Bücherwelten

Affäre vs. Mauerfall, vorhergesagter Todestag und Stephen Kings Memoiren – Leseliste Teil 2

Das Format dürfte inzwischen bekannt sein, daher will ich gar nicht lange drum herum reden – hier der zweite Teil meiner Leseliste mit einer Auswahl von drei Büchern, die ich in den vergangenen Wochen gelesen habe und die ich eigentlich alle uneingeschränkt empfehlen kann:

Chloe Benjamin, Die Unsterblichen

Wie würdest Du leben, wenn Du weißt, wann Du stirbst? Wir schreiben das Jahr 1969. Die Geschwister Varya, Daniel, Simon und Klara Gold sind zwischen sieben und 13 Jahren alt, als sie das Gerücht hören, dass im Viertel eine Wahrsagerin eingezogen ist, die jedem Menschen den genauen Todestag vorhersagen kann. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg. Tatsächlich finden sie die Frau und sie sagt jedem der vier ein Datum voraus. Alles Hokus-Pokus? Als Simon, der Jüngste, tatsächlich mit Anfang 20 genau am vorhergesagten Tag stirbt, sind sich die Geschwister da nicht mehr so sicher.

Chloe Benjamin erzählt eigentlich nicht eine, sondern vier Geschichten. Nacheinander beschreibt sie einen jeweils mehrjährigen Ausschnitt aus dem Leben der vier Hauptpersonen: Simon, der Jüngste, zieht in den 1970ern nach San Francisco, wo er endlich seine Homosexualität ausleben kann – zugleich aber eines der ersten Opfer einer bis dato noch namenlosen Krankheit wird, der vor allem Schwule zum Opfer zu fallen scheinen. Klara macht auf den Spuren ihrer Großmutter als Zaubererin und Akrobatin Karriere. Gleichzeitig verfällt sie aber immer mehr dem Alkohol, wird depressiv und nimmt sich schließlich selbst das Leben – genau an dem Tag, den die Wahrsagerin vorhergesagt hat. Daniel macht als Militärarzt Karriere, überwirft sich dann aber mit seinem Vorgesetzten, weil er sich weigert, nach 9/11 wahllos Ausnahmegenehmigungen für eigentlich untaugliche Army-Bewerber auszustellen. Vom Dienst suspendiert steigert er sich immer mehr in die Überzeugung rein, dass die Wahrsagerin ihn und seine Geschwistern bewusst manipuliert hat, um ihr Geschäftsmodell als Wahrsagerin aufzumotzen. Am Tag, den die Frau ihm als Todestag vorhergesagt hat, sucht und findet die inzwischen greise Wahrsagerin. Die erinnert sich tatsächlich an ihn, behauptet aber weiter, einfach nur gesagt zu haben, was sie gesehen hat. Er bedroht sie daraufhin mit einer Waffe und wird von einem Polizisten erschossen. Schließlich Varya, das ruhigste der vier Geschwisterkinder und die einzige, der die Wahrsagerin ein langes Leben vorhergesagt hat. Als Wissenschaftlerin forscht sie an Affen nach Wegen, den Alterungsprozess aufzuhalten. Neben zahlreichen Zwangsstörungen und panischer Angst vor Krankheiten hat sie allerdings ein Geheimnis: vor Jahren hat sie einen Sohn zur Welt gebracht und zur Adoption freigegeben. Der findet sie Jahrzehnte später und ist entsetzt, als er herausfindet, dass Varya sich selbst ebenfalls zum Teil ihres Experiments gemacht hat und sich, im Glauben, dadurch den Tod aufzuhalten, die gleiche Diät und das gleiche karge Leben verordnet hat wie den Primaten. Ob Varya tatsächlich, wie von der Wahrsagerin vorhergesagt, mit 88 Jahren stirbt, bleibt offen.

Das Spannende an dem Buch ist, dass die Autorin bis zuletzt offen lässt, ob die Wahrsagerin wirklich den Todestag der Kinder vorhersagen konnte oder ob nur die Ankündigung eines Datums wie eine selbst erfüllende Prophezeiung funktioniert hat. Hätte Simon länger gelebt, wenn er nicht immer befürchtet hätte, früh zu sterben? Hätte er dann weniger riskant und weniger rücksichtslos agiert, wäre womöglich vorsichtiger gewesen? Hätte Klara sich an die gefährlichen Akrobatiknummern ihrer Großmutter überhaupt herangewagt, wenn sie nicht überzeugt davon gewesen wäre, unsterblich zu sein – bis ihr Datum gekommen war und sie mit den Nerven so am Ende war, dass sie keinen anderen Ausweg mehr wusste, als die Vorhersage selbst zu erfüllen? Wäre Daniel am Leben geblieben, wenn er nicht irgendwann die Wahrsagerin gesucht hätte, wütend darüber, von ihr offenbar manipuliert worden zu sein?

Doch nicht nur diese Fragen sind es, die das Buch interessant machen. Denn im Grunde genommen verrät die Wahrsagerin den Kindern nichts neues: sterben werden wir alle. Neu ist nur das konkrete Datum. Nicht genau zu wissen, wann das ist, ist aber letztlich keine Entschuldigung dafür, dieses Fakt auszublenden.

Persönlich interessant fand ich übrigens, dass mir das Buch mit jedem Mal, besser gefiel, wenn ich anderen davon erzählt hab. Man könnte auch sagen: das Buch scheint mit jedem Nachdenken darüber zu reifen. Das bekommt auch nicht jedes Buch hin.

Frank Goosen, Kein Wunder

So eine innerdeutsche Grenze kann sehr praktisch sein: sie sorgt zum Beispiel dafür, dass die Freundin im Osten nicht aus Versehen der Freundin im Westen über den Weg laufen kann. Dumm nur, wenn plötzlich die Wiedervereinigung dazwischen kommt.

Frank Goosens neuer Roman spielt im Jahr 1989. Fränge, der eigentlich Frank heißt, ist Anfang 20 und hält sich in Berlin mit Kneipenjobs über Wasser. Außerdem vertickt er DDR-Campingkocher, Marke Juwel, im Westen. Die kauft er, wenn er eine seine Freundin Rosa im Ostteil der Stadt besucht. Natürlich weiß Rosa nichts von Marta, Fränges Freundin im Westteil der Stadt. Wirkliches Fremdgehen sei das nicht, findet Fränge, man müsse das schließlich auch im historischen Kontext sehen. Er sei eher so etwas wie ein „Weltenwanderer der Liebe“.

Zu Beginn des Buchs bekommt Fränge Besuch aus seiner alten Heimat Bochum: seine beiden Kumpel Brocki und Förster, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, besuchen ihn in der geteilten Stadt. Bei der Gelegenheit lernen sie nicht nur die eine, sondern auch die andere Freundin kennen und, in Försters Fall, ein bisschen sogar lieben. Vor allem aber erleben sie ohne es zu wissen das Ende dreier Welten. Während die Westberliner noch in ihrem Inselstatus schwelgen, ohne zu ahnen, dass dieser bald Geschichte sein wird, streben im Ostteil der Stadt immer mehr Menschen nach Veränderung. Der tiefe Westen dagegen, das Ruhrgebiet, verabschiedet sich von den 1980ern, nur haben das eben noch nicht alle so richtig mitbekommen.

Alle diese Welten zeichnet Goosen auf eine Weise nach, die ein bisschen an Sven Regener und „Herr Lehmann“ erinnern. Endlos können sich seine Protagonisten in teils hochpolitischen, teils einfach nur abstrusen Diskussionen verlieren, gerne auch mit sich selbst. Den Mauerfall bekommen sie am Ende nur am Rande mit – werden aber dann von den Ereignissen überrollt, als plötzlich Rosa im blauen Trabbi vor Försters Wohnung steht und Fränge wie vom Erdboden verschluckt zu sein scheint.

Soweit die Geschichte. Die ist aber nur ein Teil des Spaßes. Toll ist Goosens neues Buch nämlich vor allem auch, weil es so viel scheinbar Überflüssiges enthält. Ganz nebenbei arbeitet sich der Autor an der Ostberliner Dissidenten- und Hoffest- und Hausbesetzerkultur ab, zeichnet sanft ein Bild von frankophilen Alt-68er-Eltern im Professorenviertel versus denen aus dem Arbeitermilieu. Immer wieder scheinen die Figuren ein Eigenleben zu entwickeln, das zwar nichts zur Handlung beiträgt, aber sie gerade deswegen plastischer und lebensechter erscheinen lässt. Am Ende steht so Vordergründig eine Ost-West-Wende-Komödie, darin schlummert aber liebevoll verpackt ein kleines Portrait dessen, was ein Jahrzehnt und eine ganze Generation geprägt hat.

Stephen King, Das Leben und das Schreiben

Stephen King ist einer der erfolgreichsten Autoren der vergangenen Jahrzehnte. Aber wie hat er das eigentlich gemacht? „Das Leben und das Schreiben“ ist kein klassischer Schreibratgeber. Es ist auch keine klassische Autobiographie, auch wenn das englische Orignal den Beinamen „Memoir“ trägt- Trotzdem findet sich beides in dem Buch, das King in zwei Teile und eine Art Nachwort gegliedert hat:

  1. Wie er zum Schreiben gekommen ist („Lebenslauf“)
  2. Wie er schreibt und welche Tipps er daraus für Autoren und solche, die welche werden möchten, ableitet („Werkzeugkasten“)
  3. Wie er während der Arbeit an diesem Buch fast gestorben ist, als er von einem Auto überfahren wurde

Das Buch wurde im Jahr 2000 erstveröffentlicht, liest sich aber in der deutschen Übersetzung stellenweise wie ein Ratgeber aus den 1950er Jahren – was positiv gemeint ist. Die teilweise sehr direkte und umgangssprachliche Anrede des Lesers schafft Nähe, auch wenn mich der saloppe Ton und eingestreute Bekräftigungen wie „bei Gott“ anfangs irritiert haben. Man gewöhnt sich allerdings daran und dann macht es einfach Spaß. Zum Beispiel, wenn King erzählt, wie er schon als Schüler die Erfahrung gemacht hat, dass Menschen durchaus bereit sind, für eine gut erzählte Geschichte Geld zu bezahlen – selbst wenn man sich diese nicht selbst ausgedacht hat, sondern nur Horrorfilme aus dem Kino nacherzählt. Offen geht King mit überwundenen seiner Alkohol- und Drogensucht um, beschreibt, wie er sich bei manchen Büchern gar nicht mehr daran erinnern kann, wie er sie geschrieben hat.

Der zweite Teil, der „Werkzeugkasten“ ist praxisnah und ebenfalls persönlich gehalten. King verrät nichts, was jemand, der sich mit dem Schreiben beschäftigt, nicht schon einmal irgendwo gelesen oder gehört hat. Aber er bringt sehr klar auf den Punkt, wie er selbst arbeitet und was er glaubt, was andere davon lernen können. Dabei bleibt er seinem Stil treu, schreibt flüssig und gut zu lesen. Dabei sind seine Tipps selbst durchaus Geschmackssache, etwa wenn King sich seitenlang über das Thema Adverben auslässt, die er, das begreift man schon nach wenigen Sätzen, wirklich aus tiefster Seele zu hassen scheint.

Würde man Kings Tipps in einem anderen Schreibratgeber finden, würde man diesen wahrscheinlich für etwas flach halten. Der Erfolg gibt King allerdings recht – immerhin hat er bislang über 350 Millionen Bücher verkauft. Letztlich ist es vermutlich ohnehin so: einen Geheimtipp gibt es nicht. Schreiben ist in erster Linie Handwerk und Fleiß – und viel mehr sagt King eigentlich auch nicht. Nur macht es eben Spaß, zu lesen, wenn er genau das tut.

In diesem Sinne – alle Bücherposts gesammelt gibt es hier!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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