Berliner Leben

Werbebesuch

Vermutlich war es unhöflich, und ein wenig tut mir der Mann sogar leid. Altmodische Brille, angegraute und für seine Frisur eindeutig zu lange Haare über einem irgendwie traurigen Gesicht. Dazu ein schlecht sitzender Pullover von nicht definierbarer Farbe und eine abgewetzte Aktentasche aus braunem Leder. Hätte er woanders vor mir gestanden, vielleicht hätte ich ihm sogar zugehört.

Aber er stand nun mal nicht woanders vor mir, sondern schon halb in meiner Wohnung. Zusätzlich zum mehrfachen Klingeln hatte er eine Weile recht penetrant gegen die Tür gehämmert und dabei irgendwas gemurmelt, dass ich durch das Holz nicht verstanden hatte. Nun stand er also vor mir, nuschelte kurz seinen Namen (irgendwas mit Z), nannte keine Firma, wollte aber wissen, ob ich Festnetztelefon und Internet nutzen würde. Noch während er fragte, begann er einen Zettel und einen Kuli aus der Aktentasche zu ziehen. Zugleich fing er an, sich langsam in meine Wohnung zu schieben.

Ich weiß nicht, ob er meine Antwort („Das geht Sie nichts an“) noch gehört hat, denn ich habe die Tür sofort wieder zu gemacht. Es nervt einfach!

Eine Weile hatten sie die Verteiler von Werbeprospekten auf meine Klingel eingeschossen, wohl nachdem ich einmal, Besuch erwartend, aufgedrückt hatte, ohne zuvor die Gegensprechanlage zu benutzen. Das war schon deshalb ärgerlich, weil ich so regelmäßig geweckt wurde, wenn ich nach der Arbeit tagsüber geschlafen habe – und das für einen Prospekte, den ich ohnehin direkt in den Mülleimer direkt neben dem Briefkasten verfrachtet habe. Mittlerweile reagiere ich überhaupt erst beim zweiten Klingeln und werde seitdem meist verschont. Zumindest von den Prospektverteilern.

Anders ist da die Frau, die mit ihrer kleinen Tochter dann und wann vorbei kommt und die Müllcontainer im Hof durchsucht. Manchmal findet sie ein paar alte Schuhe oder eine weggeworfene Jacke, die sie dann in eine für ihre Körpergröße viel zu große Tasche stopft und wahrscheinlich auf dem Flohmarkt am Mauerpark weiter verkauft. Sie drückt immer gleich auf mehrere Klingeln gleichzeitig und erwischt dabei dann und wann auch meine.

Sehr schön ist es auch vor den Schönhauser Allee Arcaden – bei mir nebenan und eine sehr beliebtes Revier für Flyerverteiler jeder Couleur: Tierschützer, Menschenschützer, Zeitungsverteiler (Tagesspiegel, Berliner, manchmal auch FAZ und Süddeutsche), Mobilfunkverträge, ein Leierkastenmann, Mittwochs ein Blutspendebus und vor einiger Zeit sogar so eine Art Sekte, zusammen gut 15 Leute, die enthusiastisch einen Kanon sangen, während zwei von ihnen geschickt leicht versetzt stehend Passanten ansprachen und sich freundlich nach Gott erkundigte. Da half nicht mal Slalom-laufen: Entging man dem ersten Kerl, rannte man dem zweiten auf jeden Fall in die Arme.

Kurz: Der Weg zur Tram oder in den Kaisers kann so zum echten Hindernislauf werden. Andererseits ist das nun mal Berlin und ich erinnere mich, dass es in der heißen Phase des letzten Bundestagswahlkampfes noch schlimmer war („Das Merkel verhindern“ schallte es einem da zumindest in Kreuzberg an jeder Ecke entgegen; an sich ein nachvollziehbares Anliegen, aber auf Dauer auch irgendwie nervig). Zudem muss ich ja zugeben: auch ich werbe jetzt, wie Ihr an dem Kasten unterhalb der Linkliste (rechts) sehen könnt. Ich hoffe, Ihr seht es mir nach. Chorgesang und das gegen Eure Türen hämmern werde ich mir jedenfalls verkneifen.

In diesem Sinne, frohes Anzeigenlesen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

10 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Tja, Felix, jetzt habe ich die Anzeige tatsächlich gelesen inkl. Link zum ‚Erlebnisbericht‘ und irgendwie ist mir nicht ganz klar, was genau das sein soll. Das Erste was mir durch den Kopf schießt ist sowas wie ‚kranker Abenteuerurlaub??‘. Wenn man sich mal ein bisschen mit der Problematik in den Favelas von Rio auseinandergesetzt hat, kommt schon die Frage auf, inwiefern es sich hier um ‚Erlebnis‘ handelt. Auf der Jagd nach Authenzität? Erscheint mir irgendwie zweifelhaft…
    Lieben Gruß von der Coog

  2. Hey Coog,

    ist ja interessant, bei mir erscheinen immer nur Anzeigen zum Thema Schlafstörungen 😉

    Als Erklärung, das System ist folgendes: Google analysiert via Computerprogramm meine Texte und versucht dann, thematisch abgestimmte Anzeigen zu schalten. Kommen ganz lustige Ergebnisse bei rum, wenn man so die einzelnen Blog-Einträge anklickt und verfolgt, welche Anzeigen Google daraufhin für passend hält. Auf den konkreten Inhalt hab ich keinen Einfluss, wenn sich aber die „zweifelhaften“ Ads häufen sollten nehme ich das Ganze vielleicht wieder raus.

    Was meinen die anderen?

    Lieben (neidischen) Gruß nach BsAs!

    Felix

  3. Aha, ich dachte, Du hast da Mitspracherecht; habe sowas selber noch nie gemacht…Aber Du hast schon die Anzeige gesehn, die ich meinte, oder? Urlaub in den Favelas – UI, SUPER *ahem*
    Ich gehe jetzt jedenfalls erstmal aus, wünsche Dir eine gute Nacht und lieben GRuß!!:)

  4. Hallo Felix!

    Also erst einmal hätte ich dich gerne mal im Chor singen gehört, sehr schade, dass du dich davon distanzierst 🙁

    DieSteffi wird übrigens dazu aufgefordert Damen-Designer-Handtaschen zu kaufen.

    Bist du sicher, dass die Anzeigen auf deine Seite abgestimmt sind und nicht vielleicht auf den jeweiligen Leser der Anzeige? Also nicht, dass ich auf Handtaschen stehe, aber ich bin als Frau sicherlich der Zielgruppe zugehörig. Coog steht auf Südamerika, was ja allgemein hinreichend bekannt ist und dass du, lieber Felix, als Nachtportier wahrscheinlichst unter Schlafstörungen leidest wird der Welt auch nicht verborgen geblieben sein!

    Willkommen im Web 2.0

    😉 deineSteffi

  5. Faszinierend … und nein, ich wurde tatsächlich noch nie aufgefordert, Damen-Handtaschen zu kaufen. Dafür kriege ich jetzt dauernd Anzeigen mit Babys. Ich hoffe, da muss ich mir keine Sorgen machen, weil Google was weiß, was ich nicht weiß …

  6. so langsam krieg ich Angst!

    Briefkasten-Werbung… ein Briefkasten steht tatsächlich an dritter Stelle meiner Einkaufsliste!!! Wir brauchen einen, den wir an die Hauswand unserer abweichenden Postadresse während unserer Reise schrauben wollen…

    Du solltest dir jetzt langsam mal Gedanken um einen Namen für dein Baby machen. Da kannst du dir ja dann bald mit Arnold Schwarzenegger die Hand reichen – war der nicht auch mal schwanger?

    Es wäre nett, wenn du diese Sensation der Welt nicht vorenthältst und hier in deinem Blog live von der Schwangerschaft berichtest. Ich hätte gerne Ultraschallaufnahmen und Nacktfotos spätestens ab dem 6. Monat!

  7. Nacktfotos?
    Wieso das denn? Von mir oder von dem Ungeborenem?
    Und viel wichtiger: muss ich dann demnächst auch Gouverneur von Kalifornien werden?

    Soooo viele Fragen 😉

  8. das gibt es doch gar nicht!

    Eine Anzeige von einer Firma, bei der man seine Sachen einlagern kann…

    Und ich packe gerade alle meine Sachen in Kartons und frage mich, wohin damit!

    Ja Felix, ich denke, du wirst auch Gouverneur werden müssen. Höchstwahrscheinlich erscheint demnächst eine Anzeige, weil die USA wieder Greencards verlosen. Daran musst du dann natürlich teilnehmen.

    Die Nacktfotos sollten natürlich von dir sein! Irgendwie musst du die Schwangerschaft ja beweisen, sonst glaubt dir, außer mir und Google, ja keiner 😉

  9. Ich bin jetzt beruhigt: letztens hat Google bei mir eine Anzeige von eben dem Unternehmen geschaltet, für das ich selber arbeite. Allwissend sind diese Anzeigen also nicht … aber bestimmt fast 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.