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Heimatgefühle

Der Raum ist geschrumpft, zumindest kommt er mir kleiner vor. Einige der alten Möbel sind noch da. Dazwischen stehen allerdings allerlei andere Dinge rum, die anscheinend sonst nirgends Platz fanden: ein paar zusammenklappbare Gartenstühle, Kisten mit alten Videokassetten, Bücher. Was früher mein Zimmer war, ist heute eine Art Lagerraum. 

Der Ort, in dem ich aufgewachsen bin, ist nur vier Zugstunden von Berlin entfernt. Meine Eltern und viele meiner Freunde leben noch hier. Entsprechend schaue ich alle drei oder vier Monate hier vorbei. Normalerweise nur für ein paar Tage, trotzdem sind die Besuche jedes Mal eine kleine Reise in die Vergangenheit.

Mehr als zwei Jahrzehnte habe ich hier gewohnt, habe mich zu Hause gefühlt. Heute nicht mehr. Konnte ich mich früher langsam an Veränderungen gewöhnen, nehme ich diese jetzt wie im Zeitraffer betrachtet wahr. Jahrelang einstudierte Wege funktionieren plötzlich nicht mehr, weil sie neue Richtungen bekommen haben (im wahrsten Sinne des Wortes – in der Innenstadt wurde an zahlreichen Stellen die Verkehrsführung geändert). Wusste ich früher genau, wo man tagsüber in der Innenstadt günstig parken konnte und wann abends der letzte Bus fuhr, muss ich heute erstmal nachfragen. „Meine Stadt“ ist mir fremd geworden.

Ich finde das nicht so schlimm. Im Gegenteil, ich genieße den Blick aus der Distanz. Plötzlich erschließen sich mir Sichtweisen, die ich vorher so nicht gekannt habe. Zugleich wird mir bewusst, wie zu Hause ich mittlerweile hier in Berlin bin. Das gefällt mir.

In diesem Sinne, gute Reise!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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