Zeitreisen

Ohne mich

Vielleicht hätte es geholfen, wenn ich einfach zehn Minuten später aufgestanden wäre. Dann hätte ich weniger Zeit gehabt. Dann hätte ich die Zeitung weniger gründlich gelesen.

Ich wäre an den Berichten zu Georgien hängen geblieben und vielleicht auch an dem Artikel zum Jahrestag des Prager Frühlings. Ich hätte ein wenig zum Thema Olympia gelesen und im Feuilleton, den Rest hätte ich überflogen. Vermutlich hätte ich die „Nachts in“-Serie einfach überblättert.

Habe ich aber nicht. Ich hatte Zeit und habe ihn gelesen, den Artikel über das Berliner Nachtleben. Ich gebe zu, ich fand ihn nicht besonders gut geschrieben, zumindest nicht aus Sicht von einem, der mal dort gelebt hat. Der Magie dieser Namen konnte ich mich trotzdem nicht entziehen. „Bar 25“, „Prenzlauer Berg“ und sogar „Ostkreuz“ (versteckt im Bildnachweis). Den Rest hat meine Erinnerung erledigt. 

Auf einmal waren sie wieder da, die Bilder aus fast drei Jahren Hauptstadt. Seit zwei Monaten bin ich nun weg. Nach und nach häufen sich die Ereignisse, die wieder stattfinden – und bei denen ich von diesem Wieder ausgenommen bin: Geburtstagsfeiern, spontanes Grillen im Park oder auch auf dem Bürgersteig, alte Freunde. Kurz: Es ist traurig, wenn man merkt, dass das Leben auch ohne einen weitergeht. 

Einerseits. Andererseits ist es doch auch gerade das Wissen um die eigene Ersetzbarkeit, die frei macht. Mein Platz im „Fengler“ wird ebenso wenig leer bleiben wie der Terminkalender meiner Freunde in Berlin. Wer meint, unabkömmlich zu sein, der irrt. Und das ist gut so. Wie sonst sollte man irgendwo weggehen und irgendwo anders wieder ankommen?

In diesem Sinne, gute Reise!

PS: Dies war übrigens mein 200. Eintrag – aber das nur am Rande ;o)

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

Kommentar verfassen