Desillussionierend Frauen

Karierter Rock

Hinter welcher Tür ist die Toilette? Wir hatten versucht, leise zu sein, als wir gestern Nacht durch den WG-Flur in ihr Zimmer gestolpert sind. “Und da ist das Bad” hatte sie geflüstert, und ich hatte mir nichts weiter dabei gedacht.

Dummerweise waren im selben Satz auch Marie und Klaus vorgekommen, ihre beiden Mitbewohner. Deren Zimmer gingen ebenfalls von dem Flur ab, genau wie das Badezimmer, das ich jetzt so dringend brauchte. Ärgerlich, dass es mir partout nicht gelingen wollte, mich zu erinnern, in welchem Zimmer das gewesen war.

Es muss etwa acht Uhr sein. Früh für jemanden, der erst um kurz vor fünf ins Bett gegangen ist. Früh insbesondere dann, wenn es nicht das eigene Bett war. Ich merke die Schnäpse, die wir am Ende des Abends getrunken haben, und zwar mehr in der Blase als im Kopf. War da schon klar gewesen, dass ich nicht zu mir nach Hause gehen würde?

Der Boden unter meinen Füßen fühlt sich kalt an. Ich versuche den vergangenen Abend zu rekonstruieren. Hübsch hat sie ausgesehen, in dem karierten Rock. Noch hübscher war sie allerdings gewesen, als sie den Rock ausgezogen hatte. Von den ersten Worten, die wir auf dieser Party gewechselt hatten, bis zum gemeinsamen Weg durch ihr Treppenhaus – als war so herrlich unkompliziert gewesen. Als wäre ein anderes Ende dieses Abends nicht einmal denkbar gewesen.

Ich probiere die erste Tür. Sie sieht aus wie die anderen Türen auch. Einzig die Küchentür ist anders. Sie hat ein gläsernes Fenster, auf das jemand von der anderen Seite ein Pulp Fiction Poster geklebt hat. Es zeigt John Travolta und Samuel L. Jackson als Berufskiller und hängt in jeder zweiten Wohngemeinschaft – gefühlt zumindest.

Dass es auch hier heimisch ist weiß ich, weil ich es gesehen hab, als die Frau mit dem karierten Rock vorm zu Bett gehen noch eine Flasche Wasser aus der Küche geholt hat. Die Stiefel hatte sie da schon ausgezogen gehabt. Ich dagegen hatte mich bei dem Gedanken erwischt, mich umzudrehen und nach Hause zu gehen. Ein komischer Impuls und ein sehr kurzer noch dazu. Trotzdem erinnere ich mich daran.

Vielleicht werde ich alt, überlege ich. Es war von Anfang an klar, dass die Frau mit dem karierten Rock und ich nur diese eine Nacht miteinander teilen würden. Keine Verpflichtungen, das war uns beiden wichtig gewesen. Vielleicht wünsche ich mir aber genau das, denke ich, Verpflichtungen. Mit der Hand taste ich an der Wand hinter der ersten Tür nach einem Lichtschalter. Es ist tatsächlich das Badezimmer, stelle ich erleichtert fest. Aber glücklich bin ich nicht.

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

5 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Alt wirste erst, wenn Du überlegst, ob es das BMW-Gespann oder doch der Alteisenplunder aus Milwaukee werden soll, der auf den Namen Harley Davidson hört ;-)

    Das andere macht doch jeder mal durch, regelmäßig, wenns sein muss…

    So hit the road, Jack!

  2. Mit dem Ruhm ist das so eine Sache – normalerweise sorge ich schon dafür, dass das mit dem Wiedererkennen hier nicht so einfach ist.

    Trotzdem lohnt es manchmal, den einen oder anderen Satz zwei Mal zu lesen …

  3. So, sie trug also garkeinen karierten Rock? Oder war das Poster in der Küche eins mit “Natural born killers”? ;-)

    Mir ist grad wieder eine Frage durch den Kopf geschossen: Woher wissen eigentlich Männer immer schon vorher, dass es nur was für eine Nacht wird? Oder wusstest du es erst hinterher und dachtest, du hättest es vorher gedacht?

    Felix, wann isn dein Geburtstag? Für den 30. gilt: VORHER noch eine wilde Nacht verleben. Dann gehts nämlich nach der 30 so weiter. So: some hot stuff, baby, tonight!
    ;-)

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