Zeitreisen

Kein Durchgang (mehr)

Als Kind ist es noch einfach. Da möchte man Feuerwehrmann werden oder Prinzessin, möglicherweise auch Astronaut oder schlicht Superheld. Außerdem will man die Jenny aus dem Nachbarhaus heiraten und einen eigenen Riesenbagger besitzen. Diese Ziele hat man so klar vor Augen wie der Weg dahin verschwommen und eigentlich auch gänzlich unwichtig ist. Man weiß, was man will, das zählt.

Diese Sicherheit schwindet spätestens mit den Einsetzen der Pubertät. Plötzlich verschieben sich die Prioritäten. Auf einmal stehen statt Mondraketen essentiellen Fragen im Vordergrund, etwa welche Marke die neuen Turnschuhe haben müssen, und ob die süße Blondine aus der 7c auf dem “Willst Du mit mir gehen?”-Zettel auch “ja” oder zumindest “vielleicht” ankreuzt.

Glücklicherweise geht das irgendwann vorbei. Wer nun aber hofft, die alte Sicherheit zurück zu erlangen, wird schnell bitter enttäuscht. Rasch wird klar: Superheld ist kein akzeptables Berufsziel mehr für einen jungen Erwachsenen. Auch mit in der Pause zugesteckten Zetteln kommt man beim anderen Geschlecht nicht mehr wirklich weiter. Der Volksmund mag es altklug vor sich hin nickend “erwachsen” nennen, einfacher macht es das allerdings nicht.

Eine Zeit lang habe ich erwartet, dass sich auch das geben würde, in etwa so, wie ich als Kind gedacht habe, irgendwann mehr oder weniger automatisch da zu landen, wo ich hin möchte. Mittlerweile bin ich schlauer.

Zwar habe ich einige recht feste Ziele für mein Leben und einen halbwegs konkreten Plan, wie ich sie erreichen werde. Zugleich habe ich allerdings auch eine mindestens drei mal so lange Liste mit Un-Zielen, sprich: Dingen, die ich keinesfalls möchte. Es fällt mir heute wesentlich schwerer, mich für einen Riesenbagger zu begeistern (man denke nur an die Kosten für die Versicherung!), und so ohne weiteres würde ich auch der süßen Blonden aus dem Nachbarbüro keinen Ankreuz-Brief mehr schreiben. Manchmal macht mir das Sorgen.

Ernest Hemingway hat einmal geschrieben, so etwas wie Altersweisheit gäbe es nicht: “Wenn man altert, wird man nicht weise, nur vorsichtig.” Doch wenn die “will ich nicht”-Liste jeden Tag wächst, was wird dann aus der “will ich”-Liste? Wenn ich immer besser weiß, wohin ich überall nicht möchte, bleibt am Ende, trotz aller Ziele, überhaupt noch gangbare eine Richtung übrig?

Ich war heute mit einer Freundin frühstücken und unter anderem haben wir über eben dieses Thema geredet. Zu so etwas wie einem Endergebnis sind wir nicht gekommen, weder allgemein noch für ihren oder für meinen Weg. Ein schöner Tag war es trotzdem. Vielleicht ist es ja auch das, was letztlich zählt.

In diesem Sinne, nicht jeder Weg braucht ein (Un-)Ziel!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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