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Von draußen

Manchmal kann ein vergessener Buchstabe den Sinn eines Wortes völlig verändern. Das ist besonders dann ärgerlich, wenn der Buchstabe nicht extra vergessen worden ist, sondern aus Versehen. So geschehen in einem australischen Deutschland-Reiseführer, den ich einmal in Sydney in die Hand bekam. “Reis-Büro” wurde hier als deutsche Übersetzung des englischen Wortes “Travel Agency” vorgeschlagen.

Ich habe darüber geschmunzelt, wie ich über so einiges schmunzeln musste, was dort über meine Heimat geschrieben stand. Über manches, weil es mir arg übertrieben vorkam, über anderes gerade deshalb, weil es nicht übertrieben sondern einfach sehr treffen beschrieben worden war.

Wenn ich im Ausland bin, versuche ich in der Regel zweierlei zu tun: zum einen versuche ich, eine örtliche Zeitung in die Hände zu bekommen, wobei es mir egal ist, ob ich diese auch lesen kann. Zum anderen blättere ich gerne in ausländischen Reiseführern über Deutschland. Ersteres ist meinem Zeitungsfetischismus geschuldet, letzteres einem wohl nicht nur bei mir vorhandenem Bedürfnis, sich selber besser zu verstehen, indem ich sich mit fremden Augen betrachtet.

Kein System kann sich selber vollständig analysieren. Dieser Satz stammt, so oder so ähnlich, von dem Soziologen Niklas Luhmann (glaube ich). Entsprechend brauchen wir, um uns selbst zu verstehen, immer auch den Blick von außen.

Das Frustrierende dabei ist, dass mit den Blick auch meistens einer bestimmten Einschätzung einhergeht – Wahrnehmung ist eben immer subjektiv. Statt der durchaus gewünschten Außenansicht bekommen wir gleich ein ganzes Paket aus Meinungen und Urteilen geliefert, nach denen wir nur gefragt hätten, wenn wir sicher gewesen wären, dass sie zumindest halbwegs positiv gewesen wären.

Ich erinnere mich, als ich in der achten oder neunten Klasse in Deutsch einen Aufsatz zum Thema “Charakterisierung” schreiben mussten. Jeder sollte sich einen beliebige Klassenkameraden aussuchen und charakterisieren. Das Ergebnis war ein wildes Durcheinander aus Lobgesängen, Verunglimpfungen und kaum leserlichem Adjektiv-Stückwerk.

Ich weiß nicht, was unser damaliger Deutschlehrer erwartet hatte, sicherlich recht hatte er aber mit seinem Kommentar als er die Arbeiten zurück gab: die meisten Bewertungen sagen mehr über den Bewertenden aus als über den Bewerteten.

In diesem Sinne, fröhliches Noten verteilen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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