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Nachtschicht

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Wattetage. So habe ich die Tage nach der Nachtschicht im Hostel immer genannt. Weil sich danach alles anfühlte, als würde man es durch eine dicke Schicht Watte wahrnehmen. Geräusche, Gefühle, Gedanken – alles war leicht gedämpft. Sonderlich produktiv war ich an diesen Tagen nicht. Allerdings erwartete das auch niemand von mir, nicht einmal ich selbst.

Um mein Master-Studium zu finanzieren, habe ich in Berlin als Nachtportier in einem Hostel gejobbt. Mit der klassischen Jugendherberge hatte das schon damals wenig zu tun. Im Sommer stiegen Rucksackreisende aus aller Welt hier ab, in allen übrigen Monaten kamen noch Schulklassen und diverse andere Gruppen hinzu. Da ich selbst gerade erst von einer mehrmonatigen Rucksackreise durch Südamerika, Ozeanien und Südostasien zurück gekommen war, kam mir dieser Job sehr entgegen. Er erlaubte mir, mich zumindest in Teilzeit noch als Weltbürger auf Reisen zu fühlen.

Feierabend war in der Regel mit Ablösung durch die Frühschicht um 7:30 Uhr. Das Hostel habe ich oft trotzdem nicht vor 9 Uhr verlassen. Ist der müde Punkt nach einer durchwachten Nacht erst einmal überwunden, ist es egal, wann man ins Bett geht. Hauptsache, man findet irgendwann im Laufe des nächsten Tages den Weg dorthin.

In einer normalen Woche habe ich zwei Nachtschichten gemacht, allerdings selten an aufeinander folgenden Nächten. Besonders gemocht habe ich die Samstagsschicht. Statt Schulklassen schliefen dann vor allem Individualreisende in den Einzel, Zwei, Vier-, Sechs- oder Achtbettzimmern. Außerdem war der nächste Tag ein Sonntag. An Sonntagen muss man nicht sonderlich wach sein.

Um nicht völlig aus dem Rhythmus zu kommen, habe ich mir an Tagen nach der Nachtschicht immer den Wecker gestellt. Wobei ich meist ohnehin nicht sofort schlafen konnte. Normalerweise habe ich erst noch ein oder zwei Folgen “Friends” geschaut, dazu ein Feierabendbier getrunken und bin dann gegen elf ins Bett gegangen.

Klingelte dann nach drei oder vier Stunden der Wecker, war ich nicht wach. Aber ich war ausgeruht genug, um zu frühstücken. Brötchen hatte ich mir auf dem Rückweg bereits gekauft, dazu die Zeitung und das Sonntagsprogramm von Radio Eins. Anschließend war ich entweder zum Filme-Gucken bei einer Freundin, habe mich ziellos durch meinen “Kiez” in Prenzlauer Berg treiben lassen, oder ich habe einfach gar nichts gemacht, außer zu lesen, im Internet zu surfen oder zu schreiben.

Das schöne an diesen Tagen: es war von vornherein klar, dass heute nicht viel mehr passieren würde. Entspannter kann man einen freien Tag eigentlich nicht beginnen.

In diesem Sinne … das Bild zeigt übrigens den Mauerpark in Prenzlauer Berg in Berlin. Wattetage gehörten damals schon der Geschichte an. Außerdem wusste ich bereits, als ich das Foto aufgenommen habe, dass ich die Stadt bald verlassen würde.

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