Tresenweisheiten

Ich Opfer! Wie ich erst auf Moleskine und dann auf Midori reingefallen bin

Vorsicht, wenn Ihr jetzt weiter lest, könnte das teuer werden. Zumindest, wenn Ihr auch Spaß an so etwas habt: Schreiben mit der Hand, Dinge in Notizbüchern notieren, vielleicht sogar mit Füller. Ich selbst tue das schon seit vielen Jahren und fühle mich dabei manchmal wie eine gespaltene Persönlichkeit.

Einerseits spreche ich regelmäßig mit Alexa, lese Bücher am liebsten auf dem Kindle, schaufle meine Daten wahlweise aufs NAS im Heimnetzwerk oder in die Cloud und würde ohne die Erinnerungsfunktion meines Smartphones wohl (beinahe) jeden Geburtstag vergessen. Ich habe einfach Spaß daran, solche Dinge auszuprobieren und technische Hilfsmittel in meinen Alltag zu integrieren. Andererseits bin ich ein leidenschaftlicher Fan von wertigen Schreibutensilien und liebe es, mit einem Notizbuch aus Papier irgendwo an einem Ecktisch in der Kneipe oder im Café zu sitzen und vor mich hin zu schreiben.

Die Art der Notizbücher hat sich über die Jahre immer mal wieder verändert. Ganz früher waren es eher preiswerte Heftchen, wie sie auch zum Beispiel für die Schule benutzt wurden. Papierqualität oder Umschlag waren mir eigentlich relativ egal.

Dann, es muss so vor 15 Jahren gewesen sein, wurde ich vom Moleskine-Trend eingefangen. Die gleichnamige italienische Firma hatte es Ende der 1990er geschafft, die breite Masse und irgendwann auch mich für edle Notizbücher zu begeistern. Frei nach dem Motto: nimm ein Allerweltsprodukt, gib ihm ein schlichtes, aber markantes Design und vor allem: verknüpfe das Ganze mit einer guten Geschichte, schon kannst Du auf den eigentlichen Verkaufspreis locker 100 Prozent aufschlagen.

Moleskine steht dabei für die französische Variante des englischen Wortes für Maulwurfshaut und bezeichnet eigentlich einen beschichteten Baumwollstoff wie er früher für die Herstellung von Schulranzen verwendet wurde – oder eben zum Binden von Notizbüchern. Diese Bücher waren Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ein Allerweltsprodukt und wurden von vielen Herstellern produziert. Die Neuauflage aus Italien hat mit den damaligen Heften daher auch nur bedingt etwas zu tun. Trotzdem wird man bei Moleskine nicht müde, auf Autoren wie Bruce Chatwin und Ernest Hemingway als passionierte Moleskine-Nutzer zu verweisen.

Tatsächlich erwähnt Chatwin die schwarz eingebundenen Bücher in seinem Buch „Traumpfade“ einmal, dann verliert sich aber auch schon die Spur.

Doch was soll ich sagen? Sie hatten mich. Es machte tatsächlich mehr Spaß, seine Gedanken in einem Moleskine zu verewigen, als in einem No-Name-Produkt aus dem Kaufhof. Dazu kam, dass die Bücher tatsächlich haltbarer und stabiler waren als die einfachen Hefte, die ich bislang benutzt hatte. Die Linierung gefiel mir besser (randlos! schmal!) und ich mochte Feinheiten wie das Gummiband, mit dem die Bücher verschlossen wurden, und die Tasche im Umschlag. Außerdem hoffte natürlich auch ich im Stillen, dass das, was ich da vor mich hinschreibe, zumindest hin und wieder ein bisschen an einen Hemingway ranreichen könnte oder irgendwann ranreichen wird.

Über die Jahre sprangen diverse anderen Hersteller auf den Moleskine-Zug auf. Plötzlich gab es edle und weniger edle Notizbücher nach Moleskine-Art in jedem Schreibwarengeschäft und in jeder Buchhandlung. Auch ich habe immer mal wieder Alternativen ausprobiert. Bis heute gut gefallen mir zum Beispiel die Notizbücher von Rhodia aus dem Hause Clairefontaine. Auch in den Schreibwarengeschäften in London und an Flughäfen habe ich immer wieder Treffer landen können, auch wenn ich mich nicht an alle Marken erinnere.

Eine weitere mögliche Alternative habe ich nun eher zufällig entdeckt. Ähnlich wie bei Moleskine bin ich auch hier einige Jahre zu spät und wundere mich jetzt, wie groß die Community dahinter schon zu sein scheint, wenn man erstmal die richtigen Suchbegriffe gefunden hat. Ursprünglich gesucht hatte ich nach „Notizbuch“ und „Leder“ – inspiriert von dem Gral-Tagebuch, dass Indiana Jones Vater (Großartig gespielt von Sean Connery) im dritten Indiana Jones-Film an seinen Sohn schickt. Gefunden habe ich Midori (heute eigentlich: traveler’s company) einen japanischen Hersteller, der eine Art Filofax-System ohne Ringheftung, dafür mit um so mehr edlem Flair  vertreibt. Auch hier greift offenbar das Moleskine-Prinzip – vergleichsweise einfaches Produkt, aber zum exklusiven Preis verkauft und mit passender Geschichte umworben.

Das System ist schnell erklärt: man nehme eine Lederhülle und befestige daran zwei Gummibänder. Eines dient dazu, eines oder mehrere Mini-Notizbücher in der Hülle festzuhalten. Mit dem anderen kann man das so entstandene ledergebundene Notizbuch verschließen. Der Clou: Midori verdient nicht nur daran, die Lederhüllen für circa 50 Euro pro Stück zu verkaufen, sondern auch am Vertrieb einer breiten Palette unterschiedlicher Füllungen in einem eigenen (nicht DIN-kompatiblen) Format sowie diversen weiteren Zubehörteilen, die dann wieder von einer (vornehmlich weiblichen) Kundschaft aufwendig verziert und beklebt und anschließend über Pinterest oder Youtube präsentiert und so weiter beworben werden.

Auch hier sind inzwischen weitere Hersteller auf den Zug aufgesprungen. In Deutschland kommen die wohl derzeit günstigsten und zugleich qualitativ vergleichbarsten Midori-Alternativen, zumindest soweit ich es beurteilen kann, von ZLYC und von Wanderings – von ersterer habe ich mir die sogenannte Passport-Version gekauft, die etwa reisepassgroß und damit etwas kleiner als A6 ist. Von letzterem besitze ich die reguläre, ungefähr 22×11 Zentimeter große Variante. Denn bei allem Marketing: die Leder-Büchlein sind tatsächlich äußerst praktisch, wenn man Notizbücher nutzt, wie ich sie nutze.

Zum Beispiel habe ich bisher immer das Problem, dass sich in meinen Notizbüchern kurzfristige Notizen mit Gedanken mischen, die ich gerne länger mit mir rumtragen und später noch einmal lesen würde. Ich fange Notizbücher daher gerne von vorne und von hinten an. Vorderer und hinterer Teil landen aber zusammen in der Schublade , wenn ich ein neues Buch anfange. Auch führe ich zwar meinen Kalender weitestgehend elektronisch, mag es aber, hin und wieder gewisse Zeiträume auf Papier zu visualisieren und zu planen, zum Beispiel die letzten Wochen vor einem Urlaub oder sonst einem anderen Ereignis. Schreibe ich so vor mich hin, mag ich liniertes Papier. Mache ich eine Liste oder eine kurze Notiz, ziehe ich Blanko-Papier vor. Auf Reisen sammle ich außerdem Erinnerungen wie Eintrittskarten oder ähnliches in meinen Notizbüchern.

Das Midori-System eignet sich in meinen Augen gut, um all diese Dinge unter einen Hut zu bekommen. So habe ich in meinem Unterwegs-Buch einerseits ein Blanko-Heft für Gedanken, Listen und was mir sonst so einfällt. Ein anderes, meist liniertes Buch dagegen nutze für das vor-mich-Hinschreiben, etwa wenn ich im Café sitze. Da das zweite Buch meist schneller vollgeschrieben ist, tausche ich es öfter, ohne deswegen gleich die Aufzeichnungen aus dem ersten Buch zu verlieren – es bleibt einfach in der Lederhülle stecken.

Je nach Bedarf kann ich außerdem ein Kalenderbüchlein dazu nehmen oder eine Zipper-Tasche, um im Urlaub Eintrittskarten oder sonstige Erinnerungsstücke zu sammeln. Freizeit-Gedanken kann ich von beruflichen Notizen trennen und für größere Themen bei Bedarf ein eigenes Buch starten und einfügen. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt – sieht man einmal vom Geldbeutel ab. Aber den ersetzen manche Zeitgenossen auch gleich durch ein passend eingeheftetes Gadget.

Wobei „eingeheftet“ natürlich nicht das richtige Wort ist – es wird ja eben nicht geheftet, sondern mit einem Gummiband befestig. Weswegen sich die Midori-Varianten eben nicht so nach Ablage und Arbeit, sondern mehr nach Boheme und Reiseschriftsteller anfühlen. Das ist natürlich reine Kopfsache, aber zumindest bei mir funktioniert es. Womit wir wieder beim Thema Legende und Marketing-Mythos wären. Aber deswegen ist ja nicht gleich alles schlecht, oder?

Wer sich für Original-Midori-Bücher und Zubehör interessiert, wird online übrigens am ehesten bei Luibian oder bei Heldbergs fündig. Die Kopien gibt es in großer Auswahl bei Amazon – einfach mal „Traveler’s Notebook“ suchen. Bezahlt für diesen Beitrag hat übrigens keiner der genannten Marken oder Shops, auch Produktproben gab es keine. Schade eigentlich. Aber ich hatte ja gleich geschrieben, dass es teuer werden könnte.

In diesem Sinne, was kommt wohl als nächstes?

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Kleiner Tipp: X17/X47 sind ähnlich wie Midori und direkt aus dem Saarland. Dort wurde ich zum Opfer. Oder aber Pedori Vienna (über Etsy) – am besten mal bei Pinterest eingeben. Und dann ganz schnell Geldbeutel/EC-Karten sperren lassen – sonst wirds teuer.

    1. Danke für den Tipp! Die X17 / X47 habe ich mir auch angeschaut, allerdings waren die mir schon wieder einen Tick zu ordentlich und die Auswahl an unterschiedlichen Varianten zu groß – an Midori und den Midori-Klonen mag ich gerade, dass sie sehr schlicht etwas urwüchsiger rüberkommen. Auch beim Befüllen habe ich das X-System zwar als ordentlicher, aber eben auch weniger flexibel empfunden. Daher habe ich mich letztlich für die Variante aus Japan bzw. die Kopie davon entschieden (die mir wiederum besser gefällt, weil das Zusammenhalte-Gummi nicht hinten, sondern an der Seite sitzt).

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