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Sonntagsstau

2013-0-09-Stauschau

Sonntags höre ich gerne die Stauschau im Radio. Vor allem dann, wenn ich nicht mit dem Auto unterwegs, sondern staufrei zuhause sitze. Wenn der Sprecher vor “stockendem Verkehr auf der A8” warnt oder etwas “fünf Kilometern Stau auf der A3” sagt, dann purzeln tausend Bilder zugleich durch meinen Kopf.

Die Strecken haben sich zwar immer wieder geändert, nicht aber der Tag. Auch die Stimmung ist im Grunde genommen über die Jahre hinweg die gleiche geblieben. Sie ist wie eine alte Bekannte, die ich auch schon von unzähligen sonntäglichen Bahnfahrten kenne. Eine Mischung aus Wehmut, aus-der-Zeit-fallen und Neubeginn. Am Ende kommt man meist da an, wo man ein paar Tage vorher losgefahren ist.

Am Sonntagabend hat man normalerweise eine neue Woche vor – und ein ganzes Leben hinter sich. Unwillkürlich zieht man Bilanz, führt sich die Orte vor Augen, die man hinter sich lässt und die, zu denen man unterwegs ist. Jedes Autobahnkreuz ist ein potenzieller Wechselpunkt, vielleicht wirklich einmal ein solcher gewesen.

Ich erinnere mich an diverse Fahrten, bei denen ich noch nicht wusste, was mich am nächsten Morgen erwarten würde. Neue Anfänge in einer neuen Stadt mit neuer Wohnung, neuen Menschen und neuen Gedanken. Und ich erinnere mich aber auch an die Fahrten, wo ich unterwegs zwar einen Neuanfang beschworen habe, am Ende aber doch alles weiterging wie zuvor.

Sonntags die Stauschau zu hören, und schon zuhause zu sein, enthält all diese Gedanken. Sie sind allerdings weniger konkret. Aber muss ein Gedanke immer gleich konkret sein, um eine Wirkung zu haben?

In diesem Sinne, gute Fahrt und bitte vorsichtig fahren auf der A8, hier liegen Gedanken auf der Fahrbahn!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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