Gedankenwelten

Bauchgefühl

Irgendein kluger Kopf hat einmal gesagt, der Kopf sei vor allem dazu da, die Entscheidungen des Bauchs zu legitimieren. Leider weiß ich nicht mehr, welcher kluger Kopf das gesagt hat, muss aber neidlos zugeben: er hatte recht! Denn, geben wir es doch zu, egal wie lange wir über einem Entschluss grübeln – die Entscheidung stand doch oft schon vorher fest. Wozu da eigentlich noch den Kopf als Alibi bemühen?

Seit einigen Jahren läuft bei RTL die Sendung „Wer wird Millionär?“. Vor einiger Zeit hat sich ein Wissenschaftler der Uni Witten-Herdecke mit der Frage beschäftigt, welche Kandidaten eigentlich, statistisch gesehen, besonders gut abgeschnitten haben. Interessanterweise kam raus, dass eben nicht Studierte und sonstige Akademiker waren, die durch besonders hohe Gewinne glänzen konnten. Erfolge verbuchten dagegen gerade die vermeintlich weniger Gebildeten: „Wer mehr weiß, liegt in bestimmten Situationen oft weiter daneben als jener, der sich in Zweifelsfällen auf sein Bauchgefühl verlässt“, sagt der Vater der Studie, Joachim Prinz.

Ob das auch im wahren Leben gilt? Vor kurzem stand ich vor einer – für mich – recht schwierigen Entscheidung. Ich habe lange gegrübelt, habe Pro und Contra abgewägt und mit verschiedenen Leuten über mein Dilemma gesprochen (Telefonjoker, quasi). Ich habe die obligatorische Nacht darüber geschlafen (schlecht, übrigens) und letztlich mit dem Kopf genau die Entscheidung getroffen, die mein Bauch längst bekannt gegeben hatte.

Klar, ich wollte mich vor mir selber absichern, nicht leichtfertig eine Chance vergeben und vor allem nicht aus den vermeintlich falschen Gründen (Bequemlichkeit, Feigheit, Trägheit). Trotzdem war mir eigentlich von Anfang an klar, wie meine Wahl ausfallen würde und auch ausgefallen ist. Und das, obwohl ich mir immer noch nicht sicher bin, ob der Kopf am Ende überhaupt die entsprechenden Argumente zu liefern in der Lage war. Der Bauch hatte eben gesprochen, Punkt.

Die offensichtliche Überlegenheit de Bauches kann man übrigens auch im sonstigen Alltag ganz gut beobachten. Schließlich ist es ein nicht ganz aus der Luft gegriffenes Vorurteil, dass einkaufende Frauen zwar Stunden brauchen, um wirklich sämtliche Geschäfte in der näheren und weiteren Umgebung abzuklappern, bloß um letztlich das zu kaufen, was sie im ersten Laden als erstes in der Hand hatten. Hier hat der Kopf dann zwar Verstärkung durch die Beine, den Bauch schlägt er dennoch nicht. Aber das nur mal so am Rande …

In diesem Sinne, Gruß auch an all die anderen Körperteile!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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