Gedankenwelten

Total Recall

Als Arnold Schwarzenegger noch Schauspieler und nicht Gouverneur war, hat er einmal in einem Film mitgespielt, der Total Recall hieß. Darin geht es unter anderem um eine Firma, die Erinnerungen verkauft. Statt Dinge zu erleben, kann man sich statt dessen auch einfach nur die Erinnerung daran einpflanzen lassen. Diese Erinnerungen, etwa an einen fiktiven Urlaub, seien letztlich sogar besser, als wenn man den Urlaub selbst gemacht hätte, wirbt die Firma mit den passenden Namen REKALL.

Wenn man einmal darüber nachdenkt, muss man zugeben, dass die Idee recht überzeugend ist. Letztlich ist das Leben eine Ansammlung von Erinnerungen, oft verfälscht, einseitig, idealisiert, traumatisiert, etc. Das Jetzt ist praktisch schon Vergangenheit, wenn es im Gehirn ankommt und entfaltet erst durch das Erinnern daran seine Wirkung. Warum dann überhaupt den Umweg über das Machen gehen, wenn man den Rückblick auch als Instant-Lösung serviert bekommen könnte?

Zumal Erinnern nichts Statisches ist, im Gegenteil. Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass sich Erinnerung verändert. Wie ein Buch, dass man bei jedem Lesen auch neu schreiben muss, verändern sich Erinnerungen jedes Mal, wenn man sie hervor kramt. Fast als würde man mit sich selber zeitverzögert „Stille Post“ spielen. Gerade bei sehr frühen Erinnerungen wissen wir oft nicht, was wirklich und was über die Jahre erfunden oder verzerrt wurde. Sie speisen sich weniger aus dem Erlebten und mehr aus dem, was einem später von Eltern und anderen erzählt wurde. REKALL-light, quasi.

Ich finde es unheimlich, wenn mir in in manchen Situationen schlagartig bewusst wird, wie ich mich an dieses oder jenes von eben diesem Moment erinnern werde, obwohl ich noch mittendrin stecke. Das Kuriose dabei ist, dass ich mir oft sogar von vornherein darüber klar bin, dass ich die Erinnerung vergolden werde, obwohl ich im Augenblick des Erlebens doch genau weiß, dass der Augenblick es trotzdem eigentlich gar nicht verdient hat, so erhöht zu werden.

Andererseits hilft mir dieses Wissen auch manchmal. Das Bewusstsein, dass ein Moment später höchstwahrscheinlich in die Hall of Fame der Erinnerungen aufgenommen werden wird, zwingt ja praktisch dazu, bewusster zu erleben. Zumindest kann man es sich vornehmen.

Total Recall endet offen. Es bleibt unklar, ob die geschilderten Ereignisse Wirklichkeit, Arnold Schwarzenegger Agent und Widerstandskämpfer ist, oder ob nach dem Abspann im Labor von REKALL aufwachen und in sein altes Leben zurückkehren wird. Wie später der Film Matrix spielt Total Recall mit der Frage nach der wahre Realität. Sprich: wie sollen wir Erlebtes von Erdachtem (oder injiziertem Erdachten) unterscheiden? Woher weiß der Träumer, dass der Traum Traum und die Wirklichkeit Wirklichkeit ist und dass es letztlich nicht anders herum ist. Offen bleibt allerdings auch die Frage, ob das überhaupt eine Rolle spielt.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Träumen … oder Leben!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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