Gedankenwelten Zeitreisen

Schmerzlächeln

2016-03-07-Santa-Monica

Manchmal muss ich lächeln, wenn es weh tut. Nicht etwa, weil ich den Schmerz genieße. Ich lächle, weil der Schmerz mich daran erinnert, dass es einmal viel schlimmer war.

Ich hätte nie gedacht, dass ich den gebrochenen Fuß noch so lange spüren würde. Die einzigen Knochen, die ich mir bis dato gebrochen hatte, waren Finger- oder Zehenknochen gewesen. Einmal einen Mittelhandknochen, den aber nur leicht. Vergleichsweise unkomplizierte Verletzungen also, die schnell wieder vergessen waren.

Den gebrochenen Fuß dagegen spüre ich noch heute, obwohl seit dem Unfall gut acht Monate vergangen sind. Ich spüre ihn, wenn ich im Fitnessstudio auf dem Laufband trainiere, und manchmal sogar, wenn ich nachts auf die Toilette muss oder morgens, wenn ich aufstehe und die ersten Schritte von meinem Bett in Richtung Kaffeemaschine mache. Mal ist es nur ein allgemeines, leichtes Ziehen, ähnlich dem Gefühl, das man hat, wenn man zu lange in einer unbequemen Position gesessen hat. Dann wieder glaube ich die Bruchstelle am Kahnbein ganz genau zu spüren, obwohl diese längst verheilt ist.

Das ist normal, hat der Arzt damals gesagt, und meistens stört es mich auch nicht besonders. Im Gegenteil: wenn der Fuß mal wieder weh tut, muss ich jedes Mal daran denken, wie es war, als ich keinen Meter ohne Krücken gehen konnte. Ich erinnere mich daran, wie selbst das Rausbringen des Mülls ein Kraftakt war – ganz zu schweigen vom Duschen oder dem Decken des Frühstückstisches.

Dass I. und ich damals, gerade einmal fünfeinhalb Wochen nach dem Unfall, dennoch zu unserem Roadtrip in den Westen der USA aufgebrochen sind, erscheint mir, wenn ich mich heute daran erinnere, fast surreal. Dennoch war es einer der großartigsten Urlaube meines Lebens (das Foto oben zeigt mich und meine Krücken am dritten Tag unseres Urlaubs in Santa Monica am gleichnamigen Pier).

Noch immer freue ich mich jedes Mal, wenn ich in einem Biergarten, einer Kneipe oder einem Restaurant sitze, dass ich das nun einfach tun kann, ohne mir Gedanken machen zu müssen, ob ich es mit den Krücken auch wieder zurück schaffe. Oder wenn ich einkaufen gehe und weiß: wenn ich heute etwas vergesse, worauf ich morgen Lust habe, muss ich nicht erst einen neuen Einkaufszettel beim Rewe-Online-Bestellservice anfangen, sondern ich kann mich einfach aufs Fahrrad schwingen und die fehlende Zutat direkt aus dem Laden in meine Wohnung holen.

An all das denke ich, wenn ich heute manchmal noch einen letzten Nachhall meiner Verletzung spüre. Und dann lächele ich.

In diesem Sinne, alles hin und wieder ins rechte Licht rücken – check!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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