Gedankenwelten

Unüberwindbar

Er sieht grimmig aus. Die Mütze hat er tief ins Gesicht gezogen, der Blick darunter ist benebelt und wütend zugleich. Während er in die U-Bahn steigt, zischt er einem unsichtbaren Feind etwas zu, nuckelt an seinem Bier und stöpselt sich dann ein Paar Kopfhörer ins Ohr, aus denen lauter Gangsta-Rap zu hören ist.

Außer ihm sind an diesem Sonntag morgen nur wenige Leute mit der Bahn unterwegs. Eine karge Mischung Leuten, die wie ich Sonntags ins Büro fahren und welchen, die offensichtlich vom Feiern nach Hause fahren. Der grimmige Gangsta gehörte eindeutig zur letzteren Spezies. Während die Musik aus seinem MP3-Player die Bahn beschallt sinkt sein Kopf langsam nach vorne und der Rap mischt sich mit leisen Schnarchlauten. Bis das Streichorchester einsetzt.

Ich brauche einen Moment, um zu realisieren, woher plötzlich die klassische Musik kommt, und nicht nur ich gucke mich suchend um. Auch die anderen Bahnfahrer sind irritiert. Daran ändert sich auch nichts, als wir die Quelle der Musik lokalisiert haben: es ist das Handy des Gangstas – statt zu klingeln spielt es Beethovens 9. Symphonie und übertönt damit sogar die aggressiven Töne aus seinen Kopfhörern.

Zugegeben, ich kenne den Besitzer des Handys nicht. Ich habe mir in den zwei oder drei Sekunden ein Bild von ihm gemacht, als er in die Bahn stieg. Beethoven oder allgemein die Affinität zu klassischer Musik kamen darin nicht vor. Ich war oberflächlich und ich stehe dazu. Manchmal gönne ich mir den Luxus, Menschen einfach aufgrund des ersten Eindrucks in eine Schublade zu stecken.

Bei anderen Menschen wiederum brauche ich keine Schubladen. Ich kenne sie gut und habe das Gefühl, dass auch sie mich ganz gut durchschauen. Im täglichen Sprachgebrauch würde ich diese Menschen wohl als „gute Freunde“ bezeichnen, freilich ohne, dass wir vorher eine Liebesbeziehung gehabt hätten, die es nun schonend zu beenden gelte.

Diese Menschen sind mir über die Jahre (manchmal auch nur Monate) wirklich ans Herz gewachsen. Unzählige Gespräche und gemeinsame Erlebnisse haben eine Nähe entstehen lassen, die man nicht künstlich heraufbeschwören kann. Man kennt sich, erzählt einander auch die peinlichen Geschichten oder wenn man vor etwas Angst hat. Manchmal braucht man dafür nicht mal Worte.

Trotzdem frage ich mich manchmal, wie nah man einem anderen Menschen eigentlich kommen kann. Man guckt tief in den anderen rein, aber ab einem gewissen Punkt ist Schluss. Es gibt Dinge, die nur ich von mir weiß, sonst niemand. Das ist gut so, dennoch bin bin ich dann und wann irritiert, wenn selbst meine besten Freunde von dem einen oder anderen Charakterzug völlig überrascht zu sein scheinen.

Ein mir sehr nahe stehender Mensch hat mir gegenüber einmal gesagt, am Ende sei jeder allein. Das mag ein schmerzhafter Gedanke sein, aber vermutlich ist er wahr. In jedem von uns gibt es Mauern, die niemand überwinden kann, egal wie nah er uns kommt. Vielleicht muss das so sein, vielleicht ist es sogar gut so. Irgendwie traurig ist es trotzdem, zumindest manchmal.

In diesem Sinne, trotzdem nicht entmutigen lassen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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