Berliner Leben Feierei

Kreisfahrt

Es ist schon eine Weile her, da ging ein (kleiner) Aufschrei durch die Berliner Presse: an einem Berliner Bahnhof hatte die Polizei eine Ansammlung von mehreren hundert „Ringsäufern“ aufgelöst, die eine S-Bahn gestürmt und zum Partyzug umgewandelt hatten – offenbar nicht zur Freude der anderen Fahrgäste. Die Party wurde beendet und diverse Anzeigen geschrieben.

Freilich ist das nicht immer so. Normalerweise mag ich die Ringbahn, was auch damit zusammen hängt, dass ich direkt an ihr wohne. Auf einer Strecke von 37,5 Kilometern umrunden die S-Bahnzüge der Linien 41 und 42 die Innenstadt, halten dabei an 28 Bahnhöfen und bringen mich (meist) zuverlässig zu den passenden Anschlusspunkten, um Freunde in Friedrichshain und Kreuzberg zu besuchen, um zur Arbeit oder auch zur Uni oder zur Staatsbibliothek zu kommen.

Doch das ist der praktische Aspekt. Nebenbei ist die Ringbahn ein großartiger Unterhalter. Gerade die etwas sonderbaren Menschen scheinen von den gelb-roten-Züge magisch angezogen. Besonders auffällig ist dies am frühen Abend. Gewöhnliche Büromenschen auf dem Weg nach Hause mischen sich dann mit sechsfachen Müttern in den frühen Zwanzigern, Verkäufer von Obdachlosenzeitungen mit ganz gewöhnlichen Irren, die einfach nur in Ruhe den Weltuntergang verkünden möchten, dabei aber immer wieder von den grölenden Teenies mit Becks-Gold-Flasche unterbrochen werden.

Ich gebe zu, gerade nach einem entspannten Abend irgendwo in einer schönen Kneipe in der Sonntagsstraße am Ostkreuz gibt es manchmal nichts besseres, als einfach nur das Treiben in den nie leeren Wagons der Ringbahn zu beobachten.

In diesem Sinne, frohes Kreisfahren!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

1 Kommentar Neues Kommentar hinzufügen

  1. Naja, wenn du meinst.. persönlich finde ich die Ringbahn eigentlich so gut wie immer ziemlich schrecklich. Dies mag einerseits meiner inner-ringischen Wohnlage und meinem flammenden Kreuzberger Lokalpatriotismus geschuldet sein, andererseits ist die Ringbahn gerade Freitags und Samstags (abends) echt ein ekliges Potpourri von besoffenen ostdeutschen Provinz-Jungmännern und -Mackern, kreischenden Trupps ‚Veltins V+‘-kübelnder Teeniemädels, und den doch leider viel zu oft am Ostkreuz in meinen Waggon einsteigenden Neonazis mit Appetit auf Zeckenklatschen. Ganz zu schweigen von den rumprollenden Bollos die ab Hermannstrasse mitfahren. Ring ohne Pfeffer in der Tasche? Nie.

    Da lob ich mir die gemütliche Zuckelbahn U1, da sind sogar die abwerfenden Schnapsleichen an einem frühen Sonntagmorgen ein labend-angenehmer Anblick!

    Naja.. aber ich bin weit davon entfernt, vorurteilsfrei zu sein.. ;-)

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