Zeitreisen

Lesereise

Als ich noch ein Kind war, begann jeder Urlaub mit einer genau zwei Kilometer langen Autofahrt. So weit war es vom Haus meiner Eltern zur nächstgelegenen Stadtteilbibliothek. Bevor meine Eltern auch nur daran dachten, den ersten Koffer ins Auto zu laden, ging es in die Bücherei. Immer, ohne Ausnahme. Dabei spielte es keine Rolle, ob wir für ein paar Tage eine Ferienwohnung in Holland gemietet hatten, oder ob es mit dem Wohnwagen für mehrere Wochen nach Österreich, Frankreich oder an die Nordsee gehen sollte. Eine Reise ohne Bücher war für meine Eltern schlicht nicht denkbar.

Auch für mich war die Fahrt in die Bücherei schnell so etwas wie ein festes Ritual: ganz egal, wann die Schulferien begonnen hatten, Urlaub war erst, wenn ich in der Bibliothek gewesen war. Meist fuhr ich mit meinem Vater hin, weil dessen Buchgeschmack näher an meinem war als der meiner Mutter. Die meisten der Bücher, die er las, waren so viel interessanter als die Jugendbücher in der gleichnamigen Sektion der Bibliothek. Empfahl mein Vater ein Buch, konnte ich es eigentlich ungesehen mitnehmen – es würde mir auf jeden Fall gefallen. Das gilt übrigens bis heute.

In der Bücherei kannte man uns. Wir seien die einzige Familie im Bibliotheks-Register, die tatsächlich noch vier individuelle Leih-Ausweise besäße, erzählte mir die Bibliothekarin irgendwann. Die meisten anderen Familien würden sich einen Ausweis teilen, sagte sie. Bei uns war das schon aufgrund der unterschiedlichen Lese-Tempi unmöglich. Mein Vater las viel schneller als meine Mutter und fuhr entsprechend häufiger zum Büchertausch in die Bücherei. Spätestens nach zwei Leihzyklen würde heilloses Durcheinander herrschen.

Natürlich bestanden die Urlaube meiner Familie nicht nur aus Büchern. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie ich mit einem Gleitschirm unfreiwillig die Schifffahrt auf dem Wörthersee zum Erliegen brachte. Mit meinem Vater habe ich mit sieben oder acht Jahren meinen ersten Zweitausender erwandert und in einer Hütte auf dem Gipfel übernachtet. Ein Urlaub, an den ich noch heute gerne zurückdenke. Regelmäßig ging es zudem mit dem Fahrrad oder dem Auto vom Urlaubsort aus zu den nächstgelegenen Ortschaften – oder auch bis über die Grenze nach Jugoslawien, das damals noch als Staat existierte. “Jetzt hast Du in diesem Urlaub noch ein weiteres Land besucht”, erklärte mein Vater feierlich, nachdem wir die Grenze überquert hatten.

Trotzdem nahm das Lesen insbesondere während der Campingurlaube immer eine große Rolle ein. Meine Eltern konnten stundenlang auf ihren Klappstühlen vor dem Wohnwagen sitzen und in ihren Büchern versinken. Zu verstehen begann ich das, als ich mit neun Jahren Oliver Hassencamps Schreckenstein-Bücher entdeckte. Plötzlich konnte ich es gar nicht mehr abwarten, endlich die Grundschule hinter mir zu lassen und auf Gymnasium zu kommen, das ich mir irgendwie wie Hassencamps fiktives Internat “Schreckenstein” vorstellte.

Und heute? Einen Urlaub ohne Buch kann ich mir noch immer nicht vorstellen. Wobei das nicht zwangsläufig auf Papier gedruckt sein muss. Selbst wenn ich nur für eine Nacht verreise, würde ich dies eigentlich nie ohne meinen Kindle tun. Trotzdem fehlt mir manchmal der obligatorische Bibliotheksbesuch mit meinem Vater. Die besten Buchempfehlungen bekomme ich nämlich bis heute von ihm.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Lesen und Verreisen und so!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.