Bücherwelten Fremde Federn

Dazwischen, Friedhof und die wilden 80er – meine Leseliste

Ich mag Bücher. Immer schon. Vermutlich ein Kindheitstrauma. Stundenlang konnten meine Eltern früher im Urlaub vor dem Wohnwagen sitzen und ein Buch nach dem anderen lesen. Für mich als Kind war das OK. Bin ich eben im See schwimmen gegangen. Oder mit dem Fahrrad durch die Gegend gefahren. Oder ich habe selbst gelesen. Bücher gehören für mich seit jeher zum Urlaub dazu, ebenso wie der Bibliotheksbesuch vor jeder Reise eine Selbstverständlichkeit war.

Seit dem vergangenen Jahr schreibe ich mir außerdem wieder auf, was ich eigentlich gelesen habe. Ziel damals: wieder mehr Zeit für Bücher nehmen – frei nach dem Vorbild Marc Zuckerbergs, der sich zwei Jahre zuvor das Ziel gesteckt hatte, ein Buch pro Woche, one book a week, zu lesen. Das ist mir im vergangenen Jahr tatsächlich gelungen. Auch dieses Jahr hat, was das Lesen angeht, ganz gut angefangen. Hier wieder eine Auswahl:

Richard Ford, Between them. Remembering my parents

Vor gut zehn Jahren habe ich mein erstes Buch von Richard Ford gelesen: „The Lay of the Land“. Das Buch hat mir damals gut gefallen, auch wenn ich erst nicht so richtig sagen konnte, wieso eigentlich. Es ist weder spannend noch hat es auf den ersten Blick eine besonders tiefschürfende Geschichte. Das galt auch für die übrigen Ford-Bücher, die nach und nach folgten. Ford schreibt toll, aber unaufgeregt. Ihn zu lesen ist nicht anstrengend. Es ist eher wie ein sanftes Eintauchen, bei dem man nur langsam in immer tiefere Sphären vordringt. Wie tief man tatsächlich war, merkt man erst beim Auftauchen – und manchmal nicht einmal dann. Scheinbar ohne es zu wollen erzählen „The Lay of the Land“ (2006), „Independence Day“ (1995) oder „The Sportswriter“ (1986) sehr viel über die Vereinigten Staaten von Amerika und über die „Lage des Landes“ in dem Jahrzehnt, in denen Ford sie angesiedelt hat.

Das gilt auch für „Between them“, das vor allem in den 1930ern, 1940ern und 1950ern spielt. Anders als die oben genannten Bücher ist „Between them“ aber nicht fiktiv, sondern, wie der Untertitel schon sagt, eine Art Autobiographie. Ford erinnert sich darin an seine Eltern. Allerdings erzählt er nicht einfach nach. Vielmehr fragt er sich, was es für seine Eltern bedeutet haben mag, auf einmal ihn, seinen Sohn, in ihrem Leben zu haben. So nähert er sich nach und nach dem Leben seiner Eltern an.

Als Ford auf die Welt kam, war sein Vater bereits Ende 30 und arbeitete als Handlungsreisender. Seine Mutter begleitete ihren Mann, beide genossen offenbar das Leben auf der Straße und das ständige Unterwegssein. Die Geburt des kleinen Richard warf das Leben der beiden daher gehörig durcheinander – sie mussten sesshaft werden, die Mutter unter der Woche Haushalt und Kind versorgen, der Vater wurde zum Wochenend-Papa. Kurz nach Richard Fords 16. Geburtstag starb der Vater an einem Herzinfarkt und stellte das Leben von Mutter und Sohn erneut auf den Kopf.

Ford selbst gibt an, die beiden Teile des Buches, die Erinnerungen an seinen Vater und die an seine Mutter, getrennt von einander und mit mehreren Jahren Abstand geschrieben zu haben. Dem Buch merkt man das nicht an. Wie die übrigen Ford-Bücher glänzt es durch eine angenehme, sehr fein austarierte Sprache. Ebenfalls wie die anderen Bücher gewährt Ford dem Leser nebenbei einen tiefen Einblick in ein Amerika zu einer ganz bestimmten Zeit. Zwei gute Gründe, um es zu lesen.

Robert Seethaler, Das Feld

Das Feld ist eigentlich kein Feld, sondern ein Friedhof. In der kleinen, fiktiven Stadt, zu der dieser gehört, wird es trotzdem „das Feld“ genannt. Was würden die Toten, die hier begraben liegen, wohl erzählen, wenn sie sich an ihr Leben erinnern würden?

Seethaler hat keine zusammenhängende Geschichte geschrieben. Statt dessen reiht er eine Erinnerung an die nächste, ein Toter nach dem anderen kommt zu Wort. Einige Episoden sind kurz, kaum eine Seite lang, andere deutlich länger. Einige Erinnerungen sind schon sehr alt, andere noch relativ frisch. Alle sind sie subjektiv und auf die eine oder andere Weise mit einigen oder allen anderen Erinnerungen verpflochten. Einige sind scheinbar unbedeutend, ja banal, andere von katastrophalem Ausmaß. Theoretisch könnte man das Buch auseinanderreißen und dann neu zusammensetzen, es würde weiter funktionieren.

Allerdings wäre es dann nicht ganz so schön. Der besondere Reiz von „Das Feld“ liegt gerade in der geschickten Komposition, die nach und nach den gesamten Mikrokosmos des Dorfes vor dem inneren Auge des Lesers entstehen lässt. Jede Episode ist ein weiteres Puzzlestück, dessen genaue Position im Gesamtbild sich manchmal erst sehr viel später erschließt. Der Leser bekommt immer nur eine Sicht auf einmal präsentiert, wird aber genau dadurch nach und nach zum allwissenden Beobachter, der sowohl die Gedanken des einen als auch die des anderen Protagonisten kennt. Wobei erst das Nacheinander den besonderen Aha-Moment ausmacht. Was das angeht erinnert „Das Feld“ an „Die Unperfekten“ von Tom Rachmann (übrigens ebenfalls: sehr empfehlenswert!).

Ein Fazit liefert Seethaler nicht. Muss er auch nicht. „Das Feld“ beschreibt das Leben als einen Mix vieler unterschiedlicher Leben. Einiges davon mag dem Leser bekannt vorkommen, anderes eben nicht. Wie das eben so ist im Leben.

Jason Rekulak, Billy Marvins Wunderjahre

Mai 1987 in einem kleinen Ort in New Jersey. Die Welt der 14-jährigen Jungs Billy, Alf und Clark ist überschaubar. Internet? Noch nicht erfunden. Smartphones? Zukunftsmusik. Was es allerdings bereits gibt sind Heimcomputer wie der C64. Auf dem programmiert Billy, der Protagonist des Buches, das, was alle Jungen in seinem Alter unbedingt sehen wollen: eine nackte Frau – eingebunden in einen Strip-Poker-Simulator und dargestellt durch das geschickte kombinieren von Sonderzeichen inklusive dem Sternchen-Zeichen für die Brustwarzen. Getoppt wird das nur durch das 17-malige Ausleihen von „Kramer gegen Kramer“ in der hiesigen Videothek – schließlich gibt es in dem Film eine mehrere Sekunden andauernde Nacktszene.

Durcheinander gewirbelt wird das Leben der drei Teenager, Vanna White, Buchstabenfee in der TV-Show „Glücksrad“ im Playboy auszieht. Fest steht: das Heft müssen sie haben. Fest steht auch: selbst kaufen können sie es nicht. Also ersinnen sie Pläne, wie sie doch noch an das Heft gelangen könnten. Plan eins: sich möglichst erwachsen anziehen und im kombinierten Zeitungskiosk/Schreibwarenladen massenhaft Büroutensilien „für die Firma“ kaufen und dann wie nebenbei noch drei Playboy-Ausgaben mitnehmen. Schlägt fehl. Plan zwei: jemand Älteren bezahlen, damit dieser das Heft besorgt. Das scheint zu funktionieren – der freundliche Erwachsene, der das Heft für die Jungs kaufen soll, schlägt sogar vor, gleich noch mehr Hefte zu besorgen. Diese könnten die drei Freunde doch gewinnbringend an ihre minderjährigen Klassenkameraden weiterveräußern. Begeistert von dieser Idee kratzen die Jungs zusammen, was sie an Geld haben – und sehen am Ende weder das Geld noch den freundlichen Einkäufer wieder.

„Billy Marvins Wunderjahre“ ist nett geschrieben – mehr aber auch nicht. Die zahlreichen Reminiszenzen an die 1980er, an den C64 und eine Zeit, in der man als Kind noch einfach auf der Straße abgehangen hat, sind ganz unterhaltsam. Die eingeflochtene Geschichte zur ersten Liebe fällt dagegen schon sehr stark ab, ebenso das unerwartete und irgendwie auch nicht wirklich passende Ende. Fazit: gut lesbar für mal eben zwischendurch, aber bestimmt kein Muss.

In diesem Sinne – alle Bücherposts gesammelt gibt es hier!

 

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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