Gedankenwelten Mitmenschen

Zwei Fragen oder: Wofür gebe ich eigentlich Geld aus?

Wann habt Ihr das letzte Mal richtig Geld ausgegeben? Geld, bei dem Ihr am Ende vielleicht sogar ein bisschen ein schlechtes Gewissen hattet, dass Ihr es ausgegeben habt. Was hat Euch dazu bewogen, es trotzdem zu tun?

Kürzlich habe ich mich mit einem Freund unterhalten. Dessen Ziel ist es, mit 50 so viel gespart zu haben, dass er nicht mehr arbeiten muss, sondern sich aussuchen kann, womit er seine Zeit verbringen möchte. Menschen wie ihn gibt es gar nicht so wenige. Man stößt auf sie – wo denn auch sonst – vor allem im Internet. Spätestens wenn man beginnt, sich mit Anlagestrategien und selbst organisierter Altersvorsorge zu beschäftigen, kommt man eigentlich gar nicht an ihnen vorbei.

Viele von ihnen sind noch keine 30 Jahre alt und extrem sparsam. Wie sparsam genau, kann man sogar in Zahlen ausdrücken. In der Sparquote. Gemeint ist der Anteil ihres Nettogehalts, den sie monatlich aufs Sparbuch einzahlen können. Wobei das natürlich die falsche Formulierung ist, denn ein gemeines Sparbuch würden diese Menschen natürlich niemals für die Geldanlage nutzen. Keine Rendite, nicht einmal ein Inflationsausgleich und so.

Über ihre Sparquote diskutieren diese Menschen sehr gerne. Verfolgt man die Diskussionen im Netz, drängt sich sogar der Verdacht auf, dass sie über nichts lieber sprechen. Frei nach dem Motto: Wenn Du glaubst, Deiner ist der Größte, dann hast Du meinen noch nicht gesehen! (Ups, gemeint ist natürlich „Deine“ und „meine“, nicht „Deiner“ und „meiner“ …). Wer am meisten spart und am wenigsten ausgibt, ist der King.

Führe ich mir das Ziel vor Augen, dass diese Menschen mit dieser Strategie verfolgen, klingt das sogar ganz reizvoll. Die meisten von ihnen wollen nicht mit 50 aufhören zu arbeiten, sondern im Idealfall schon mit 45 oder mit 40 Jahren. Ab diesem Zeitpunkt möchten sie vollständig selbstbestimmt leben, nur noch die Projekte verfolgen, die ihnen Spaß machen und nur noch die Dinge tun, auf die sie Lust haben.

Wenig reizvoll finde ich den Weg dahin. Verschwenden diese Menschen hier nicht die womöglich beste Zeit ihres Lebens? Mal ganz abgesehen davon, dass niemand ihnen garantieren kann, dass sie überhaupt so alt werden, wie sie geplant haben.

Ich muss dabei an eine Geschichte denken, die ich einmal irgendwo gelesen habe, und die geht etwa so:

Ein Mann schenkt seiner Frau ein wunderschönes Kleid. Die Frau ist ganz verzückt und kann sich gar nicht satt sehen an dem Kleid. Als ihr Mann sie allerdings auffordert, es doch einmal anzuziehen, weist sie den Vorschlag erschrocken zurück.

 

Das gehe doch nicht, das Kleid sei viel zu schön für einen so normalen Tag wie heute. Heute könne sie es unmöglich anziehen. Was, wenn es kaputt gehe oder sie es schmutzig mache. Ein so schönes Kleid, das müsse man schonen und aufheben für einen ganz besonderen Anlass.

 

Das geht ein paar Jahre lang so. Immer, wenn der Mann die Frau auffordert, das schöne Kleid anzuziehen, weist die Frau den Vorschlag zurück. Sie wolle auf den richtigen Moment warten. Bis dahin schone sie das Kleid lieber.

 

Es dauert 20 Jahre, bis der Mann seine Frau dann doch endlich in dem wunderschönen Kleid sieht. Da hat sie es sich allerdings nicht selbst angezogen. Ein Bestatter hat das getan. Die Frau ist gestorben, ohne das sie das Kleid auch nur einmal lebend getragen zu haben.

Ich denke oft an die Geschichte, besonders dann, wenn ich mich dabei erwische, ähnlich zu denken wie die Frau. Oder wenn ich merke, dass ich etwas unbedingt haben oder tun möchte, es mir etwas zwar leisten kann, aber irgendwie das Gefühl habe, dass das Geld doch zu schade ist.

Allerdings tue ich das mit großer Vorsicht. Konsequent umgesetzt heißt die Lehre aus der Geschichte ja: schone nichts, spar nichts für später! Wer das ohne Wenn und Aber umsetzt, bekommt irgendwann ein Problem. Andererseits möchte ich auch nicht enden wie die Frau – mit einem vollen Konto und einem intakten Kleid zwar, aber eben tot.

Um zu entscheiden, wofür ich Geld ausgeben möchte, habe ich mir daher irgendwann zwei Fragen überlegt. Wenn ich sie beantwortet habe, ist die Entscheidung fast immer klar:

  1. Wie oft und wie intensiv nutze ich das, wofür ich Geld ausgebe?
  2. Wie viel Freude habe ich daran, wie sehr bereichert es mein Leben?

Die Fragen sind zwar eher auf Sachen gemünzt, sie funktionieren aber auch bei immateriellen Dingen. Deshalb habe ich zum Beispiel fast nie ein Problem damit, Geld für Reisen auszugeben. Eine Reise, und damit meine ich jetzt weniger die Woche Pauschalurlaub auf Mallorca, sondern alles, was ein bisschen darüber hinaus geht, bereichert mein Leben eigentlich immer. Um das zu wissen, muss ich mir nur vor Augen führen, wie oft ich noch heute an die Rucksack-Weltreise zurückdenke, die ich vor inzwischen fast 15 Jahren gemacht habe. Oder an die beiden großartigen USA-Roadtrips vor einem und vor drei Jahren. Diese Erinnerungen waren jeden Cent wert, den ich für sie investieren musste.

Auch mit Geld für Bücher habe ich fast nie ein Problem. Ein gutes Buch ist wie eine Reise. Es entführt in neue Welten und eröffnet ungeahnte Horizonte. Und das zu einem Preis, der meistens unter dem eines einfachen Restaurantbesuchs liegt.

Teilweise überraschende Ergebnisse bekomme ich oft bei der Beantwortung der ersten Frage. Als ich mir zum Beispiel vor einigen Jahren eine neue Brille ausgesucht habe, habe ich einen Moment geschluckt, als ich den Preis gesehen habe. Das war doch mehr, als ich geplant hatte. Andererseits, rechnete ich mir selbst vor, trage ich diese Brille ungefähr 17 Stunden jeden Tag. Sie bestimmt wie ich aussehe und das vermutlich über mehrere Jahre lang. Plötzlich war die teure Brille gar nicht mehr so teuer.

Entscheidend bei der Beantwortung der Fragen ist, dass man ehrlich zu sich selbst ist. Natürlich kann ich mir vorlügen, dass ich dieses oder jene technische Gadget mir wahnsinnig viel Freude bereiten wird. Aber wie nachhaltig ist diese Freude? Selbstverständlich kann ich mir selbst glaubhaft versichern, dass ich dieses oder jenes Teil künftig mindestens einmal am Tag in die Hand nehmen und intensiv nutzen werde – aber stimmt das auch wirklich?

Als ich mich mit besagtem Freund über das Thema unterhielt, erklärte er mir, dass er zwar viel spart, um sein Ziel zu erreichen, er aber niemals an Erlebnissen sparen will. Die könne ihm schließlich niemand mehr nehmen. Anders sei es zum Beispiel beim Thema Auto: „Ich glaube ich werde mir in meinem Leben kein teures Auto kaufen“, betonte er. Das bringt es ganz gut auf den Punkt, finde ich. Wenig verliert so schnell an Wert wie ein neues, teures Auto. Da braucht es schon viel Freude oder einen sehr, sehr intensiven Nutzen, um das zu begründen.

In diesem Sinne, gute Fahrt und so!

 

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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