Gedankenwelten Karlsruhe Mitmenschen

Oben

Ich war noch nie in der ersten Etage. Bis gestern. Und das, obwohl ich nun schon seit über eineinhalb Jahren in diesem vierstöckigen Haus wohne. Hochparterre. Gestern war ich dafür gleich ganz oben, im vierten Stock.

Ist es nicht komisch, wie oft wir das Naheliegende ignorieren? An einem normalen Tag laufe ich mindestens vier Mal an der Treppe vorbei, die in meinem Haus nach oben führt. Zwei Mal, wenn ich morgens die Zeitung reinhole, einmal auf dem Weg zur Arbeit und noch einmal, wenn ich abends wieder nach Hause komme. In den 19 Monaten, die ich nun schon hier wohne, habe ich die Treppe trotzdem kein einziges Mal benutzt. (Dabei wurde die Reinigung derselben natürlich in meiner Nebenkostenabrechnung aufgeführt.)

Dass ich nun zum ersten Mal doch nach oben gegangen bin, war der Paketbote schuld – und ich fürchte, der mag mich nun nicht mehr. Frei nach dem Motto „wenn schon – denn schon“ musste er nämlich bis ganz nach oben laufen. In den anderen Etagen hätte ihm niemand aufgemacht, so jedenfalls mein Nachbar aus dem 4. Stock. Darum habe er das Paket für mich angenommen und der Paketbote eben bis ganz nach oben laufen müssen. So wie ich, als ich das Paket abgeholt habe.

Normalerweise lasse ich Pakete direkt in die Redaktion liefern. Hier wird das Paket auf jeden Fall angenommen. Außerdem riskiere ich hier nicht, dass es zwar angenommen wird, danach aber tagelang bei einem Nachbarn liegt, der nach der Paketannahme erstmal tagelang nicht zu Hause ist.

Dieses Paket habe ich allerdings nicht selbst bestellt, es war ein Geschenk. Zu Umwegen werden wir fast immer von außen gezwungen. Manchmal ist das auch gar nicht schlecht. Manche von uns würden sich sonst vermutlich nie bewegen.

In diesem Sinne, einen Gruß an den Paketboten!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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