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Zu Dir? (Kneipensoziologie)

2013-07-16-Zu-Mir-Oder-Zu-Dir

Oft war ich nicht da. Zu sehr Lounge und zu wenig Kneipe. Zu viele Sitzwürfel statt echten Stühlen, zu viel Elektromusik statt echter Musik. In solchen Läden habe ich mich noch nie richtig wohlgefühlt. Irgendwann muss ich allerdings doch hinein gegangen sein. Woher sollte ich sonst die Streichholzpackung haben, die ich (Nichtraucher) offenbar eingesteckt und bis heute behalten habe.

Vermutlich war es der Name. Der war mir aber schon beim ersten Vorbeigehen aufgefallen. Ich fand die Idee gut, “die heikelste Frage des Abends” zu einer Bar zu machen. So formulieren es zumindest die Macher des “zu:mir:oder:zu:dir” auf ihrer Homepage. In dieser Hinsicht sticht die das “Zu mir oder zu Dir” selbst auf der kneipengesäumten Lychener Straße in Berlin heraus.

Die Benennung von Kneipen und Gaststätte hat die Menschen seit jeher zur Kreativität verführt. In einem Reiseführer habe ich einmal gelesen, dass viele der älteren Kneipen in England so benannz sind, dass man sie leicht bildlich darstellen kann. “The Crown” und Co findet man auch, wenn man des Lesens und Schreibens nicht so mächtig ist, so lange am Eingang ein entsprechendes Symbol prangt.

Klassiker in Deutschland sind dagegen Namen wie die “Letzte Instanz” in der Nähe von Gerichten oder auch einfach der Name des Wirts – “bei Udo”. Es gibt sogar ein Buch, das sich mit diesem Thema beschäftigt: Dieter Auer, “Die besten und verrücktesten Kneipennamen” – nicht weniger als 2999 Namen von Lokalen in ganz Deutschland hat der Autor dafür zusammengetragen. Ob man das von vorne nach hinten durchlesen muss, lasse ich jetzt mal dahin gestellt.

Definitiv empfehlenswert ist dagegen “Die Kneipe: Zur Soziologie einer Kulturform, oder, Zwei Halbe auf mich!” von den Bremer Dozenten Franz Dröges und Thomas Krämer-Badonis. Anders als insbesondere der zweite Teil des Namens vermuten lässt, verbirgt dahinter tatsächlich eine ernstgemeinte sozialwissenschaftliche Studie, welche die beiden Autoren auch noch ausgerechnet ihrer eigenen Stammkneipe gewidmet haben.

Inzwischen hat das Buch schon über 25 Jahre auf dem Buckel und hat es meines Wissens auch nicht über die zweite Auflage hinaus geschafft. Ich selbst habe es vor über zehn Jahren mehr zufällig in den Regalen einer Uni-Bibliothek entdeckt. Dabei werden darin so wichtige Fragen behandelt wie: “Männerort Theke und Frauen” und ob Trunkenheit wirklich das Ziel des durchschnittlichen Kneipengängers ist (nein!).

Aber wieso heißt die Kneipe eigentlich, wie sie heißt? Hier weiß das Etymologische Wörterbuch rat. Demnach geht die Bezeichnung “Kneipe” auf das Wort “Kneipschenke” zurück, die sich auf das Verb “kneipen” zurückführen lässt. Das umschreibt nichts anderes als das “Kneifen” vor Enge, was man empfindet, wenn zu viele Menschen sich in einem zu kleinen Raum befinden. Die Kneipe ist demnach also nicht viel mehr als ein zu kleiner Raum für zu viele Trinker.

In diesem Sinne – Prost!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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