Desillussionierend Webwelten

Schmidts Mentholzigarettengeheimnis

Auf einmal sind Helmut Schmidts Mentholzigaretten in aller Munde. Ganze 200 Stangen seiner bevorzugten Marke soll der Ex-Bundeskanzler in seinem Haus in Hamburg bunkern – aus Angst, diese könnten von der EU verboten werden. Das meldet heute zumindest die Deutsche Presseagentur dpa und damit auch praktisch alle größeren Medien im Land – von der Bildzeitung bis hin zu Spiegel Online, vom Kölner Stadtanzeiger bis hin zur Tagesschau. Die Hamburger Morgenpost hat sich sogar die Mühe gemacht und ausgerechnet, wie langer dieser Vorrat reichen dürfte (etwa bis zu Schmidts 100. Geburtstag).

Die Quelle für diese überaus wichtige Meldung? SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Je nachdem, wie die Meldung redigiert wurde, hatte dieser das Zigarettengeheimnis mal „ausgeplauert“, mal „verraten“ und manchmal auch einfach nur „berichtet“. Interessanter als diese Formulierungsfeinheiten finde ich allerdings, wie die Meldung über Schmidts vermeintliches Zigarettenlager eigentlich entstanden ist – also wie aus einer Art Witz am Rande einer Wahlkampfveranstaltung eine deutschlandweit verbreitete Nachricht wurde.

Steinbrück war am Montagvormittag in Karlsruhe. Im Gespräch mit Unternehmern aus der Region, bei dem ich als Journalist anwesend war, kam er unter anderem auf das Thema Regulierungswut der Europäischen Union zu sprechen. Dabei hatte er zunächst auf die Sammlung von über 100 französischen Glühbirnen verwiesen, die er selbst als Ersatzbirnen für seine französische Lampe im Keller horte: „Wer weiß, ob es die in fünf Jahren noch gibt“, erklärte Steinbrück. Wohl um seinen Punkt zu unterstreichen verwies er anschließend mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf seinen Partei-Genossen Schmidt – Deutschlands wohl berühmtesten Raucher. Dieser habe sicher auch 200 Stangen Mentholzigaretten in seinem Haus gebunkert, so Steinbrück. Wie französische Glühbirnen stehen schließlich auch die auf der bösen Liste der EU.

Natürlich kann man das als Tatsache hinnehmen. Vielleicht haben Schmidt und Steinbrück sich ja irgendwann wirklich darüber ausgetauscht, wer was im Keller horte, um es vor dem Zugriff der europäischen Regelungswut zu schützen. Komisch wird es allerdings, wenn aus einem offensichtlich augenzwinkernd gemeinten Nebensatz plötzlich eine eigene Meldung wird.

Natürlich will ich nicht ausschließen, dass Helmut Schmidt 38.000 Zigaretten für schlechte Zeiten zur Seite gelegt hat. Dennoch klang die Aussage Steinbrücks am  Montagvormittag zumindest in meinen Ohren trotzdem eher wie ein Scherz – eben wie ein schönes Bild, mit dem man das Gesagte noch einmal zusätzlich unterstreicht, ohne dass dieses Bild dabei wirklich stimmen muss. Wenn Steinbrück gesagt hätte, sein Fahrer würde wie Schumi über die Autobahn brettern, würde man schließlich auch nicht gleich unterstellen, dass der Fahrer des Kanzlerkandidaten künftig in der Formel 1 mitmischen soll.

Schmidt jedenfalls hat sich öffentlich noch nicht zu Steinbrücks Zigarettenenthüllung geäußert.Vielleicht zählt er ja gerade seinen Vorrat nach.

In diesem Sinne, manche Meldungen sind vielleicht doch mehr Rauch als Schall!

Nachtrag: Ein paar Tage nach dem Termin in Karlsruhe hat Steinbrück in einem Interview erklärt, dass die Geschichte mit Schmidts Zigarettenlager natürlich ein Scherz gewesen sei. In den Medien wurde diese Erklärung nicht weiter aufgegriffen.

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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