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Nackt bügeln

„Ich bügel normalerweise nackt“

Wir kannten uns zehn Minuten, als sie mir diese Eröffnung machte. Außerdem hatte sie eine Schere in der Hand. Die Schere machte mir allerdings weniger Sorgen, schließlich war sie Friseurin und gerade dabei, mir die Haare zu schneiden. Der Satz mit dem Bügeln dagegen verwirrte mich.

Wie kam es, dass mir diese zwar sympathische, aber irgendwie ja doch fremde junge Frau mir nach nur ein paar Minuten so etwas erzählte? Zwar war die Aussage lange nicht so sexuell anzüglich gemeint, wie sie hier aufgeschrieben vielleicht wirkt. Trotzdem habe ich in den 35 Minuten, die ich gestern beim Friseur verbracht habe, mehr über die 22-Jährige Scherenkünstlerin erfahren als ich über manchen jahrelangen Bekannten weiß. (Ich hatte übrigens das Gefühl, der Chefin der jungen Friseurin ging es nicht anders).

Ich weiß zum Beispiel, dass sie einen Bruder hat, der als Kind fast von einem Schrank erschlagen wurde. Ich habe die Brandwunde am Bauch gesehen, die sie sich beim Nackt-Bügeln zugezogen hat, und ich weiß von ihrem abgebrochenem Fach-Abi, und welche Sorgen ihre Mutter sich manchmal wegen ihr macht. Außerdem ist sie der einzige Mensch, den ich kenne, der es geschafft hat, beim Rückwärtsfahren an einer roten Ampel geblitzt zu werden.

Was ich nicht weiß: Warum sie mir all das erzählt hat. Woher kommt es, dass wir bei manchen Menschen das Gefühl haben, ihnen alles mögliche erzählen zu können (und zu wollen), bei anderen hingegen bleiben wir über Jahre an der Oberfläche, ohne es wirklich erklären zu können.

Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass es Männern oft genügt, wenn eine Person zu einer bestimmten Gruppe gehören, um Vertrauen aufzubauen. Im Versuch war das etwa, dass die andere Person dieselbe Universität besucht hatte wie sie selbst. Frauen dagegen benötigen in der Regel einen persönlichen Aspekt, der Vertrauen rechtfertigt.

Was dieser Aspekt in diesem Fall war, weiß ich nicht. Ich habe auch keine Lust, groß darüber nachzudenken. Der Kopf, hat ein kluger Kopf einmal gesagt, ist ohnehin nur dazu da, die Entscheidungen des Bauches zu legitimieren. In so fern interessiert es mich auch nicht wirklich, dass meine Haare nun doch wieder kürzer geworden sind, als mein Kopf es geplant hatte.

In diesem Sinne, Gruß an die liebe Friseurin M.!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Das mit dem ungewollten Informationsgewinn kenne ich irgendwoher. Habe es bisher immer darauf geschoben, dass ich von Jobs wegen mit jeder Art von Mensch zu reden imstande sein muss. Freut mich zu hören, dass es anderen genauso geht.
    Und was das Bügeln angeht: Irgendwo muss man ja noch erfolgreich vermeiden können. Hemden hängen sich eh der Schwerkraft folgend recht gerade aus…

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