Papawelten Zeitreisen

Doppelt Papa, Kindheitserinnerungen und der zerstörte Staudamm

Es war nicht weit. 400 Meter vielleicht. Man musste die verkehrsberuhigte Straße, in der das Haus meiner Eltern stand, bis zum Ende gehen. Hier gab es einen kleinen Wendekreis, der an einen Wald grenzte. Zwei Spazierwege begannen hier. Einer führte schon nach wenigen Schritten zu einem kleinen Bach, an dessen Ufer eine Bank stand. Auf der Bank konnte mein Vater sitzen und Zigarillos rauchen. Den Bach, eher ein Bächlein eigentlich, konnte ich mit Staudämmen versehen, so dass sich kleine Stauseen bildeten. Ein Spiel, das mir nie langweilig wurde, und noch dazu eines, das ich bei jedem neuen Spaziergang von vorne beginnen konnte. Ein eifriger Förster zerstörte während unserer Abwesenheit zuverlässig jeden noch so schönen Staudamm.

Ich muss damals vier oder fünf Jahre alt gewesen sein. Für mich war dieser Fleck am Waldrand ein kleines Paradies. Eines, dass wir wohl vor allem am Wochenende aufsuchten, denn unter der Woche arbeitete mein Vater ja. Für meinen Vater dagegen war es die bequemste Möglichkeit, dem Wunsch meiner Mutter nachzukommen, mit dem Jungen ein wenig an die Luft zu gehen (und ihr eine kleine Auszeit zu gönnen).

Ich glaube nicht, dass mein Vater sich groß Gedanken gemacht hat, welchen Spaß ich mit dem Bau von Staudämmen haben könnte. Ihn lockte die Bank, denn so musste er nicht stehen, während er mir beim Spielen zusehen und auf meine Nachfrage meine Baukunst loben konnte. Außerdem war der Weg hierher überschaubar kurz.

Seit ich selbst Vater bin, muss ich oft an diese Zeit denken, wenn ich am Wochenende mit meiner Älteren losziehe. Ich liebe diese Stunden, die wir gemeinsam draußen verbringen, auch wenn sie noch nicht so weit ist, dass ich dabei lange auf einer Bank sitzen könnte. Dafür ist sie definitiv zu waghalsig und zu innovativ wenn es darum geht, neue Möglichkeiten zu finden, irgendwo hoch zu klettern.

Ich liebe meine Kinder über alles und ich liebe es, Zeit mit ihnen zu verbringen. Frei nach dem Motto: sie werden ja so schnell groß. Dennoch ist die schönste Spielplatzzeit eben auch Zeit, die ich früher für mich gehabt habe und jetzt, bei aller Liebe, nicht mehr für mich habe.

Meinem Vater wird es nicht anders gegangen sein. Ich finde deswegen sehr nachvollziehbar, dass er nach einer für ihn möglichst bequemen Methode gesucht hat, dem Wunsch meiner Mutter nachzukommen, doch „nun bitte auch mal was mit dem Jungen zu unternehmen“. Das gilt für den Spaziergang zu dem Bach und rückblickend auch für eine ganze Reihe weiterer Unternehmungen, etwa die sonntägliche Spielzeugladenrunde.

Das Faszinierende dabei ist: in meiner Erinnerung habe ich das nie so wahrgenommen. Gefühlt stundenlang Staudämme am Bach bauen zu dürfen, war für mich ein Highlight, an das noch heute gerne zurückdenke. Außerdem ist es eine Erinnerung, die ich sehr stark mit meinem Vater assoziiere.

Entsprechend frage ich mich heute: Woran werden sich wohl meine Töchter einmal erinnern, wenn sie an ihren Vater und ihre Kindheit zurückdenken? Sind es die vermeintlichen Highlights, die wir als Eltern ihnen bieten? Oder sind es am Ende wohlmöglich eher die banalen, alltäglichen Dinge?

Fakt ist: Ich habe keine Ahnung. Natürlich versuche ich meinen Kindern gewisse Erlebnisse mitzugeben, weil ich sie als wichtig oder für mich prägend empfunden habe. Trotzdem sind es in 40 Jahren vielleicht ganz andere Dinge, an die meine beiden Mädchen zurückdenken, wenn sie sich an ihre Kindheit und ihren Papa erinnern. Situationen und Rituale, die ich heute gar nicht wahrnehme, weil sie nie den Anspruch hatten, zur tiefsitzenden Kindheitserinnerung zu werden.  Möglicherweise sogar gerade die, bei aller Liebe, vor allem aus dem Wunsch heraus entstanden sind, uns als Eltern das Leben ein wenig zu erleichtern.

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Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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