder überrascht, woran es sich noch erinnern kann, wenn man es nur mit den richtigen Attributen füttert, würde ich dafür inzwischen nicht mehr die Hand ins Feuer legen.

Ich habe das Lied in einem für mich sehr besonderen Moment entdeckt. In diesem Moment hat es mir viel bedeutet. Aber vielleicht ist es wie mit einem Wein, der einem am Urlaubsort unglaublich gut schmeckt, sich aber nach der Rückkehr zuhause, wo es kein Meer und keinen romantischen Sonnenuntergang am Strand gibt, schnell als saure, pelzig schmeckende Plörre herausstellt. Vielleicht suche ich etwas, das ich, ohne es zu merken, längst gefunden habe; das mich zwar in einem bestimmten Moment sehr berührt hat, ohne diesen Moment aber völlig wirkungslos ist, und das ich deswegen gar nicht wiederfinden kann.

In diesem Sinne, gute Reise und so!

Wutkundengeständnis

Ich bin jetzt einer von ihnen. Einer von diesen Menschen, die böse Briefe schreiben, Wutposts bei Facebook absetzen und mit Anwälten drohen und und am Ende doch nicht viel weiter sind als am Anfang. Nur frustrierter. Weil sich diejenigen, um die es geht, einfach taub stellen. Wenn ich den Kunden nicht sehe, sieht er mich sicher auch nicht. Das hat schon als Kind super funktioniert, wenn man mit den Erwachsenen Verstecken gespielt hat. Einfach Augenzuhalten.

Ich bin jetzt einer von ihnen, ich kann ihren Frust verstehen. Seit inzwischen fast fünf (fünf!) Monaten warte ich darauf, dass o2 mir erklärt, wieso sie 1,29 Euro für die „Recherche“ meiner Adresse berechnen. Alles, was bisher passiert ist, ist eine Mail, in der mich o2 mich bittet – nicht lachen – ihnen meine Adresse mitzuteilen, um meine Nachfrage zu beantworten. Mehr ist nicht passiert. Auch auf mehrmalige Nachfrage nicht.

Ein anderer Fall ist die inzwischen insolvente Unister GmbH aus Leipzig bzw. deren Tochter die U-Deals GmbH. Schon vor Jahren bin ich einmal ungefragt auf deren Newsletterverteiler gelandet, angeblich, weil ich an einem Gewinnspiel teilgenommen hatte, was schlicht gelogen war. Tatsächlich hatte Unister meine Mail-Adresse bei einem Adresshändler in Österreich gekauft, was dieser mir auch schriftlich bestätigte.

Vergangene Woche bekam ich dann auf einmal erneut und aus heiterem Himmel einen Newsletter zugestellt, den ich nicht bestellt hatte. Absender: erneut eine Unister-Tochter, nämlich „ab-in-den-urlaub.de“. Meine schriftliche Nachfrage, wie es sein könne, dass ich schon wieder ungefragt auf dem Newsletter-Verteiler gelandet bin, blieb bislang unbeantwortet. Ein Anruf bei der Firma brachte mich auch nicht weiter. Der Callcentermitarbeiter beharrte darauf, wenn ich den Newsletter bekommen hätte, hätte ich ihn auch bestellt. Mehr Auskunft könne er mir nicht geben. Und nein, er wisse auch nicht, wer da zuständig sei oder an wen ich mich wenden könnte.

Ja, anscheinend bin ich jetzt einer von ihnen. Ich mag das selbst nicht, weil ich mir dabei so kleinlich vorkomme. Wie jemand, der seinen persönlichen Frieden dadurch herzustellen versucht, indem er sich mit möglichst vielen Firmen anlegt und dabei möglichst oft betont, dass er natürlich einen Anwalt in der Familie oder im Freundeskreis und/oder eine Rechtsschutzversicherung hat. Jemand der mit dem Kissen unter dem Ellbogen am Fenster sitzt und Parksünder aufschreibt. Jemand der im Internet aus Prinzip nur schlechte Bewertungen schreibt. Jemand, der so oft das Gefühl hatte, ungerecht behandelt worden zu sein, dass er nun gierig jede Möglichkeit aufsaugt, wo er endlich einmal das Recht auf seiner Seite zu wissen glaubt und nur mit den richtigen Paragraphen wedeln muss, um einmal nicht das kleine Würstchen, sondern der große Mann zu sein.

Beruflich habe ich leider immer wieder selbst mit solchen Menschen zu tun. Noch bevor sie erklärt haben, worum es eigentlich geht, jonglieren sie mit Gesetzestexten (meist den falschen) oder stoßen wüste Drohungen aus, an wen sie sich noch alles wenden und bei welchen Behörden sie ihre Beschwerde überall vortragen werden.

Manchmal ärgere ich mich über diese Menschen, meist tun sie mir leid. Wie viel Frust sich da aufgestaut haben muss, für den sie einfach kein Ventil finden. Dieses Gefühl, immer wieder vor die Wand zu laufen, weil man am Ende doch am kürzeren Hebel sitzt. Unwilkürlich muss ich dann an Kunden im Restaurant denken, die auf die Frage, ob das Essen geschmeckt habe, schon aus Prinzip über das zähe Fleisch, das verkochte Gemüse und den schlechten Service schimpfen. Als Kunde sind sie schließlich König, und der Restaurantbesuch ist vielleicht ihre einzige Gelegenheit, wo sie sich beschweren können und direkt Recht bekommen.

Bin ich jetzt wirklich einer von ihnen? Am liebsten würde ich diese Frage mit „nein“ beantworten. Doch tief in mir drin weiß ich, dass das gelogen wäre. Auch wenn ich mich insgesamt für einen eher ausgeglichenen Typ halte, manchmal ist das kleine HB-Männchen in mir einfach stärker. Dann bin ich ein blöder Stinkstiefel und manchmal ja vielleicht sogar zu Recht.

In diesem Sinne, jetzt erstmal tief durchatmen. Rauchen tue ich ja nicht …

Böse Woche

Ich mag diese Woche nicht. Sie hat schon schlecht angefangen.

1. Ich habe kaum geschlafen. Seit Freitag kämpfe ich mit einer Erkältung, die sich vor allem in meine Nase verliebt zu haben scheint. In der Nacht von Sonntag auf Montag bin ich im Schnitt alle 30 Minuten aufgewacht, weil entweder das linke oder das recht Nasenloch komplett zu war. Das Drehen auf die jeweils andere Seite half nur kurzfristig – verlagerte sich das Problem nur von links nach rechts und andersrum. Gegen 4 Uhr war es dann ganz vorbei mit der Nachtruhe. Linkes und rechtes Nasenloch waren sich einig, beide dicht zu machen..

2. Die Zeitung ist weg. Das Chrismon-Magazin, dass der Süddeutschen am Montag offenbar beilag, hat der Dieb allerdings liegen lassen. Ungewöhnlich, denn eigentlich favorisiert mein Stammdieb nämlich Magazine, nicht ganze Zeitungen.

3. Schimmel. Bemerkt habe ich den natürlich erst, nachdem ich das Brot schlaftrunken in den Toaster gesteckt hatte. Faszinierend, zu welchen Farbvarianten getoasteter Schimmel in der Lage ist. Ein kleiner Lichtblick: ich hatte noch ein nicht verschimmeltes Brot auf Lager, musste also nicht ohne Frühstück aus dem Haus.

4. Teuer Tausch. Zugegeben, eigentlich ist das schon eine Woche vorher passiert, aber auf dem Kontoauszug habe ich es erst diese Woche gespürt: an meinem Laptop musste das Display getauscht werden. Nicht, weil mir das Gerät runtergefallen wären oder sonst etwas Spektakuläres passiert ist. Ich habe das Macbook einfach nur zugeklappt – und dabei ist dummerweise das Druckerkabel zwischen Tastatur und Display geraten. Das reichte, um am linken Bildschirmrand einen feinen, aber dennoch deutlich sichtbaren Kratzer in das Display zu zaubern. Ja, mich hat das auch überrascht, dass ein so teures Gerät offenbar so empfindlich ist.

Die Woche ist erst zwei Tage alt, aber wenn es nach mir ginge, reicht es eigentlich schon. In diesem Sinne: auf eine bessere Woche – nächste Woche!

Die Wahrheit

Ich war so naiv. Sechs Wochen, habe ich gedacht, sechs Wochen braucht ein gebrochener Knochen, um wieder zusammenzuwachsen – dann springe ich wieder rum wie ein junges Reh. So ein Quatsch. Es ist Zeit, die Wahrheit zu sagen. Schließlich habe ich selbst oft genug nach Schlagworten wie „Mittelfuß gebrochen wann wieder laufen“ oder „Fuß gebrochen wie lange dauert Heilung“ gegoogelt, ohne eine eindeutige Aussage zu finden.

Um es vorweg zu nehmen: Es ist nun 13 Wochen her, dass ich mir beim Canyoning diverse Mittelfußknochen gebrochen habe und ich humpel immer noch ein bisschen. „Völlig normal“, hat mein Arzt gesagt. Am längsten würde ich mit der „Schwellneigung“ zu kämpfen haben. Praktisch spüre ich die vor allem dann, wenn ich mir die Schuhe anziehe. Rechts habe ich  immer noch weniger Schnürsenkel für die Schleife zur Verfügung als links. Bin ich mehr rumgelaufen, als sonst, tut der Fuß hinterher weh.

Im Grunde genommen hatte ich Glück im Unglück. Zum Zeitpunkt des Unfalls war der Urlaub noch fünfeinhalb Wochen entfernt: drei Wochen Westküste USA zusammen mit I..

„Klappt schon“, meinte der Arzt. Ganz anders klang das eineinhalb Wochen später nach der Computertomographie. Zwei A4-Seiten umfasste der Bericht der Ärztin, in dem sie jeden gebrochenen Knochen auflistete. „Urlaub? In vier Wochen? Das sehe ich nicht …“

Am Ende bin ich doch geflogen, das erste Mal in meinem Leben mit Krücken. Auch habe ich das erste Mal in meinem Leben in einem Rollstuhl gesessen. Der Urlaubsfreude tat dies aber keinen Abbruch. Ich möchte keinen Tag missen.

Den Bruch spüre ich allerdings noch immer. Längere Strecken zu Fuß sind weiter eine Herausforderung, auch bei Treppen tue ich mich bergab noch schwer. „Völlig normal“, sagt meint Arzt auch hier. Vermutlich hat er Recht. Dennoch bin ich immer wieder überrascht, wie lange sich so ein Bruch bemerkbar machen kann. Bisher beschränkte sich meine praktische Erfahrung hier auf einzelne Finger oder Zehen, einmal ein Knochen irgendwo in der Handwurzel. Nie hat mich das im Alltag derart eingeschränkt. Aber vielleicht ist es ja gerade deswegen ein heilsame Erfahrung für mich. Ich bin eben doch nicht unverwundbar.

In diesem Sinne, ein herzliches gute Besserung an alle, die es brauchen!

Vergissmeinnicht

„Ich habe meine Schulzeit vergessen!“ Vielleicht ist das für den einen oder anderen Menschen ein schöner Gedanke, mir hat er einen ganz schönen Schrecken eingejagt.

Glücklicherweise hielt er nicht lange an. Es war Neujahr, ich war gerade aufgewacht – oder besser: wohl noch nicht richtig wach – als er mir durch den Kopf schoss. Plötzlich hatte ich das Gefühl, als würde mir ein ganzer Erinnerungsbrocken fehlen. Ein schwarzes Loch da, wo gestern noch ein Teil meines Lebens gewesen war.

Mir waren meine Erinnerungen schon immer wichtig. Kürzlich habe ich ausgerechnet, dass ich nun schon seit 27 Jahren Dinge aufschreibe. Notizbücher, Tagebücher, Word-Dateien – diesen Blog. Ich brauche das. Es hilft mir, zu reflektieren und besänftigt meine Angst vor dem Vergessen. „Im Hier und Jetzt leben“ ist eine gern beschworene Formel von in Ratgeberbüchern. Streng genommen ist das „Jetzt“ aber nur ein unendlich kleiner Augenblick an der Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft. Man könnte auch sagen: Ohne das Erinnern daran gibt es kein Jetzt.

Gerade mit der Erinnerung ist es aber so eine Sache. Sie ist trügerisch. Der Mensch vergisst nicht nur, er neigt zudem dazu, sich seine Erinnerungen selbst zu konstruieren – manchmal nachträglich und bar jeder Realität. Die US-amerikanische Forscherin Elisabeth Loftus beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit diesem Thema, das in der Wissenschaft unter dem Namen „False Memory Syndrom“ bekannt ist. Relevant wird ihre Forschung vor allem, wenn es darum geht, die Glaubwürdigkeit von Zeugen bei Gerichtsprozessen zu beurteilen.

Wie leicht die menschliche Erinnerung zu manipulieren ist, bewies sie unter anderem mit dem Bugs-Bunny-Experiment. Die Probanden bekamen ein gefälschtes Kinderfoto gezeigt, das sie selbst zusammen mit einem Bugs-Bunny-Darsteller im Disneyland zeigte. Daraufhin begannen sich gleich mehrere Teilnehmer der Studie lebhaft an den Besuch in Disneyland und die Begegnung mit dem lustigen Hasen zu erinnern. Dumm nur, dass Bugs Bunny eine Figur des Disney-Konkurrenten Warner ist und somit mit Sicherheit nicht im Disneyland anzutreffen ist.

Analysiere ich meine eigenen Erinnerungen, stelle ich immer wieder fest, dass sie selten aus langen, zusammenhängenden Episoden bestehen. Vielmehr handelt es sich um eine Sammlung von Fokuspunkten – lauter einzelne Momente. Viele Fokuspunkte lassen sich zwar zu längeren Sequenzen zusammenfügen, je intensiver ich allerdings über diese Sequenzen nachdenke, desto deutlicher treten die Lücken hervor. Als könnte das Gehirn keine Videos aufzeichnen, sondern nur Einzelaufnahmen. Und selbst die sind oft an den Rändern lückenhaft.

Denke ich zum Beispiel an meine Berliner Wohnung zurück, fallen mir schnell die alltäglichen Wege ein – zur S-Bahn, zum Einkaufen oder zum Feierabendbier mit Freunden. Seltsam unsichtbar bleibt allerdings mein Treppenhaus. Weit über tausend Mal muss ich hier hoch und runter gestiefelt sein, dennoch kann ich mich fast gar nicht daran erinnern. Damals war es mir nicht wichtig genug, weil es mehr als alltäglich war. Heute fände ich es gerade deswegen interessant, wenn mein Gehirn damals die eine oder andere Aufnahme davon gemacht hätte.

Ähnlich ist es beim eingangs erwähnten Thema Schulzeit. Kurioserweise kann ich noch ziemlich genau sagen, wo ich im Abiturjahr in den einzelnen Leistungskurs-Räumen gesessen habe. An die Abiturprüfungen jedoch kann ich mich kaum noch erinnern. War ich aufgeregt? Welche Lehrer haben Aufsicht gehabt? Selbst bei den Themen der Klausuren bin ich mir nicht mehr sicher – dabei dürften diese Ereignisse doch mit weitaus stärkeren Emotionen belegt sein als mein Sitzplatz im Klassenzimmer.

Der Mensch vergisst. Es geht nicht anders. Würden wir alle Informationen, die wir aufnehmen, ungefiltert speichern, würden wir vermutlich wahnsinnig werden. Trotzdem empfinde ich es manchmal fast als Betrug, wenn mein Gehirn sich einfach weigert, gewisse Informationen als Erinnerung vorzuhalten, während es andere so bereitwillig speichert.

In diesem Sinne: Und was habt Ihr heute schon alles vergessen?

Kleiner Exkurs zum Titel dieses Eintrags:
Vergissmeinnicht ist kein frommer Wunsch, sondern der Name einer Pflanze mit einer Geschichte. Und die geht so: Die Schöpfung war gerade abgeschlossen und die Engel waren damit beschäftigt, die Blumen und Pflanzen bunt anzumalen. Dummerweise waren just in dem Moment, als das Vergissmeinnicht an der Reihe war, die Farbtöpfe leer. „Oh nein“, rief daraufhin das Vergissmeinnicht, was zu diesem Zeitpunkt freilich noch nicht so hieß, „lieber Gott, vergiss mein nicht!“ Gott befahl den Engeln daraufhin, ihre Pinsel in das Himmelblau des Himmels und in das Gelb der Sonne zu tauchen und damit das kleine Pflänzchen zu bemalen. Deswegen hat das Vergissmeinnicht blaue Blätter, einen gelben Kelch – und seinen Namen. Das behauptet zumindest die Erinnerung der Pflanze.

Nein!

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Manchmal widerspreche ich Dir einfach nur aus Spaß. Am liebsten, wenn noch andere Menschen dabei sind. „Nein!“, sage ich dann knapp, aber bestimmt und mit einem Lächeln auf den Lippen. Manchmal sehe ich Dich dabei nicht einmal an.

Du kannst mich nicht hören. Das glaube ich zumindest. Mit der Funktion „Sprachsteuerung“ habe ich nie viel anfangen können. Lieber programmiere ich Dich auf die altmodische Art und Weise: per Fingerzeig auf Deinem Touchscreen. Schlägst Du mir verkehrsbedingt alternative Routen vor, bin ich inzwischen mehr als skeptisch. Viel zu oft hast Du mich enttäuscht.

Ich fahre gerne mit Navi. Selbst wenn ich auf der Strecke Karlsruhe – Neu-Ulm unterwegs bin, schalte ich Dich immer ein. Ich bin ziemlich sicher, diese Route inzwischen mit verbundenen Augen fahren zu können. Dennoch schätze ich es gerade am Freitagabend, sowohl die noch zu fahrenden Kilometer als auch die geschätzte Ankunftszeit jederzeit abrufen zu können.

Schwierig wird unser Verhältnis immer dann, wenn Staus oder andere Verkehrsbehinderungen diese beiden Parameter zu beeinflussen zu beginnen. Etwas, das auf der A8 leider dauernd der Fall ist. Dein Standardsatz in solchen Momenten lautet: „Sie fahren immer noch auf der schnellsten Route!“.

Bitte ich Dich, dennoch nach Alternativen zu suchen, versicherst Du mir, dass dies unnötig sei, da Du dies ohnehin ständig tun würdest – und findest dann auf doch eine 30 Minuten schnellere Alternative zum Zwölf-Kilometer-Stau zwischen Stuttgart Flughafen und Kirchheim Teck (West). Das gilt zumindest für den Moment. Fünf Minuten später willst Du mir nämlich erzählen, dass sich besagter Stau soeben in Luft aufgelöst hat, und ich daher dringend wenden und wieder auf die Autobahn auffahren sollte.

Du bist gut darin, mich erst mit dem Versprechen völlig freier Fahrt von allen möglichen Alternativrouten fern zu halten, bevor Du mir unmittelbar hinter der Ausfahrt Aichelberg eröffnest: Neue Ankunftszeit etwa 70 Minuten später – stockender Verkehr zwischen Aichelberg und Mühlhausen.

Manchmal wundert es mich direkt, dass Du eine solche Ansage nicht mit diabolischem Lachen untermalst. Aber vermutlich kostet ein solches Soundfile extra.

Es ist nicht so, als würde ich nur auf Dich hören. Nachdem ich ein paar Mal auf Deine seltsamen Späße reingefallen bin, liebes Tom-Tom, höre ich um so aufmerksamer den Verkehrsfunk im Radio – ganz wie früher, als ich noch ohne Navi unterwegs war. Nur scheint die Stauschau im Radio inzwischen an manchen Tagen mindestens so sprunghaft wie Du. Staumeldungen von zehn und mehr Kilometern kommen aus dem Nichts – und verschwinden genauso schnell wieder dorthin. Zumindest theoretisch. Praktisch steht man ja weiter mitten drin, im Stau. Beruhigend dann Dein Satz, liebes Navi: „Sie fahren immer noch auf der schnellsten Route!“

In diesem Sinne, warum sollten Navis nicht lügen?