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Unwiderlegbar

Ich glaube, ich gehöre einer Minderheit an, denn ich bin noch nie ein Auto mit Navigationssystem gefahren. Da ich zudem keinen sonderlich guten Orientierungssinn habe, bin ich ganz gut darin, mich zu verfahren. Weiter schlimm finde ich das nicht, denn am Ende komme ich normalerweise da an, wo ich anfangs hin gewollt habe – halt nur manchmal etwas später, als geplant.

Ob ein Navigationssystem die Lösung für mich wäre, wage ich zu bezweifeln. Immer mal wieder liest man von Leuten, die wegen kleinen Tippfehlern große Umwege machen und letztlich vielleicht pünktlich, aber eben auch ganz woanders ankommen als geplant.

Wie weit die Technikgläubigkeit mancher Menschen geht, habe ich gestern am Telefon live erleben können. Ich saß im Büro, als ein Mann anrief und mit aufgeregter Stimme die Adresse seines Hotels verlangte. Im Hintergrund war gedämpft Verkehrslärm und ein Radio zu hören. Dazu eine leicht blechern klingende Stimme, die freundlich aber bestimmt insistierte, an der nächsten Kreuzung möge man bitte links abbiegen.

„Die Adresse gibt es nicht, geben Sie mir bitte die richtige Adresse!“, verlangte der Mann am Telefon. „Die Adresse ist nicht falsch“, entgegnete ich und buchstabierte die Adresse erneut. „Die Adresse gibt es nicht“ wiederholte der Anrufer nach einer kurzen Pause bestimmt, „mein Navi sagt, die Adresse gibt es nicht. Ich möchte ein anderes Hotel, eins mit einer Adresse, die es gibt.“

Dieses Gespräch hat wirklich stattgefunden (zwar auf Englisch, aber ansonsten genau so). Bestärkt durch die Stimme seines Navis beharrte der Mann am Telefon darauf, dass die von mir genannte Adresse nicht existieren würde. Ich dagegen beharrte darauf, dass es die Adresse sehr wohl gäbe (schließlich war ich schon einige hundert Male selber dort) und versuchte rauszukriegen, wo er denn gerade wäre. Das ging ein paar Mal hin und her, bis der Anrufer schließlich entnervt und irgendwie traurig mit den Worten „Nein, diese Adresse gibt es nicht“ auflegte.

Zuerst war ich irritiert. Dann wütend. Und dann wurde mir schlagartig klar, wer der Mann am Telefon gewesen war: der griechische Philosoph Gorgias! Der hat schon vor rund zweieinhalb tausend Jahren erkannt, dass a) eigentlich gar nichts existiert und b) wenn doch etwas existiert, können wir es sowieso nicht erkennen geschweige denn anderen mitteilen.

Mein Philosophielehrer in der Oberstufe hat das im Schneidersitz auf dem Pult sitzend einmal mit den folgenden Worten zusammengefasst: „Ihr seid alle nur Geschöpfe meiner Phantasie, und Ihr habt keine Chance, mir das Gegenteil zu beweisen!“ – Auftakt zu einer Unterrichtsreihe zum Thema Erkenntnistheorie, Solipsismus und nicht widerlegbare Theorien.

In diesem Sinne, nicht jedes Navi lügt!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

4 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Mal wieder einen Abend mit Gelächter versüßt ;-)

    Gehöre zu denen, die bei sporadisch auftretendem Navi doch immer noch mehr der Nase nach als den Anweisungen folgend die Welt erkunde.

    Mal sehen, ob meine Phantasie ausreicht, diesen Text ins WWW zu imaginieren…

  2. Willkommen im Club, Felix!

    Ich bin auch Navi-Jungfrau mit gering ausgebildetem Orientierungssinn und ich stehe dazu!! Lieber fahre ich 3mal an die Tanke und frage nach. Da kriegt man statt Dagmar Berghoff’s Stimme einen lokal angehauten Dialekt und evtl. noch ein Lächeln dazu.

    Oder war das nur Einbildung..?

    Liebe Grüße,
    Petra

  3. Hehe, hatte eine ähnliche Situation letzte Woche: Mein Taxifahrer konnte die Str. auch nicht im Navi finden, fuhr aber los, als ich ihm die ungefähre Richtung sagte.Während der Fahrt tippte er ständig ins Navi und wenig später suchte er in seinem Büchlein weiter (beim Fahren!). Das Ende vom Lied ist, dass ich ihm das Buch aus der Hand nahm, die Strasse fand, und ihn dann dort hindirigierte…

    also ich für meinen Teil verlasse mich nie auf elektronische Wegweiser. Mein Orientierungssinn ist aber ganz gut.

  4. ich finde die leute am besten, die ein fettes auto fahren und ihr navigerät so mega mittendrin an der Frontscheibe anbringen, damit es auch ja wirklich jeder sieht und dann an den Strassenrand fahren, um jemanden nach dem Weg zu fragen.

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