Papawelten

Zwei Monate Papa oder: Warum meine Tochter natürlich hochbegabt ist

Vielleicht muss ich es machen, wie der Blogger und Poetry Slammer Volker Strübing. Nachdem Strübing Vater geworden ist, hat er sich selbst auferlegt, nur maximal jeden zweiten Post seiner Tochter zu widmen. Schließlich sollen andere wichtige Themen – Schokolade, Fotografie und Atombomben – nicht zu kurz kommen. Die Folge ist, dass er schon den dritte Beitrag zu seinem Nachwuchs mit den Worten beginnt: „Hurra, heute darf ich wieder über das Vatersein berichten.“

Ich verstehe das gut. Es gibt wenige Ereignisse, die das eigene Leben derart umkrempeln wie die Geburt eines Kindes. Wenn ich nicht gerade arbeite oder schlafe, spielt sie die Hauptrolle in meinem Leben. Ich könnte stunden-, nein: tagelang von ihr erzählen. Darüber wie sie sich kürzlich selbstständig vom Bauch auf den Rücken gedreht hat, zum Beispiel. Das dürfte sie eigentlich mit zwei Monaten noch gar nicht können. Aber offenbar ist meine Tochter mit der einschlägigen Ratgeberliteratur zum Thema Babyentwicklung noch nicht hinreichend vertraut. Auch muss man inzwischen aufpassen, wenn man versucht, beim Bäuerchenmachen ein Tuch zwischen sein sauberes Hemd und potenziell aufgestoßene Milch zu bringen. Da sie inzwischen ganz gut greifen kann, zieht sie das nämlich gerne mit sich, wenn man sie wieder runternimmt. Die Milch landet so am Ende doch auf dem Hemd. „Papa“ sagt sie natürlich auch schon, nur eben noch in einer anderen Sprache.

Jeder Vater ist der festen Überzeugung, dass gerade seine Tochter etwas besonderes ist. Besonders hübsch, besonders schlau, besonders weit in der Entwicklung. Das hat die Natur schon geschickt eingerichtet. Anders als die Mama, die hier neun Monate Vorsprung hat, müssen sich Vater und Tochter ihre Bindung schließlich erst erarbeiten. Da hilft es, wenn man fest überzeugt ist, das eigene Kind ist mindestens hochbegabt. Würde sie sonst schon so aufmerksam zuhören, wenn man ihr etwas erzählt?

Ein Kind ist was tolles. Es kann aber auch ganz schön anstrengend sein – vor allem wenn es darum geht, nebenbei das ganze Drumherum weiter am Laufen zu halten. Unsere Tochter trinkt nur Muttermilch, trotzdem habe ich das Gefühl, der Wocheneinkauf hat sich seit ihrer Geburt in der Menge mindestens verdoppelt. Unter zwei Mal Hin- und Herlaufen zwischen Auto und Fahrstuhl schaffe ich es nie, es waren auch schon vier Mal. Dabei kann ich einiges an Einkaufstüten und Getränkekästen gleichzeitig tragen. Mindestens verdoppelt hat sich die Zahl der Mülltüten, die ich regelmäßig runterbringe (ich sage nur: Windeln!). Und mit Aufräumen brauche ich eigentlich gar nicht anfangen (tue es aber natürlich trotzdem). Ständig bleibt irgendetwas liegen, weil unsere Kleine eben gerade dann Aufmerksamkeit gefordert hat, als man sich einen Kaffee gemacht, ein Glas Wasser eingeschenkt oder sonst irgendwas angefangen hat. Entsprechend stehen sowieso nach kürzester Zeit wieder überall in der Wohnung Kaffeetassen und Wassergläser rum, dazu kommen allerlei Baby-Utensilien sowie diverse Stoff- und Papiertücher – siehe Thema Bäuerchen weiter oben im Text.

Auch früher selbstverständliche Dinge bekommen plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Alle paar Tage ein oder zwei Stunden zum Sport gehen zu können empfinde ich als unglaublichen Luxus – und ich kann gar nicht oft genug betonen, wie hoch ich meiner Frau anrechne, dass sie dafür Verständnis hat (nebenbei an dieser Stelle auch ein Dankeschön für das Foto zu diesem Beitrag!). Ich brauche diesen Ausgleich zum Sitzen im Büro einfach. Oder die Stunde Ich-Zeit am Abend, wenn die Kleine dann doch irgendwann eingeschlafen ist und ich mit etwas Glück noch nicht ganz todmüde bin.

Andererseits: die Zeit rast! Das wird spätestens dann klar, wenn ich sehe, wie bei meiner Mutter die Augen leuchten, wenn sie ihre Enkeltochter auf den Arm nimmt und anschließend mich ansieht. Aus zwei Monaten werden schnell zwei Jahre und aus denen wiederum noch schneller 20 Jahre und nochmal schneller 40 Jahre werden, denkt sie dann vermutlich.

Und sie hat ja Recht! So jung wie heute wird meine Tochter nie wieder sein. Und so jung wie morgen auch nur morgen. Statt immer nur darauf zu achten, welche Entwicklungsstufe als nächstes kommt, und was die Kleine als nächstes kann, sollte ich nicht vergessen, mich am Moment zu freuen. Wenn ich manchmal, bei aller Freude, ein bisschen traurig darüber bin, übers Wochenende nicht mehr ohne weiteres spontan mit meiner Frau irgendwohin verreisen zu können, darf ich nicht vergessen: das können wir bald wieder machen – aber nur heute haben wir eine zwei Monate alte Tochter.

In diesem Sinne, ich gehe jetzt mal mit meiner Tochter über Baby-Ratgeber sprechen.

Mehr Baby? Hier Teil 1 und Teil 2 meiner kleinen Ich-bin-Vater-Reihe – alle Teile gesammelt künftig hier.

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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