Desillussionierend Wunschträume

Zweites Mal

Früher war alles ein bisschen dramatischer. Das hat schon beim Schnee angefangen. So ein echtes Schneechaos war noch eine neue Erfahrung und wurde vom eigenen Empfinden entsprechend gewürdigt. Heute können sich die Schlagzeilen noch so überschlagen, irgendwie bleibt am Ende doch nur das Gefühl, das alles doch eigentlich schon mal erlebt zu haben.

Wenn man eine Erfahrung zum ersten Mal macht, ist sie immer etwas besonderes. Das kann positiv wie negativ sein, in jedem Fall ist es aufregend. Früher oder später gewöhnt man sich aber daran: an die Erfahrung – und auch daran, eine Erfahrung zum ersten Mal zu machen.

Es sind also nicht unbedingt die ersten Male, die irgendwann seltener werden. Sie werden nur weniger aufregend – weniger dramatisch. Mit der Erfahrung wächst die Zuversichtlichkeit, dass man schon heil aus der Sache herauskommen wird. Im Volksmund nennt man das dann wohl Gelassenheit.

Gelassenheit ist an sich auch eine gute Sache. Trotzdem: Manchmal fehlt mir die Dramatik. Sich noch mal so gefühlt unsterblich verlieben wie während der Pubertät, von mir aus auch unglücklich. Noch mal so hoch fliegen wie nach dem ersten großen Erfolg. Noch mal die Welt so offen vor sich haben wie nach dem ersten Abschluss.

Ich bin überzeugt, dass es nicht nur mir so geht. Wieso sonst stürzen sich Menschen mit Fallschirmen aus noch voll flugfähigen Flugzeugen? Warum boomen Extrem-Urlaube? Und wieso sonst muss immer alles das größte, schlimmste, tollste, gewaltigste, nervigste, erfolgreichste Ding “aller Zeiten” sein?

In diesem Sinne, auf neue Erfahrungen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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