Karlsruhe Mitmenschen

Sie streitet

Ich höre sie regelmäßig, seit über zwei Jahren. Doch bis heute weiß ich nicht, welche Sprache sie eigentlich spricht. Es ist eine Art Singsang, aber mit aggressivem Unterton. Ein sehr breites Französisch vielleicht, wie es in ehemaligen Kolonialgebieten gesprochen wird. Oder ein komisches Englisch. Oder auch eine ganz andere Sprache.

Sie muss in einem der umliegenden Häuser wohnen, die sich um meinen zum Hinterhof rausgehenden Balkon drapieren. Manchmal stört sie mich. Besonders weil ich mich frage, wie es sein kann, dass sie immer dann mit jemandem streitet, wenn ich meine Balkontür öffne. Vor allem irritiert mich aber, wieso sie sich immer nur mit Menschen in die Haare kriegt, die offenbar deutlich leiser sprechen als sie. Egal wie konzentriert ich lausche: Ich kann immer nur sie hören. Laut, wütend – und für mich völlig unverständlich.

Das ist es wohl auch, was mich besonders stört. Ich habe mal gelesen, dass Handy-Telefonate in der Öffentlichkeit deshalb als nervig empfunden werden, weil man als unfreiwilliger Zuhörer ganz automatisch versucht, die ungehörten Antworten, also das Gesamtgespräch zu rekonstruieren. Eine nicht nur anstrengende, sondern zugleich auch ziemlich brotlose Kunst. Schließlich kann man schlecht nachfragen, ob man mit seiner Theorie über Inhalt und Entwicklung des Gesprächs richtig liegt. Kein Wunder also, dass meine unbekannte Nachbarin mich nervt! Hier höre ich 50 Prozent des Gesprächs und verstehe 0 Prozent.

Wirklich übelnehmen kann ich ihr ihre Streit-Eskapaden allerdings nicht. Im Gegenteil: Vermutlich würde mir etwas fehlen, wenn ich sie mal nicht streiten hören würde. Mal ganz abgesehen davon, dass ich dank ihr immer das Gefühl habe, gerade erst in einem fremden Land angekommen zu sein, in dem ich noch nie zuvor gewesen bin. Und das einfach nur, indem ich die Balkontür öffne!

In diesem Sinne, … wie bitte?

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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