Desillussionierend Mitmenschen Zeitreisen

E-Altmodisch

2013-10-27-aol

Ich schreibe Briefe. So richtig mit Papier, Umschlag, Briefmarke und so. Und um das Klischee komplett zu machen: ich nutze dafür einen Füller. Beim E-Mail-Schreiben kann ich auf all das verzichten. Allerdings habe ich das Gefühl, eine E-Mail zu verschicken, ist inzwischen fast genau so altmodisch wie das manuelle Auftragen von Tinte auf Papier.

Natürlich: beruflich ginge es nicht ohne elektronische Post. 20 oder 30 E-Mails am Tag sind die Norm, im allgemeinen Redaktionspostfach landet an einem normalen Werktag locker das Zwanzigfache an E-Mails. Was die private Kommunikation angeht, komme ich mir allerdings vor wie ein Exot. Man kommuniziert über WhatsApp, Facetalk oder Google Talk – per Mail werden höchstens mal Dateien oder ein paar Satzfetzen verschickt. Eine E-Mail im herkömmlichen Sinne schreibt kaum noch jemand.

Der Grund ist vermutlich, dass kaum noch jemand am normalen Rechner sitzt. Gemailt wird per Smartphone oder Tablet, beides nicht unbedingt Geräte, mit denen man seitenlange Ergüsse ausformuliert. Wozu auch, die meisten Sachen lasse sich doch mit den oben genannten Diensten mal eben zwischendurch klären. Und im Notfall kann man ja immer noch eine längere Facebook-Nachricht schicken.

Die bietet dann auch den Vorteil, dass man sich keine Gedanken mehr über E-Mail-Adressen machen muss. Blättere ich die Kontakte in meinem Handy durch, komme ich bei manchen auf bis zu fünf E-Mail-Adressen – die beruflichen Adressen sind dabei noch ausgeklammert. Welche gilt nun? Einfacher ist es da natürlich, einfach per Facebook Kontakt aufzunehmen.

Außerdem ist es so schön unverfänglich. Als ich vor eineinhalb Jahren in Rom war, ist mir das zum ersten Mal aufgefallen. Man tauscht nicht mehr E-Mail-Adressen aus, wenn man jemanden kennengelernt hat. Man fragt nach Facebook-Namen. Das ist nicht nur unverfänglicher, sondern aus den oben genannten Gründen sogar praktischer.

Dennoch mag ich die gute, alte E-Mail. Mit einer gewissen Wehmut erinnere ich mich an die Zeit, in der ich mehrere E-Mails offline geschrieben habe, um sie dann mit einem Schwung zu verschicken, weil Internet-Verbindungen noch nach Online-Zeit abgerechnet wurden. Ich freue mich, wenn ich eine elektronische Nachricht bekomme, der ich anmerke, dass sich jemand mehr als zwei oder drei Minuten Zeit genommen hat. Aber ich werde ja auch langsam alt.

In diesem Sinne, @!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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