Desillussionierend Tresenweisheiten

Die Wahrheit

Ich war so naiv. Sechs Wochen, habe ich gedacht, sechs Wochen braucht ein gebrochener Knochen, um wieder zusammenzuwachsen – dann springe ich wieder rum wie ein junges Reh. So ein Quatsch. Es ist Zeit, die Wahrheit zu sagen. Schließlich habe ich selbst oft genug nach Schlagworten wie “Mittelfuß gebrochen wann wieder laufen” oder “Fuß gebrochen wie lange dauert Heilung” gegoogelt, ohne eine eindeutige Aussage zu finden.

Um es vorweg zu nehmen: Es ist nun 13 Wochen her, dass ich mir beim Canyoning diverse Mittelfußknochen gebrochen habe und ich humpel immer noch ein bisschen. “Völlig normal”, hat mein Arzt gesagt. Am längsten würde ich mit der “Schwellneigung” zu kämpfen haben. Praktisch spüre ich die vor allem dann, wenn ich mir die Schuhe anziehe. Rechts habe ich  immer noch weniger Schnürsenkel für die Schleife zur Verfügung als links. Bin ich mehr rumgelaufen, als sonst, tut der Fuß hinterher weh.

Im Grunde genommen hatte ich Glück im Unglück. Zum Zeitpunkt des Unfalls war der Urlaub noch fünfeinhalb Wochen entfernt: drei Wochen Westküste USA zusammen mit I..

“Klappt schon”, meinte der Arzt. Ganz anders klang das eineinhalb Wochen später nach der Computertomographie. Zwei A4-Seiten umfasste der Bericht der Ärztin, in dem sie jeden gebrochenen Knochen auflistete. “Urlaub? In vier Wochen? Das sehe ich nicht …”

Am Ende bin ich doch geflogen, das erste Mal in meinem Leben mit Krücken. Auch habe ich das erste Mal in meinem Leben in einem Rollstuhl gesessen. Der Urlaubsfreude tat dies aber keinen Abbruch. Ich möchte keinen Tag missen.

Den Bruch spüre ich allerdings noch immer. Längere Strecken zu Fuß sind weiter eine Herausforderung, auch bei Treppen tue ich mich bergab noch schwer. “Völlig normal”, sagt meint Arzt auch hier. Vermutlich hat er Recht. Dennoch bin ich immer wieder überrascht, wie lange sich so ein Bruch bemerkbar machen kann. Bisher beschränkte sich meine praktische Erfahrung hier auf einzelne Finger oder Zehen, einmal ein Knochen irgendwo in der Handwurzel. Nie hat mich das im Alltag derart eingeschränkt. Aber vielleicht ist es ja gerade deswegen ein heilsame Erfahrung für mich. Ich bin eben doch nicht unverwundbar.

In diesem Sinne, ein herzliches gute Besserung an alle, die es brauchen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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