Reisewelten

Profi-Junkie (Canyoning)

2015-07-24-Spritzen

Für die nächsten 20 Tage habe ich ausgesorgt. Genau eine Spritze pro Tag. Die erste habe ich mir auch schon selbst gesetzt. Einer Karriere als Profi-Junkie steht also nichts mehr entgegen. Wie es dazu kam? Nun, nennen wir es Managementtagung.

Die führte mich am Montag und Dienstag in das österreichische Lochau an den Bodensee. Den praktischen Abschluss der Tagung bildete eine Canyoning-Tour in Vorarlberg in der Nähe von Dornbirn. Canyoning kannte zumindest ich vorher nicht – aber es klang interessant: Kurz gesagt geht es bei dem Sport darum, dem Lauf eines Gebirgsflusses durch eine Schlucht zu folgen: laufend, schwimmend, abseilend, (fels-)rutschend und von Felsvorsprüngen springend. Wie man sich das praktisch vorstellen kann, demonstriert unser Canyoning-Anbieter in diesem Video (wobei die ganz schlimmen Dinger bei unserer Anfängertour natürlich nicht dabei waren):

Vorweg: Canyoning ist wahnsinnig anstrengend, weil man die ganze Zeit einen 18 Millimeter dicken Neoprenanzug trägt. Kein Vergnügen bei über 30 Grad Außentemperatur. Gleichzeitig ist es ein unglaublich toller Sport. Das Gefühl, nach dem Abseilen in das eiskalte Gebirgswasser einzutauchen, ist einfach großartig. Ganz zu schweigen von der Landschaft, von der man sicher sein kann, dass sie bisher nur eine verschwindend geringen Zahl Menschen überhaupt gesehen hat, weil sie so schwer zugänglich ist.

Die schwere Zugänglichkeit kann allerdings auch ein Problem sein. Beim Canyoning gibt es eigentlich nur eine Richtung: nach vorne. Schließlich befindet man sich in einer Schlucht. Zwar gibt es immer wieder Punkte, an denen man aussteigen kann, doch auch die sind in der Regel nicht ohne Klettern und Kraxeln zu erreichen.

Was das praktisch bedeutet, wurde mir nach etwa zwei Dritteln der Tour schmerzhaft bewusst: bei einem Sprung von einem Felsvorsprung in einen der natürlichen Pools, wo sich das Flusswasser aufgestaut hatte, landete mein rechter Fuß unsanft auf einem Stein auf dem Grund. Ich knickte nach innen um, spürte aber zunächst keinen Schmerz. Vermutlich wegen des kalten Wassers. Es gelang mir sogar, die Tour normal fortzusetzen. Die kleine Überdehnung würde sich schon wieder einrenken, dachte ich. Erst nach und nach wurde mir bewusst, dass sie das nicht tat. Es fiel mir immer schwerer, mit dem verletzten Fuß Halt auf den teils wackeligen, teils scharfkantigen Felsen im Flusslauf zu finden. Auch setzte langsam ein leichter Schmerz ein, so dass ich mich schließlich zum Aufgeben entschied. Was, wie schon gesagt, einfacher gesagt als getan ist.

“Wir müssen noch ein paar Hundert Meter weitergehen, da gibt es die nächste Möglichkeit zum Ausstieg”, machte mir einer der Guides Mut. Die besonders komplizierten Stellen meidend dirigierte er mich weiter dem Flussverlauf entlang. Kletterpassagen wechselten sich mit tieferen Stellen ab, die ich auf dem Bauch durchs Wasser gleitend zurücklegte. Nach gut einer halben Stunde erreichten wir einen provisorisch in den Boden gestampften und notdürftig mit Holzpflöcken gesicherten Pfad, der steil nach oben aus dem Canyon heraus zu einer Straße führte. Diesem Pfad folgten wir.

Ich war inzwischen so erschöpft, dass ich alle paar Minuten Pause machen musste. Für die vielleicht 700 Meter bis zur nächsten, mit dem Auto zu erreichenden Kreuzung, brauchten wir daher gut und gerne 30 Minuten. Während der Guide von dort weiterging, um den Minibus zu holen, ließ ich mich erschöpft in den Bach neben dem Weg fallen.

Einer der großen Vorteile der dicken Neoprenanzüge ist, dass man damit praktisch nicht untergehen kann. Legt man sich  rücklings ins Wasser, taucht man genau so tief ein, dass Nase und Augen noch über der Wasseroberfläche sind. Das tat ich nun.

Dass ich später noch problemlos die dreieinhalb Stunden mit dem Auto zurück nach Karlsruhe gekommen bin, überrascht mich immer noch ein bisschen. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon gewusst, dass der Fuß gebrochen war, wäre ich natürlich nicht mehr gefahren. Aber Gasgeben und Bremsen bereiteten mir keine Probleme. Es gelang mir nach der Ankunft sogar noch, mein Gepäck auszuladen und  mir in Ruhe die Zähne zu putzen, bevor ich mich ins Bett legte.

Fies wurde es erst am nächsten Morgen: plötzlich konnte ich gar nicht mehr auftreten. Entsprechend verwirrt schaute mich auch der Taxifahrer an, als ich auf einem Bein zu seinem Wagen hüpfte, um mich zum Arzt fahren zu lassen. Der stellte dann fest: Kahnbein gebrochen. “Dass Sie nicht auftreten können, wundert mich nicht. Mich wundert eher, dass sie gestern überhaupt noch einen Schritt gehen konnten”, erklärte er, bevor er die Arzthelferin anwies, mir “das volle Programm” zu geben – Vacoped-Schuh (statt Gips) und zwei Krücken.

2015-07-24-Vacoped-Schuh

Dazu gab es eine Überweisung zum Radiologen für eine Computertomographie (Montag in einer Woche, um eine OP auszuschließen) und ein Rezept für 20 Spritzen, die ich mir nun täglich selbst geben darf, um Thrombose vorzubeugen. Profi-Junkie eben.

In diesem Sinne, wie schrieb unser stellvertretender Chefredakteur bei Facebook so nett? “Dann gute Besserung…wenn wir die Fortgeschrittenen-Tour machen, nehmen wir dich wieder mit” – ich würde ernsthaft darüber nachdenken …

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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