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Window or Aisle?

Ich mag es am liebsten am Gang. Zumindest wenn es länger dauert. Ich glaube außerdem, dass es etwas über Menschen aussagt, wo sie am liebsten im Flieger sitzen. Denn die Wahl zwischen außen und innen ist immer auch eine grundsätzliche Abwägungsfrage: guter Blick vs. individuelle Freiheit.

Als ich vor einigen Jahren von London nach Buenos Aires geflogen bin, hatte ich keine Wahl. Sämtliche Sitze am Gang waren bereits belegt, so dass ich nur noch einen Platz am Fenster ergattern konnte. Neben mir saß ein brasilianisches Paar, dass für die 13 Flugstunden bis zu ihrem Ziel, dem ersten und einzigen Zwischenstopp in Sao Paulo, vermutlich Schlaftabletten oder etwas ähnliches eingeworfen hatte. Beide haben praktisch den gesamten Flug über reglos neben mir in ihren Sitzen gehangen.

Dazu muss man wissen, dass ich auch auf Nachtflügen nur sehr schlecht schlafen kann. Ich laufe deswegen nicht wild im Gang hin und her oder gehe alle 20 Minuten auf die Toilette. Aber ich mag das Gefühl, dass ich eben das problemlos tun könnte. Nun mit 81 Zentimetern Beinfreiheit 13 Stunden lang eingeklemmt zwischen Kabinenwand und zwei komatösen Brasilianern da zu sitzen, hat mir daher nicht wirklich gut gefallen.

Doch auch bei kürzeren Flügen sitze ich lieber am Gang. Wirklich Landschaft gibt es ohnehin nur kurz bei Start und Landung zu sehen, wobei man erstere normalerweise ohnehin schon ein paar Mal von oben gesehen hat (eine Ausnahme sind hohe Gebirge, doch die sieht man auch vom Gangplatz aus). Dafür kann man die Beine in den Gang hinein ausstrecken (hier ist es hilfreich, es sich mit der Stewardess soweit gut zu stellen, dass sie es einem nicht übel nimmt, wenn sie doch mal drüber stolpert). Außerdem, und das ist für mich entscheidend, kann man auch drei Mal kurz hintereinander aufstehen, ohne dass der Sitznachbar sich jedes Mal ebenfalls aus dem Sitz quälen muss. Mir ist so etwas nämlich unangenehm.

Fenstersitzer sehen das anders – da bin ich als Gang-Mensch sicher. Ich erinnere mich an manche Sitznachbarn, für die ich während eines vier Stunden-Fluges ein nahezu olympisches Sportprogramm absolvieren durfte. Den meisten liegt aber ohnehin nicht viel daran, jederzeit aufstehen zu können. Während Gangsitzer wie ich es wichtig finden, zumindest theoretisch jederzeit alle Reisepläne über den Haufen werfen zu können, wissen sie schon sehr genau, wo sie die nächsten zwei Wochen verbringen werden. Ich lasse mich vor Ort treiben, sie haben einen Plan.

Das Eine ist nicht schlechter oder besser als das Andere. Und am schlimmsten ist es ohnehin, in der Mitte zwischen zwei unbekannten Unsympathen zu sitzen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

In diesem Sinne, an aisle-seat for me, please!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Da ich noch nie wirklich weit geflogen bin, muss ich sagen, dass ich ein Fenster-Sitzer bin. Ich fühle mich dort irgendwie ‘geschützter’.
    Und außerdem schaue ich gern nach draußen, auch wenn es ‘nur’ Wolken zu sehen gibt.

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