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Joshua Tree

Wir lagen falsch. Als wir 2015 überlegten, welche Nationalparks wir im Westen der USA besuchen wollten, stand Joshua Tree ganz unten auf der Liste. Wenn wir es schaffen, gut, wenn nicht, auch gut. Wir schafften es nicht. Als wir am Ende des Trips von Casa Grande bei Phoenix in Richtung Küste fuhren, wollten wir lieber möglichst schnell ans Meer kommen und ließen den Parks links (eigentlich rechts, wir kamen ja von Osten) liegen. Wir wussten ja nicht, was wir verpassen.

In diesem Jahr machten wir es besser. Da das Wetter in San Diego ohnehin mäßig war und wohl auch die nächsten Tage bleiben würde, fuhren wir schon nach einer Übernachtung ins Landesinnere. Joshua Tree lag hier quasi auf dem Weg – auch wenn wir uns einen Umweg rund um den Salton Lake gönnten, den größten und wohl auch totesten See Kaliforniens. Trotzdem eine faszinierende Landschaft. Einst ein florierendes Urlaubsgebiet, heute rosten in Orten wie „Bombay Beach“ oder „North Shore“ Autowracks vor sich hin und man kann Ratespiele veranstalten, in welchem der heruntergekommenen Häuser noch jemand wohnt und in welchem nicht.

Den Joshua Tree Nationalpark erreichten wir von Süden. Von Mecca aus, ein Ort, der rein optisch so gar nichts mit seinem arabischen Namensvetter zu tun hat, ging es auf einer staubigen Piste nach Norden. Meilenweit schienen wir das einzige Fahrzeug zu sein, das in dieser Einöde unterwegs war. Zeitweise fragten wir uns, ob wir überhaupt noch auf dem richtigen Weg beziehungsweise überhaupt auf einem Weg waren. Keine Schilder, nur Felsen und karge Vegetation. Müsste der Nationalpark nicht wenigstens ausgeschildert sein?

Nach etwa einer Stunde erreichten wir ein Besucherzentrum. Also waren wir doch richtig. Auch wenn den Nationalpark rund eine Millionen Besucher im Jahr besuchen, ist die Infrastruktur nur mäßig ausgebaut. Anders als in anderen Nationalparks gibt es keine Motels und nur ein paar wenige, eher rudimentär ausgestattete Campingplätze, meist nicht einmal mit fließend Wasser. Es gibt nur eine Handvoll Straßen, die durch den Park führen. Die Parkplätze, die in anderen Nationalparks an offensichtlichen touristischen Highlights liegen, scheinen hier wie zufällig in die Landschaft geworfen.

Doch das täuscht. Der Joshua Tree Nationalpark bildet den Übergang zwischen der Colorado Wüste im Süden und der höher liegenden Mojave Wüste im Norden. Neben den namensgebenden Joshua Trees, die vor allem im Norden des Parks wachsen, gibt es eine überraschend vielfältige Vegetation aus unterschiedlichen, zumeist stacheligen Pflanzen (einige davon ausgesprochen hart – I.s Schuhsohlen können ein Lied davon singen). Dazu kommen Felslandschaften mit bis zu 70 Meter hohen Granitbrocken, die wie riesige Kieselsteine verteilt am Straßenrand liegen und der Hauptgrund sind, wieso der Joshua Tree Nationalpark auch bei Kletterern sehr beliebt ist.

Am besten gefallen hat mir allerdings die Weite, die hier das erste Mal auf diesem Trip wieder so richtig zu spüren war. Es dauert oft keine halbe Stunde, bis aus den zehn-, zwölf-, oder 14-spurigen Highways in Städten wie Los Angeles oder San Francisco einsame Landstraßen werden, die mit einer je Spur pro Richtung meilenweit einfach geradeaus führen. Das ist es, was ich an den letzten beiden Roadtrips durch die USA so zu schätzen gelernt habe. Während man in Deutschland selbst in den dünner besiedelten Gegenden kaum 30 Minuten fahren kann, ehe man nicht auf irgendeine Form von Zivilisation stößt, spürt man in den USA auch heute noch ganz gut, wieso im 19. Jahrhundert vom „Wilden“ Westen die Rede war.

In diesem Sinne – alle Beiträge aus den beiden Urlaub gibt es hier gesammelt!

Autor

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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