Papawelten

Drei Monate Papa oder: Wann sollte man eigentlich mit „English for babies“ starten?

Manchmal vergesse ich, dass andere Menschen auch schon Kinder bekommen haben. Dabei bin ich unter den Vätern ja eher ein Spätzünder. Was für mich neu und aufregend ist, haben andere Eltern in meinem Alter oft schon zwei oder drei Mal durchgemacht. Sie beschäftigen sich aktuell mit ganz anderen Fragen. Welche weiterführende Schule ist die richtige für mein Kind? Braucht unser Kleiner wirklich ein iPhone? Oder sie diskutieren mit dem Nachwuchs darüber, wann dieser abends zuhause zu sein hat. Wenn ich da stolz erzähle, dass mein kleines Mädchen nun schon beinahe „Papa“ gesagt hat, ernte ich eher ein müdes Lächeln. (Zugegeben, mit dem harten ‚P‘ hat sie noch Probleme, aber ich gehe trotzdem davon aus, dass sie mit „Bap“ nicht die Band, sondern mich gemeint hat!).

Seit bald drei Monaten bin ich nun schon Vater. Windeln wechsle ich inzwischen im Schlaf und im Dunkeln. Ich weiß intuitiv, wann die stillende Mutter ein Glas Wasser braucht und wann sie lieber einen Tee möchte. Selbst wenn ich meiner Tochter die Pullover immer noch lieber von den Beinen aus nach oben anziehe (so muss man sie nicht über den Kopf bekommen!), finde ich, dass ich hier schon recht professionell arbeite. Natürlich kann ich nicht mit meiner Frau mithalten, aber ein guter Vater kennt eben seine Grenzen.

Meine Tochter kennt die noch nicht. Sie versteht zum Beispiel nicht, dass ich ihr nur dann Milch geben kann, wenn ihre Mama diese vorher abgepumpt hat. Eine schwierige Situation, wenn Mama sich gerade für eine dringend benötigte halbe Stunde Schlaf zurückgezogen hat und das vorbereitete Fläschchen trotzdem schon leer ist. Meine Tochter versteht auch nicht, warum ich nicht immer automatisch da bin, wenn sie doch gerade jetzt von mir hochgehoben und rumgetragen werden möchte. Überhaupt: dass ich hin und wieder das Zimmer verlasse, das mag sie nicht. Trotzdem ist sie meist geduldig mit mir. Man könnte auch sagen: sie ist ein Anfängerbaby. Wenn sie schreit, hat das meistens einen Grund, und lässt sie sich schnell beruhigen. Meistens jedenfalls.

Trotzdem merke ich, wie sie in den vergangenen Wochen anspruchsvoller geworden ist. Um sie zum Lachen zu bringen, reicht es nicht mehr, einfach anwesend zu sein. Da muss man sich schon etwas mehr einfallen lassen. Lustige Grimassen schneiden, zum Beispiel, und dabei komische Geräusche machen. Im Gegenzug macht sie diese dann nach und hat sichtlich Spaß dabei. Wechsle ich ihr die Windel, hält sie inzwischen selbst ihr Oberteil hoch. Vermutlich nicht mit Absicht, aber wer weiß das schon. Ich denke, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich selbstständig an- und auszieht und die Windeln selbst wechselt. Großen Spaß hat sie auch an meinem Bart, weil man da so schön reinfassen kann. Legt man sie auf den Bauch, kann es passieren, dass sie sich binnen Sekunden wieder zurück auf den Rücken rollt. Auch ihr Laute-Repertoire scheint jeden Tag umfangreicher zu werden – lauter übrigens auch.

Mit den wachsenden Fähigkeiten dieses kleinen Menschen stelle ich mir allerdings auch immer wieder die Frage: fördern wir sie genug? Früher habe ich mich immer lustig gemacht über überehrgeizige Eltern, deren Kinder jeden Tag mindestens zwei Termine hatten und die in fünf Fördergruppen gleichzeitig aktiv waren – von Babyschwimmen bis frühkindliches Englisch for babies (ja, das gibt es wirklich!). Heute frage ich mich: wie haben diese Eltern das eigentlich rein logistisch hinbekommen? Für uns ist jeder Ausflug zum Kinderarzt noch ein Abenteuer für sich. Trotzdem möchte ich natürlich nicht, dass unsere Tochter später einmal Nachteile hat, nur weil wir uns nicht genügend Mühe gegeben haben.

Andererseits hatte ich mir eigentlich vorgenommen, ein gelassener Vater zu sein. Die Menschheit pflanzt sich seit Jahrtausenden mehr oder weniger erfolgreich fort. Kann die Zukunft meiner Tochter da wirklich daran scheitern, weil wir sie nicht oft genug zum Trainieren ihrer Nackenmuskulatur auf den Bauch gelegt haben? Oder weil wir ausnahmsweise einfach nur froh sind, dass die Kleine quasi von selbst friedlich schläft, obwohl wir sie vorher nicht mehr umgezogen und ins Kinderbett gelegt haben? (Das sind übrigens dann die Momente, in denen ich dazu komme, diese Blogeinträge rund ums Vatersein zu schreiben). Hat die Natur es nicht so eingerichtet, dass man schon aus Instinkt mehr richtig als falsch macht? Mal abgesehen davon, dass richtig und falsch beim Thema Kinder großziehen meiner Meinung nach sowieso relative Kategorien sind.

Trotzdem möchte natürlich niemand seinen Kindern irgendwelche Chancen vorenthalten. Und wieso meine Tochter natürlich per se hochbegabt sein muss, habe ich ja hier schon geschrieben (inzwischen liest sie sogar Zeitung – auf dem Kopf stehend!).

Kein leichter Spagat also. Wobei der vermutlich sowieso erst richtig spannend wird, wenn die Kleine in den Kindergarten kommt. Zu meiner Zeit ging es da zwar vor allem darum, mit anderen Kindern zu spielen, während die Eltern arbeiten gingen. Aber das ist ja auch lange her …

In diesem Sinne – fördern, fordern und das Windelwechseln nicht vergessen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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