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Über Pläne und wie man sie verwirft

Das war so nicht geplant. Das hätte so eigentlich auch nicht sein dürfen. Zumindest nicht, wenn man nach dem geht, was im Reiseführer steht. Der warnt zwar davor, dass der Tioga Pass spätestens ab Mitte November, manchmal sogar schon ab Mitte Oktober, wegen Schnee gesperrt sein könnte. Von September war allerdings nirgendwo die Rede. Dass stimmte, was auf den Schildern stand, glaubten wir daher erst, als wir tatsächlich vor der gesperrten Passeinfahrt standen.

Der Tioga Pass ist mit etwas über 3000 Metern über dem Meeresspiegel der höchste Pass Kaliforniens. Außerdem ist er ein Nadelöhr: Von Osten kommend ist er die einzige direkte Ost-West-Verbindung über die Sierra Nevada hinein in das Yosemite Valley und den gleichnamigen Nationalpark. Ist er gesperrt, kann man zwar alternativ einen der weiter nördliche gelegenen Pässe nutzen (sofern diese noch befahrbar sind). Der Umweg wird dann allerdings schnell so groß, dass es kaum sinnvoll ist, am gleichen Tag auch noch weiter in den Park zu fahren, sofern man dort nicht ohnehin zu übernachten geplant hat.

Uns war spätestens nach dem zweiten, ebenfalls gesperrten Pass, dem etwas niedriger über die Berge führenden Highway 108, klar: Yosemite können wir dieses mal wohl knicken. Zudem bekamen wir relativ schnell mit, wieso die Pässe gesperrt worden waren. Je höher wir auf der Suche nach einer weiteren Alternativroute kamen, desto stärker wurde das Schneegestöber um uns herum. Völlig surreal fühlte sich das an, nachdem wir erst am Vortag bei glühender Hitze das Death Valley durchquert hatten. Das Fahren machte es auch nicht leichter. Wer im Sommer an der kalifornischen Westküste ein Auto mietet, denkt nicht unbedingt über Winterreifen nach.

Trotzdem machte es Spaß. Schon ganz zu Beginn der Reise hatten wir die vorher grob anvisierte Reiseroute über den Haufen geworfen und waren von Los Angeles direkt nach San Diego gereist, statt erstmal ins Landesinnere zu steuern. Spontan hatten wir als ersten Nationalpark Joshua Tree besucht, statt direkt in Richtung Las Vegas zu fahren. Wir hatten einen großzügigen Abstecher durch den Anza-Borrego Desert State Park und rund um den Salton Sea gemacht und uns später entschieden, San Francisco entgegen unserem ursprünglichen Plan doch noch einen zweiten Besuch abzustatten.

Ich liebe es, vor einer Reise wochenlang in Reiseführern zu blättern und mir zu überlegen, was ich mir alles angucken möchte. Stunden kann ich damit täglich zubringen. Spätestens aber, wenn ich nach der Ankunft am ersten Reiseziel den Koffer (oder Rucksack) vom Gepäckband hebe, ist all das hinfällig.

Reisen heißt für mich, zu improvisieren. So zumindest mein Idealtyp einer gelungenen Reise. Das bedeutet nicht, dass ich automatisch jeden vorher gefassten Plan über Bord werfen muss. Allerdings achte ich penibel darauf, möglichst nur solche Pläne zu machen, bei denen eben das zumindest theoretisch möglich wäre.

Für mich ist das eigentlich sehr untypisch. Im normalen Leben bilde ich mir etwas darauf ein, zuverlässig zu sein. Nehme ich mir etwas vor, ziehe ich es durch. Gebe ich mein Wort, stehe ich dazu. Stelle ich fest, dass andere Menschen das nicht ganz so eng sehen wie ich, bringt mich das regelmäßig durcheinander.

Ich habe einmal gelesen, wenn man sich im Urlaub erholen möchte, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass man möglichst bewegungslos am Strand liegen muss. Erholung stellt sich vielmehr dann ein, wenn man einen sinnvollen Ausgleich zum Alltag schafft. Wer im normalen Leben nicht dazu kommt, sich regelmäßig zu bewegen, sollte vielleicht gerade im Urlaub aktiv sein. Wer im Berufsleben andauernd vorausplant und mit dem Kopf schon mindestens einen Monat in der Zukunft lebt, sollte sich gerade im Urlaub mehr auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Letzteres gilt, zumindest ein bisschen, für mich.

Das ist einer der Gründe, warum mir die beiden USA-Reisen von I. und mir so gut gefallen haben. Geplant haben wir immer nur für maximal zwei Tage im Voraus. Das nächste Reiseziel haben wir meist am Abend vorher festgelegt und dann ein entsprechendes Motel gebucht, manchmal auch erst am Tag selbst nach dem Frühstück. Waren wir unterwegs, hatten wir alles, was wir brauchten, hinter uns im Kofferraum. Wir haben uns so frei gefühlt, dass es fast weh getan hat.

Ein Gefühl, dass ich das erste Mal auf einer meiner frühen Mini-Backpackertouren vor gut 15 Jahren empfunden habe. Ich weiß noch genau, wie ich damals aus dem Hostel in Barcelona ausgecheckt bin, um zum Flughafen zu fahren. Den Rucksack auf dem Rücken stand ich auf der Straße vor dem Hostel und dachte: eigentlich möchte ich jetzt gar nicht zurück nach Hause fliegen! Ich habe doch alles bei mir, was ich brauche. Die Welt gehört mir, wenn ich nur will. Seit diesem Moment suche ich genau dieses Gefühl. Nicht in jedem Urlaub, aber immer mal wieder.

In diesem Sinne, gute Reise Euch allen!

PS: Bilder und Texte zu den beiden USA-Reisen gibt es hier gesammelt.

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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