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All inclusive oder: Mettigel und die Evolution

Beim Essen hört der Spaß auf. Nein wirklich, beim Essen, da wird es sogar ganz ernst. Ist das Buffet erstmal eröffnet, sind alle Mittel recht. Da wird dann schon mal eine Gabel zweckentfremdet, um den Drängler hinter einem in seine Schranken zu verweisen. Frei nach dem Motto: Bevor ich nicht am Mettigel war, darfst Du da auch nicht ran! Sofern es Mettigel gibt, denn die sind ja eigentlich eher so 1980er.

Wieso ich mir gerade jetzt solche Gedanken machen? Vielleicht liegt das daran, dass ich gerade aus einem All-Inclusive-Pauschalurlaub zurück bin. Habe ich lange nicht gemacht, darum war ich anfangs auch etwas irritiert, als sich immer zu den selben Zeiten kleine Grüppchen in der Hotellobby zusammenrotteten. Abgesehen von diesem seltsamen Blick, eine interessante Mischung aus Misstrauen und Wachsamkeit, schienen diese Menschen nichts gemeinsam zu haben. Trotzdem versammelten sie sich regelmäßig hier. Als gäbe es eine geheime Absprache, die nur sie kennen und mit der sie über niemanden sprechen durften. Übrigens auch nicht untereinander. Stets herrschte eine angespannte Stille, unterbrochen höchstens von einem leisen Flüstern.

Dann verstand ich: diese Menschen warteten darauf, dass endlich der Speisesaal geöffnet und das nächste Buffet eröffnet werden würde.

Bei einem All-Inclusive-Urlaub kommt das ziemlich oft am Tag vor. Nach dem Frühstück kommt das Spätaufsteher-Frühstück, dann Mittagessen, dann Kaffee und Kuchen, dann Abendessen und, je nach Hotel, dann ein Mitternachtssnack. Wobei diese unterschiedlichen Mahlzeiten oft an unterschiedlichen Orten angeboten werden, manchmal sogar an zwei Orten gleichzeitig.

Mit anderen Worten: Eigentlich kann man ständig und überall essen. Wenn man denn kann. Trotzdem scheinen rund 50 Prozent der All-inclusive-Gäste panische Angst davor zu haben, sie könnten ausgerechnet in diesem Urlaub verhungern.

Diese Beobachtung kann man übrigens nicht nur bei All-inclusive-Urlauben machen. Auch bei beruflichen Terminen stelle ich das manchmal fest. Eigentlich immer dann, wenn es etwas umsonst gibt. Na gut, fast immer. Menschen, die sich jeden Tag ein Essen im Drei-Sterne-Restaurant leisten könnten, werden auf einmal zu wilden Löwen, wenn es kostenlos etwas zu Essen oder zu trinken gibt. Da wird gebissen und gekratzt, im übertragenen Sinne natürlich. Bloß nicht zu kurz kommen, ist schließlich umsonst und nahrhaft.

Ich glaube, der Grund dafür liegt in der Evolution begründet. Ähnlich wie bei vermeintlichen Gefahrensituationen – Chef betritt unerwartet den Raum, zum Beispiel – immer noch der natürliche Kampf-oder-Flucht-Reflex wirkt, setzt auch beim Thema Essen einfach der Verstand aus, und die Urinstinkte kommen ans Licht. Essen steht ganz unten in der Maslow’schen Bedürfnispyramide. Zivilisatorische Regeln gelten deshalb nur bedingt, schließlich geht es um (Über-)Leben oder Sterben. Mag das Buffet heute auch noch so reichlich sein, wer kann schon mit 100-prozentiger Sicherheit sagen, dass es auch bei der nächsten Mahlzeit noch etwas gibt.

In diesem Sinne, guten Appetit auch!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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