Desillussionierend Tresenweisheiten Zeitreisen

Friseurgeschlechteraltern

Der kleine Unterschied war ihm dann doch wichtig. Vielleicht weil ich zu diesem Zeitpunkt schon angedroht hatte, darüber zu schreiben. “Es ist eine Friseurin”, betonte er energisch, “kein Friseur!”

Das Geschlecht des Friseurs – sorry: der Friseurin – war allerdings nur ganz am Rande ein Thema. Eigentlich ging es nämlich um etwas ganz anderes: Woran man merkt, dass man älter (alt?) wird. Nämlich zum Beispiel daran, dass man schon beim Verlassen des Salons den nächsten Friseurtermin in der Tasche hat. Oder auch die nächsten drei Friseurtermine (“Ich hatte Urlaub geplant, sie hatte Urlaub geplant – wir mussten das koordinieren!”).

Ich gebe zu, das klingt jetzt nicht nach einem ernsthaftem Gespräch. Trotzdem lassen mich solche Blödeleien seit einiger Zeit immer ganz nachdenklich werden. Ist man immer nur so alt, wie man sich fühlt – oder fühlt man sich irgendwann ganz automatisch so alt, wie man ist? Und was ist, wenn das Sprichwort zwar stimmt, der Umwelt dessen Inhalt aber völlig egal ist?

Ich fühle mich selten wirklich wie 32. Darum bin ich zum Beispiel auch immer noch irritiert, wenn offensichtliche Studi-Kellnerinnen mich ganz selbstverständlich siezen. “Wir machen das so, weil es höflicher ist”, erklärte mir vor einigen Wochen eine vielleicht 20-jährige Servicekraft. Was soll ich sagen? Da hat sie Recht! In einer klassischen RTL2-Doku könnte ich schließlich glatt ihr Vater sein. Andererseits wird in RTL2-Dokus recht selten gesiezt, soweit ich es mitbekomme. Aber das ist ein anderes Thema.

Frustrierend finde ich manchmal, dass mir zwar immer noch viele Möglichkeiten offenstehen, es aber trotzdem nicht mehr das selbe ist wie noch vor zehn oder zwölf Jahren. Würde ich mich jetzt entscheiden, doch noch Arzt werden zu wollen, wäre das theoretisch durchaus möglich. Im Medizinstudium wäre ich dennoch ein Fremdkörper. Ich könnte heute nicht mehr mit derselben Leichtigkeit zur Uni gehen wie ich es vor zwölf Jahren getan habe – und wie es meine dann-Kommilitonen heute tun. Zu viel Gedankenballast (im Volksmund: Wissen, Erfahrungen).

Andererseits wollte ich auf eben diesen Ballast auch nicht verzichten. Vieles davon ist schließlich hart erarbeitet. Und was man sich einmal über lange Jahre angeeignet hat, gibt man nicht so einfach wieder her.

Hin und wieder frage ich mich allerdings, ob ich heute nicht in derselben Situation bin wie damals – und irgendwann später genau so auf das heutige Jetzt zurückschauen werde. Wie fühlt es sich an, irgendwann mit 64 auf das 32-jährige Ich zurückzugucken?

In diesem Sinne und um es mit den Worten kommunistischen Kängurus zu sagen: “Ist es nicht zu früh für eine Midlife-Crisis?” – “Woher willst Du denn wissen, wie alt ich werden will?!”

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.