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Geviertelt und kürzer als gedacht: Mein Leben auf dem Zeitstrahl

Ich habe mein Leben geviertelt. Tatsächlich ergibt diese Aufteilung Sinn – auch wenn sie natürlich nur auf dem Papier stattgefunden hat. Als vor fünf Monaten meine Tochter geboren wurde, habe ich schnell gemerkt, dass Zeit eine andere Bedeutung bekommen hat. Jahreszahlen, die früher als abstrakte Wegmarken irgendwo in der Zukunft lagen, bekommen plötzlich eine konkrete Bedeutung. 2025: in diesem Jahr wird meine Tochter wahrscheinlich eingeschult. 2031: sie wird ein Teenager. Spätestens jetzt darf ich mich wahrscheinlich mit den ersten Verehrern rumärgern. 2036: sie wird volljährig. Und so weiter. Ich hatte darüber hier schon einmal geschrieben.

Obwohl das alles sehr klare Einschnitte sind, tue ich mich schwer damit, sie als reale Teile meines Lebens anzuerkennen. Vielleicht fehlt mir der Bezug. Ich brauche einen Rahmen, um diese Zeiträume und Zeitpunkte für mich fassen zu können.

Also habe ich mich hingesetzt, Stift und Papier genommen und habe einen Zeitstrahl aufgemalt. Etwas über 20 Zentimeter lang – mehr Platz war auf der Notizbuchseite nicht. Alle 2,5 Zentimeter habe ich einen Strich gemacht. 5 Jahre, 10 Jahre, 15 Jahre, und so weiter. Insgesamt komme ich so auf 80 Jahre. Ob ich wirklich so alt werde? Das weiß ich natürlich nicht. Schön wäre es. Werden es mehr Jahre, freue ich mich über den Bonus. Werden es weniger, muss ich auch damit leben. Naja, oder eben nicht leben.

Dann habe ich angefangen, wichtige Wendepunkte und Ereignisse meiner Vergangenheit auf diesem Zeitstrahl einzutragen. Meine Einschulung, der Eintritt in den Schwimmverein, der mich durch fast meine gesamte Kindheit und vor allem durch die Pubertät begleitet hat, Abitur, Bundeswehr, erstes Studium, Weltreise, zweites Studium, erster richtiger Job, Umzüge, neue Jobs, Hochzeit – alles bis zur Geburt meiner Tochter ein knappes Jahr vor meinem 40. Geburtstag. Anschließend habe ich mich der zweiten Hälfte – die Geburt meiner Tochter liegt ja ziemlich genau in der Mitte des Zeitstrahles – gewidmet. Hier konnte ich natürlich viel weniger eintragen, aber zumindest perspektivisch die oben genannten Wegmarken festhalten. Einschulung, Wechsel auf die weiterführende Schule, Volljährigkeit, Abitur (so sie das denn machen möchte).

So aufgemalt wurde das Bild tatsächlich klarer, die Jahreszahlen waren weniger abstrakt. Das war einerseits ganz schön, vor allem aber ganz schön unheimlich. Auf eine Seite zusammengestaucht wird das Leben tatsächlich sehr überschaubar: und zwar sowohl der Teil, der bereits hinter einem liegt, als auch der Teil, der voraussichtlich noch vor einem liegt. Ein Viertel Erwachsenwerden, ein Viertel für das Etablieren im Leben, ein Viertel als Vater und ein letztes Viertel für die Zeit, wenn Kind oder Kinder aus dem Haus sind.

Denke ich über das Leben als Ganzes nach, benutze ich in meinem Kopf gerne das Bild eines Urlaubs – etwa wie einer unserer letzten beiden USA-Urlaube. Drei Wochen waren wir jeweils unterwegs, sind mit einem Mietwagen kreuz und quer durch den Südwesten der Vereinigten Staaten gefahren. Das Gefühl der Freiheit war überwältigend. Insbesondere beim ersten Mal. Im wahrsten Sinne des Wortes unendlich schienen die Möglichkeiten, als wir Los Angeles hinter uns ließen und auf dem Highway 101 nach Norden fuhren. Vor der Reise hatten wir uns auf einer Straßenkarte eine grobe Route überlegt und diese sogar mit Filzstift eingezeichnet. Nun genossen wir es sehr, diese Route jederzeit anpassen oder ganz umschmeißen zu können. Ein großartiges Gefühl!

Das Gefühl hielt für ungefähr eineinhalb Wochen an. Etwa ab diesem Zeitpunkt wurde uns etwas bewusst, was eigentlich schon zu Beginn der Reise klar gewesen war, wir bis dato aber erfolgreich verdrängt hatten: die Reise würde ein Ende haben. Dieses Ende würde in Los Angeles sein, wo wir den Mietwagen würden abgeben müssen und von wo aus unser Rückflug nach Deutschland ging. Für unsere Routenplanung hieß das: jede Meile, die wir uns weiter von unserem Ausgangsort entfernten, wäre eine weitere Meile, die wir irgendwann wieder würden zurück fahren müssen. Aus der unendlichen Weite wurde über Nacht eine Weite, die wir früher oder später wieder in Richtung Los Angeles verengen mussten. Die unbegrenzte Freiheit schmolz mit der schrumpfenden Zahl der noch zur Verfügung stehenden Fahrtage dahin.

Natürlich hatten wir das vorher gewusst. Die Reise machte deswegen auch nicht weniger Spaß. Trotzdem änderte sich das Gefühl und die Art, wie wir unsere weitere Route planten. Nehmen wir diesen Nationalpark noch mit oder sparen wir uns lieber die Zeit auf, um einen Extra-Tag an der Küste zu verbringen? Bleiben wir an einem schönen Ort noch einen Tag länger oder erkunden wir statt dessen einen Ort, den wir noch nicht kennen?

Nun werdet Ihr vielleicht einwenden, dass wir offensichtlich am Anfang nicht genügend über eben dieses absehbare Problem nachgedacht hatten: nämlich darüber, dass drei Wochen ein begrenzter Zeitraum sind. Das stimmt natürlich. Aber gilt das nicht auch für das Leben?

Kürzlich erzählte mir jemand von einer Talkshow, wo ein Todkranker gefragt wurde, wie er mit dem Wissen umgehe, sterben zu müssen. Der Todkranke antwortete mit einer Gegenfrage: „Wie gehen Sie denn damit um?“ Sterben müssen wir alle. Wir alle wissen das. Trotzdem verhalten wir uns oft, als würden wir ewig leben. Wir verschwenden Tage, Wochen, ganze Monate damit, auf das nächste Wochenende, den nächsten Urlaub oder sonst etwas zu warten. Wir schieben wichtige Dinge auf und vergessen, Zeit zu reservieren für die Menschen, die uns etwas bedeuten, und von denen wir nicht wissen, wie lange unsere gemeinsame Reise durchs Leben noch dauert.

Einerseits. Andererseits hätten wir dieses Freiheitsgefühl und damit die Reise niemals so genießen können, wenn wir sie schon mit dem Gedanken an ihr vorbestimmtes Ende begonnen hätten. Natürlich hätten wir mehr sehen können, wenn wir akribischer geplant und uns dann genau an diesen Plan gehalten hätten. Aber wir hätten auch auf dieses großartige Gefühl am Anfang verzichten müssen. Mit einer begrenzten Ressource – Urlaubszeit, Lebenszeit – verschwenderisch umzugehen, ist ein Luxus, den man sich vielleicht manchmal gönnen muss. Im Leben wie auf Reisen: irgendwo ist doch auch der Weg das Ziel.

Trotzdem fand ich es beim Anblick meines Zeitstrahls unheimlich, wie überschaubar so ein Leben doch eigentlich ist. Daran sollte man vielleicht nicht immer denken. Aber zumindest hin und wieder schon.

In diesem Sinne, auf eine gute Reise und ein erfülltes Leben!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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