Berliner Leben Mitmenschen

Kapuzenträger

Unheimlich sah er aus, als er am Potsdamer Platz in die S-Bahn stieg. Die graue Kapuze hatte er bis tief in die Stirn gezogen, die Musik aus seinen Kopfhörern war so laut, dass ich sie quer durch den Zug hören konnte. Zu übergroßen Jeans trug er in grellem neongelb leuchtende Turnschuhe und eine ebenfalls übergroße Jacke. Mit grimmig gesenkten Kopf sah er sich erst um, dann kam er langsam in meine Richtung.

Gesehen hatte er mich wahrscheinlich nicht. Vielmehr hatte wohl vor allem der freie Platz mir gegenüber seine Aufmerksamkeit gefesselt. Noch während er sich ins Polster fallen ließ, zog er sein Handy aus einer verborgenen Tasche. Auf dem tippte konzentriert rum, ohne auch nur einmal aufzugucken. Während ich mich noch fragte, wovor er sich eigentlich versteckte, verschwand er, den Kopf immer noch gesenkt und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, am Bahnhof Friedrichstraße wieder in der Menge.

Warum? Nicht dass ich das Bedürfnis gehabt hätte, mit dem Typ zu sprechen. Dennoch hat mich fasziniert, wie resolut er jeden Kontakt zur Außenwelt abblockte. Früher waren es vor allem die pseudo-Rapper, die sich selbst eher in einer dunklen Seitegasse in einer der unschönen Ecke der Bronx sahen als in einer langweiligen, deutschen Großstadt.

Heute schottet dagegen schon jeder zweite mit Kapuze, MP3-Player oder zumindest intensivem Handy-Bearbeiten von seiner Umwelt ab. Als wäre es den Leuten unangenehm, dass man sie wahrnehmen oder gar mit ihnen sprechen könnte. Komisch eigentlich, wo der Mensch doch eigentlich als soziales Wesen (Aristoteles) charakterisiert wird.

In diesem Sinne, ruhig auch mal die Augen aufmachen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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