Desillussionierend Gedankenwelten Webwelten

Lies mich lieber nicht

Wir sollten wieder öfter bloggen. Mit wir meine ich mich, Dich und all die anderen Blogger da draußen. Das heißt, eigentlich nicht alle. Wenn ich ehrlich bin, meine ich sogar eine ganze Menge Blogger nicht. Dummerweise sind das ausgerechnet diejenigen, die sich meinen Rat zu Herzen genommen haben, noch bevor ich ihn überhaupt aufgeschrieben habe. Die Folge sind unzählige langweilige und oft bezahlte Posts während gleichzeitig viele der Blogs, die ich früher einmal gerne gelesen habe, schon seit Jahren nicht mehr mit neuen Inhalten befüllt werden.

Inzwischen ist es ziemlich genau elf Jahre her, dass ich mit Felix-Welt begonnen habe. Damals gab es zwar schon einige professionell geführte Blogs, die Mehrheit der Blogger, und dazu zähle ich auch mich, schrieb vor allem um des Schreibens willen. Wir hatten Spaß daran, uns der Welt mitzuteilen, auch wenn die Welt davon meist herzlich wenig mitbekam. Gelesen wurden wir von Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten und oft nicht einmal von denen. Schließlich schrieb es sich um einiges freier, wenn gerade die nicht wussten, was man so im Internet trieb.

Daran, mit dem Blog Geld zu verdienen, dachte wohl kaum jemand. Auch schrieb noch kein Neunjähriger als Berufswunsch “Influencer” ins Freunde-Buch (gab es damals eigentlich noch Freunde-Bücher?).

Blogger waren Amateure. Viele schrieben auf, was ihnen durch den Kopf ging oder was ihnen den Tag über passiert war. Das Blog als erweitertes Tagebuch, sozusagen. Manche beschäftigten sich auch mit bestimmten Themen, schrieben zum Beispiel über ihr Hobby. Geschrieben wurde aus Spaß, und war einem der Blogger oder die Bloggerin sympathisch, machte es auch Spaß, das zu lesen.

Schaue ich mir dagegen Blogs heute an, scheint der Eindruck von Spaß das letzte zu sein, was hier erweckt werden soll. Im Gegenteil: Viele Blogger geben sich große Mühe immer wieder zu demonstrieren, dass ihr Blog harte Arbeit und eben kein Spaß ist. Da werden vollgeschriebene Kalender mit Posting-Zeitplänen gezeigt, überquellende Postfächer mit Kooperationsanfragen beklagt und – kein Witz – feste Bürozeiten terminiert. Mich erinnert das dann immer an mich als kleinen Jungen, der “Büro” oder “Arbeit” spielt. Aber das stimmt natürlich nicht. Für die Blogger ist das absolut ernst. Wie gesagt: bloß nicht den Eindruck von Spaß erwecken.

Ich kann das schon verstehen. Es ist schön, wenn jemand sein Hobby zum Beruf machen kann. Das gilt im Grunde genommen sogar dann, wenn das Bloggen vorher eigentlich gar kein Hobby war, sondern von Anfang an Teil einer Influencer-Strategie ist.

Andererseits macht es mir leider so immer weniger Spaß, fremde Blogs zu lesen. Selbst persönlich klingende Posting-Überschriften dienen am Ende oft nur noch dazu, ein Produkt zu verkaufen. “Die schönste Nacht meines Lebens – und warum sie mit Nivea Handcreme noch schöner war.” Doch selbst wenn der so erzeugte Inhalt authentisch ist, bleibt zumindest bei mir am Ende der schale Geschmack, dass sich hier jemand für Geld ausgezogen eingecremt hat.

Ich wünsche mir wieder mehr Blogs, die nicht aalglatt und perfekt durchgeplant daher kommen. Die von Menschen betrieben werden, die einfach nur Spaß am Schreiben haben und denen es egal ist, ob ihre Überschrift SEO-optimiert und die Fotos instagram-kompatibel daherkommen. Ich wünsche mir mehr Texte, die einfach so runtergeschrieben und nicht wochenlang geplant werden. Dumm nur, dass vermutlich kaum jemand von diesen Wünschen lesen wird. Ich hätte eben doch Influencer werden sollen …

In diesem Sinne, Gruß an das Internet und so!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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